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Tübingen · Hilfe

Aufmunterndes aus der Tasche

Notfallpsychologische Unterstützung auf Intensivstationen ist keine Leistung des Gesundheitssystems. Dabei könnte das auch Seelsorger entlasten.

15.01.2020

Von Lisa Maria Sporrer

Der Glaube an Gott kann manchmal eine große Hilfe sein. Besonders auf Intensivstationen, auf denen es um Leben und Tod geht. „Selbst bei Familien, die nicht in religiösen Traditionen beheimatet sind, kann das Vertrauen in etwas Größeres stärken“, sagt Pfarrerin Gisela Schwager. „In Extremsituationen gibt es eine große Offenheit gegenüber Seelsorge.“ Noch größer als bei Erwachsenen sei diese Offenheit bei Kindern, sagt die Seelsorgerin, die seit zehn Jahren auch in der Kinderklinik arbeitet.

Hinter dem Konzept der Klinikseelsorge stehen die beiden großen deutschen Amtskirchen. Die Krankenhausseelsorge ist in Deutschland in der Verfassung garantiert. Kranke zu besuchen, Trauernde zu trösten und Sterbenden beizustehen gehört seit ihren Anfängen zum Kerngeschäft der Kirche. Angesichts veränderter Religiosität und medizinischer Professionalisierung eines hochspezialisierten Gesundheitssystems verändert sich auch die Seelsorge.

Denn es geht nicht nur um Trost. Auch nicht allein um Patienten und ihre Angehörigen. Ärzte, die an ihre Belastungsgrenzen kommen, und Schwestern, die sich mit verzweifelten Eltern konfrontiert sehen, brauchen auch Unterstützung. „Es geht darum präsent zu sein, Mut zu machen, Normalität zu stärken und auch Spaß zu haben“, sagt Schwager. Einiges aber könne Seelsorge nicht leisten: „Die Psychoedukation etwa, die Anleitung für Eltern zum Beispiel, wie sie mit Stress und Panik besser zurechtkommen können, das kann ich nicht. Und das mache ich auch nicht“, so die Pfarrerin. Denn um komplizierte medizinisch-wissenschaftliche Fakten so zu übersetzen, dass sie von Laien verstanden werden, müsse man vom Fach sein. Für Krisensituationen brauche es ein multiprofessionelles Team aus Ärzten, Sozialarbeitern, Seelsorgern und Psychologen.

Besonders Psychologen fehlen bisher in den Hilfs- und Beratungsangeboten von Kliniken. „Intensivstationen sind Orte, an denen sich ständig Menschen in wirklich außergewöhnlichen Krisensituationen befinden. Wo, wenn nicht da, braucht man eine fest verankerte und zuverlässig abrufbare Unterstützungsstruktur?“, sagt Teresa Deffner. Seit 2013 gehört die Psychologin zum Team der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Jenaer Uniklinikum. Neben Jena haben lediglich weitere vier Kliniken deutschlandweit Psychologen fest in das Team der Intensivstationen integriert. Auf Kinderintensivstationen ist die Versorgungssituation zwar besser, wie erste Daten aus einer aktuell laufenden Umfrage zeigen, sagt Deffner. Aber auch hier sei eine reguläre Unterstützung durch Psychologen nicht vorgesehen.

„Die notfallpsychologische Unterstützung sollte eine reguläre Leistung des Gesundheitssystems sein“, sagt Deffner, Sprecherin einer neu gegründeten Sektion innerhalb der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Eine Umfrage der DIVI an Kliniken ergab erst kürzlich, dass 80 Prozent der Befragten den sehr hohen Bedarf an psychologisch geschulten Mitarbeitern auf Intensivstationen bestätigten – um Patienten und Angehörige zu betreuen, aber auch, um Kollegen zu unterstützen.

Um derartige Strukturen in vielen Kliniken in Deutschland aufzubauen und bestehende Konzepte zu verbessern, arbeiten etwa 30 Mitglieder der DIVI – unter anderem Psychologen, Mediziner und Wissenschaftler – seit Mai 2019 in der Sektion „Psychologische Versorgungsstrukturen in der Intensivmedizin“ zusammen. Ihr Ziel: Die psychologische Betreuung fest in die Arbeit auf Intensivstationen zu integrieren. „In anderen stationären Bereichen wie der Onkologie oder Palliativmedizin gibt es bereits ganzheitliche Konzepte, die auch die psychologische Versorgung der Patienten einbeziehen. Das wollen wir auch für die Intensivstation erreichen“, sagt Deffner. Allerdings sei das noch ein weiter Weg. Solange müssen sich die Kliniken die Psychologen selber finanzieren.

In Tübingen war es Stephanie Rich, Kaufmännische Geschäftsführerin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, die für die Kinderintensivstation die Stelle einer Psychologin initiiert hat. „Die sehr komplexen Fälle bei uns häufen sich“, sagt sie. Tübingen hat einen guten Ruf, auch deshalb wird das Einzugsgebiet immer größer. „Unser Psychosozialer Dienst deckt schon sehr viel ab“, sagt Rich. Aber auf der Kinderintensivstation fehlte zunehmend eine permanente Ansprechpartnerin.

Mit Clivia Langer fanden sie eine Psychologin, die bereits in der Klinik arbeitete und Kriseninterventionserfahrung hat. Allerdings arbeitet die Psychologin auf der Kinder-Intensivstation nur zu 50 Prozent, weil sie noch andere Arbeitsbereiche hat. Stephanie Rich hat es nun geschafft, weitere 30 Prozent über Klinikgelder zu finanzieren. Aber auch das decke noch nicht den Bedarf.

Deshalb müssen die fehlenden 20 Prozent über Spenden finanziert werden. Dafür werden über einen Zeitraum von zunächst fünf Jahren rund 100 000 Euro an Spendenmitteln benötigt. Die Stelle mit einem Beschäftigungsumfang von 50 Prozent ist bereits, zunächst befristet auf zwei Jahre und zum nächstmöglichen Zeitpunkt, ausgeschrieben. Das würde auch die Seelsorgerin Schwager entlasten, die nicht nur für die Kinderintensivstation zuständig ist, sondern für einige weitere Stationen. „Mein Aufgabenbereich liegt ja nicht nur in der Krisenintervention“, sagt sie und zeigt auf ihre Tasche, die sie immer bei sich trägt. Viele kleine aufmunternde Dinge, die aufbauen sollen, Mut machen, Vertrauen geben sollen, bewahrt sie darin für die Kinder auf. Einen kleinen Engel etwa, ein LED-Licht für die Nacht und Segensbänder, auf denen steht: „Gott segne und behüte dich.“ Bei den Kinder in der Klinik ist sie als Frau mit der Tasche bekannt.

Die Pfarrerin kümmert sich auch um Geschwisterkinder, spielt mit den kleinen Patienten, tauft, segnet, verbringt mit Patienten und Angehörigen Zeit in der Kapelle. In den Spielzimmern und Stationen feiert sie zusammen mit Kindern und ihren Familien Feste wie Weihnachten, Ostern, Geburtstage. „Wenn wir hier Verstärkung durch einen weiteren Psychologen bekämen, hätten wir Seelsorger mehr Zeit für die Kinder und ihre Familien“, sagt Schwager. „Das wäre eine große Entlastung.“ Archivbild

2700 Euro bis Monatsende: Das ist doch zu schaffen!

Bis Ende Januar kann man noch für die Notfallpsychologie und/oder die Tübinger Rollstuhlbasketballer spenden und so den Spendenstand sechsstellig machen. Bislang sind 97 300 Euro zusammengekommen, fehlen also noch 2700. Die IBAN des TAGBLATT-Kontos bei der Kreissparkasse lautet: DE94 6415 0020 0000 1711 11. Bitte notieren Sie Ihre vollständige Adresse, wenn Sie eine Spendenquittung benötigen. Achtung: Ihre Adressdaten müssen wir nach Artikel 13 DSGVO für die Ausstellung einer Spendenquittung an die begünstigten Organisationen übermitteln und für sechs Monate speichern.

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Erstellt:
15. Januar 2020, 04:30 Uhr
Aktualisiert:
15. Januar 2020, 04:30 Uhr
zuletzt aktualisiert: 15. Januar 2020, 04:30 Uhr

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