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Alte Meister altern anders

Aus dem Schmuckkästchen des Intendanten: Ein Stuttgarter Ballettabend

Die erste Premiere des Stuttgarter Balletts brachte ein Wiedersehen mit guten alten Bekannten. Die machen, meint Intendant Reid Anderson, auch nicht von ungefähr die DNA seines Hauses aus.

29.10.2015
  • WILHELM TRIEBOLD

Stuttgart Die Anderson-Feierlichkeiten haben längst begonnen. Mit dieser Spielzeit hat Reid Anderson, Lordsiegelbewahrer des Stuttgarter Ballettwunders, das künstlerische Erbe John Crankos und seiner Nachfolger bereits 20 Jahre lang gehegt und gepflegt. Und zwar so beständig, dass auf dieser Erfolgsschiene weitergefahren wird.

Der Jubilar lässt sich dann im Sommer ausführlich bejubeln. Doch die Saison beginnt schon jetzt mit Andersons ausgesuchtesten Lieblingsperlen. Er selbst vergleicht das mal mit einem Menü, mal mit einem abwechslungsreichen Gang durchs Museum: Und tatsächlich fördert der dreiteilige Abend "Kylián / van Manen / Cranko" gleichermaßen Museales wie Taufrisches zutage. Manches, was man immer wieder und auch länger betrachten möchte. Und anderes, was danach dann auch wieder im Depot verschwinden dürfte.

So macht "Poème de l'extase", publikumswirksam ans Ende gestellt, als jugendstilig in Bausch und Bogen durchgezogener Farbenrausch, zwar durchaus etwas her. Auf der Bühne, von Ausstatter Jürgen Rose als Klimt-Reinkarnation nahe zum Kitsch-Alarm dekoriert, räkelt sich das Personal in Crankos choreografisch wohl unbedeutendstem Handlungs-"Ballettle" in dekadenten, demi-mondänen Posen. Das wirkt meistens muffig bis schwülstig und wird nur zusammengehalten von der Beziehungsgeschichte zwischen reifer Diva und jugendlichem Möchtegern-Liebhaber.

Schöne Kameliendame verspürt angesichts des sie bedrängenden Galans das Verblühen und Vergehen als bittere Folgen des Alterns: Die wunderbare Sue Jin Kang, lange Jahre das ausdrucksstarke Primaballerinen-Gesicht des Stuttgarter Balletts, eilte dafür von ihrem aktuellen Arbeitsplatz (sie leitet inzwischen das Nationalballett in Südkorea) zum Teilzeitjob nach Stuttgart, um diese Liebesschmerz-Paraderolle wieder aufzunehmen. Und inzwischen nähert sie sich, das ist keineswegs ungalant gemeint, dem erfahrungsgesättigten Alter der Urbesetzung Margot Fonteyn an, für die Cranko diese tolle Rolle schuf.

Hier wird der Ballett-Tragödin Sue Jin Kang, die wie keine zweite bis in die Fingerspitzen leiden kann, mit dem frischgebackenen Kammertänzer Friedemann Vogel nun der eleganteste und zugleich stürmischste Danseur noble, den das Haus aufbieten kann, zur Seite gestellt. Allein für diese Kombination lohnt die komplette Wiederbelebung. Das Staatsorchester lässt Alexander Skrjabins "Poème"-Parfüm dazu betörend und betäubend aus dem Orchestergraben aufsteigen.

Und trotzdem: Gerade im Vergleich mit den ersten beiden Teilen erweist sich dieser alte Meister doch als etwas angejahrt und verblichen. Anders dagegen Jiri Kiliàns "Vergessenes Land": ein wiederum pyro-technisches Feuerwerk sich jagender Pirouetten, Grand jetés und Luftsprünge, zu Benjamin Brittens dräuender Sinfonia da Requiem sehr konzentriert getanzt von einer topfitten Compagnie.

Hans van Manens "Variations for two Couples" überzeugt danach mit verhaltener, genau dosierter und präzise designter Strenge, die von zwei aufmerksamen Paaren (Alicia Amatriain, Anna Osadcenko, Constantine Allen und Jason Reilly) auch stil- und zielsicher umgesetzt wird. Im Sommer ist er 83 Jahre alt geworden, der holländische Dauergast in Stuttgart, der sich hier auch vital wie immer den Beifall des Publikums abholte.

Sein Bravourstück "Solo", das eigentlich aus drei virtuos energiegebündelten Einzel-Kraftakten besteht, stellt zugleich die einzige Nicht-Wiederaufnahme dar: Bis jetzt war es lediglich während der letzten Silvestergala zu sehen. Die drei Nachwuchsleute Pablo von Sternenfels, Daniel Camargo und Louis Stiens tanzen das ganz fabelhaft und beweisen: der Wachwechsel am Stuttgarter Ballett hat ebenfalls schon längst begonnen.

Aus dem Schmuckkästchen des Intendanten: Ein Stuttgarter Ballettabend
Publikumswirksam und dekorativ: John Crankos Choreografie von "Poème de l'extase". Fotos: Stuttgarter Ballett

Aus dem Schmuckkästchen des Intendanten: Ein Stuttgarter Ballettabend
Getanzter Liebesschmerz: Sue Jin Kang und Friedemann Vogel.

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29.10.2015, 12:00 Uhr
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