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Eine Führung durch die Augenklinik eröffnete die diesjährige Reihe „Kennen Sie Tübingen?“

Augen auf im Altklinikum

Die erste „Kennen Sie Tübingen?“-Führung galt den Alt-Kliniken in der Innenstadt. Die Augenklinik, die in diesem Jahr ihre Gründung vor 100 Jahren feiert, stand dabei im Mittelpunkt.

22.07.2009
  • madeleine wegner

<strong>Tübingen.</strong> „Die Blinden und die Wahnsinnigen haben den schönsten Blick auf Tübingen“, scherzte Martin Rohrbach, der Oberarzt an der Augenklinik ist. Sowohl die Plattform vor dem Eingang zur Psychiatrischen Klinik als auch die Fenster in den oberen Stockwerken der Augenklinik bieten eine eindrucksvolle Aussicht über die Dächer der Altstadt bis hin zu Alb.

Doch Führung in der Reihe „Kennen Sie Tübingen?“ sollte den 60 vor allem älteren Interessierten einen besonderen Einblick in die Augenklinik bieten, die in diesem Jahr ihr 100. Gründungsjubiläum feiert.

Treffpunkt der Führung war die Frauenklinik und frühere Chirurgie, die den Endpunkt des Klinikbaus in der Innenstadt markiert, da alle späteren Klinik-Neubauten auf den Schnarrenberg auswichen.

Solitäre in einer

Parklandschaft

„Das Gebäude ist 1935 in einer besonderen Zeit und Situation entstanden – gerade als diese Architektur noch nicht als entartet galt“, erläuterte Bernd Selbmann, Leiter des Amtes für Vermögen und Bau. Im alten und mittlerweile restaurierten Patientengarten lenkte er die Aufmerksamkeit auf die Bauhaus-Einflüsse und die außergewöhnlich großen Balkone. „Das Gebäude hat eine sehr eigene Persönlichkeit, außerdem stimmen die Proportionen“, meinte der Architekt. Wie Selbmann erklärte, läge auch die Wahl des Standortes der Kliniken, die als Solitäre gebaut wurden und somit von Parklandschaft umgeben sind, in der Erbauungszeit begründet.

Zwischenstopp an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie: Die Baupläne sehen einen langen Neubau vor, der hinter dem von der Altstadt aus gut sichtbaren Quergebäude entstehen und den Patienten größeren Bewegungs- und Lebensraum verschaffen soll. Der Eingang soll dann in der Calwer Straße liegen.

Haupt- und Endstation war die Augenklinik. „Sie muss man in Zusammenhang mit der Entwicklung der Augenheilkunde sehen“, ist Oberarzt Martin Rohrbach überzeugt. So erfuhren die Teilnehmer der Führung, die dazu im Hörsaal der Klinik Platz genommen hatten, dass es die ersten Augenoperationen bereits vor 2500 Jahren gab. Beim so genannten Starstich wurde den Patienten in Indien und Mesopotamien damals mit einer Nadel die Linse auf den Boden des Augapfels gedrückt: In manchen Teilen der Welt ist das auch heute noch ein gängiger Eingriff, um einen grauen Star zu behandeln.

Als eigenes Fach existiert die Augenheilkunde jedoch noch gar nicht so lang. „Wir waren der Appendix der Chirurgie, die wollten das Auge nicht hergeben“, sagte Rohrbach. 1851 markiere dabei ein wichtiges Jahr, als Hermann von Helmholtz seinen Augenspiegel vorstellte. Das neue Instrument, das es erstmals ermöglichte, ins Auge hineinzusehen, habe für einen enormen Erkenntniszuwachs gesorgt.

Albrecht Eduard Nagel war der erste Lehrstuhl-Inhaber – er wurde 1874 erster ordentlicher Professor für Augenheilkunde an der Universität Tübingen. Bis zum Bau der ersten Tübinger Augenklinik 1875 in der Wilhelmstraße (heutige Unikasse) empfing er seine Patienten, wie damals üblich, in der eigenen Wohnung. Doch die Klinik sollte sich mit ihren 40 Betten und einem Operationssaal bald als zu klein erweisen. Beim rapiden Patientenzuwachs spielte die Einführung der Krankenversicherung durch Reichskanzler Bismarck eine bedeutende Rolle. Nagels Nachfolger Gustav von Schleich ließ die neue Augenklinik zwischen der alten Frauen- und der Psychiatrischen Klinik bauen.

In der Architektur mit ihren Jugendstil-Elementen sei – etwa im Gegensatz zur „Klinik für Gemüts- und Nervenkranke“ – eine veränderte Haltung erkennbar: Die Suche nach einer neuen Sprache, die wesentlich zurückhaltender, zweckorientierter und in der Folge auch preiswerter war, erläuterte Selbmann.

„Patientenkomfort muss angehoben werden“

Rohrbach machte bewusst, dass das unter König Wilhelm gegründete Haus fünf große Epochen mitgemacht hat. „Vieles war zentralisiert damals in der Klinik“, erzählte der Augenarzt: Im Keller gab es eine Wäscherei, außerdem verfügte die Klinik über eine eigene Küche und Gärtnerei.

Für heutige Ansprüche lässt der Komfort in der Klinik zu wünschen übrig: Bis zu fünf Patienten teilen sich ein Zimmer, die wenigen sanitären Anlagen befinden sich auf den Fluren. Von „Jugendherbergs-Charme“ sprach die Leiterin des Pflegedienstes Martina Zeitz schmunzelnd. „Der Patientenkomfort muss angehoben werden“, sagte Rohrbach.

Erfreut ist Bauamtsleiter Selbmann darüber, dass der Finanzierungsplan für den Neubau einer Augenklinik auf dem Schnarrenberg so an Fahrt gewonnen hat: Für 2014 ist nun der Umzug geplant.



Info

Die nächste „Kennen Sie Tübingen?“-Führung am kommenden Montag in der Ammertalbahn ist bereits ausgebucht. Für alle weiteren, ebenfalls kostenlosen Führungen ist keine Anmeldung nötig.

Augen auf im Altklinikum
Bernd Selbmann macht die Teilnehmer der ersten diesjährigen Führung „Kennen Sie Tübingen?“ auf die architektonischen Besonderheiten der alten Kliniken, hier der Augenklinik, aufmerksam. Bild: Metz

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22.07.2009, 12:00 Uhr
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