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Aufklärung kommt nur langsam voran
Detlef Zander - hier mit einem Foto aus seiner Zeit im Kinderheim Korntal - zeigte sich enttäuscht vom Angebot der Brüdergemeinde. Foto: dpa
Missbrauchsvorwürfe in Korntaler Kinderheim: Brüdergemeinde bietet Opfern 5000 Euro an

Aufklärung kommt nur langsam voran

Die Missbrauchsvorwürfe ehemaliger Heimkinder gegen die Brüdergemeinde in Korntal haben im Sommer 2014 aufgerüttelt. Jetzt bietet die Gemeinde den Opfern je 5000 Euro - aus deren Sicht viel zu wenig.

08.02.2016
  • LENA MÜSSIGMANN, DPA

Stuttgart. Schläge, Missbrauch, Demütigung - Detlef Zander will Wiedergutmachung für die Grauen seiner Kindheit. 1,1 Millionen Euro. Er ist im Kinderheim der pietistischen Brüdergemeinde Korntal aufgewachsen, wo er seinen Berichten zufolge sexuell missbraucht und gedemütigt wurde. "Ich möchte wissen: Warum konnte alles passieren?", sagt er. "Man muss die Struktur der Brüder, die Struktur der Pietisten aufbrechen." Das sei mühsam. Jetzt bietet die Brüdergemeinde ihm und anderen Opfern "freiwillige Hilfen" in Höhe von je 5000 Euro - aus Sicht der Opfer viel zu wenig. "Ein Schlag ins Gesicht", sagt Zander.

Die Mädchen und Jungen waren 3 Jahre bis 14 Jahre alt, die mutmaßlichen Täter Erzieherinnen, Hausmeister, Lehrer, Gemeindemitglieder, wie Zander sagt. "Einige von ihnen leben noch." Auch das Gebäude, in dem Zander und andere Opfer den Erzählungen zufolge die dunkelsten Stunden ihrer Kindheit verbracht haben, stehen noch in Korntal. Heute ist dort die Verwaltung der Jugendhilfe Korntal untergebracht, die auch heute noch Kinder und Jugendliche betreut.

Die Aufarbeitung der Vorwürfe hat vor einem Jahr begonnen. Sie läuft zäh. Opfer wie Zander warten bisher vergeblich auf eine Entschuldigung. Von der Ankündigung der Brüdergemeinde, bis zu 5000 Euro an die Opfer zu zahlen, sind sie überrascht - und enttäuscht. "Ich werde das nicht tolerieren", sagt Zander. Er fordert bis zu 50 000 Euro pro Opfer. Dass die Gemeinde dadurch an die Grenzen ihrer finanziellen Möglichkeiten kommen könnte, kümmert ihn nicht. "Darauf kann ich keine Rücksicht nehmen." Seine Millionen-Klage lässt er derzeit ruhen, um die Aufarbeitung nicht zu gefährden, wie er sagt.

Im Sommer 2014 hatte Zander als erster die Vorwürfe gegen die Brüdergemeinde nach jahrzehntelangem Schweigen bekanntgemacht. Mehr als 200 angebliche andere Opfer hätten sich seither bei ihm gemeldet, 60 sind Mitglied in seiner Gruppe "Betroffenenforum Missbrauch in der evangelischen Brüdergemeinde Korntal".

Die Brüdergemeinde ist eine evangelische Freikirche. In ihren Kinderheimen sollen laut Opfervertretern zwischen 1959 und 1975 Kinder sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden sein - die Brüdergemeinde geht davon aus, dass einiges davon stimmt.

Zur Aufarbeitung der Vorwürfe haben sich Opfer und Brüdergemeinde mühsam auf eine Moderatorin geeinigt. Die Professorin für Soziale Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe aus Landshut (Bayern), Mechthild Wolff, ist Expertin für Missbrauch in pädagogischen Einrichtungen. Sie beklagt nach dem ersten Jahr Polemik in der Diskussion mit einigen Opfervertretern, konnte aber ein mit allen Seiten abgestimmtes Konzept für die weitere Aufarbeitung vorlegen.

Nun zieht sie sich zurück, um sich der wissenschaftlichen Aufarbeitung zu widmen. Das Betroffenenforum will jetzt eine Art externen Chefermittler finden, der nachbohrt und mit den Tätern von damals spricht. Die Brüdergemeinde sieht dafür keine Notwendigkeit.

"Wenn man lange genug wartet, erledigt sich die Sache von alleine", sagt Ulrich Scheuffele. Er ist Pressesprecher der zweiten Opfergruppe, der Arbeitsgemeinschaft (AG) Heimopfer Korntal, und war Anfang der 70er Zivildienstleistender im Kinderheim der Brüdergemeinde. Ihm und seinen rund zehn Mitstreitern geht alles zu langsam voran.

Der Vorsteher der Evangelischen Brüdergemeinde, Klaus Andersen, tritt den Vermutungen der Opfer entgegen und verspricht, dass die Brüdergemeinde Verantwortung übernehmen wird. "Wir wollen wissen, was damals geschehen ist." Die Brüdergemeinde wolle die Angelegenheit nicht aussitzen. Mit den 5000 Euro pro Person wolle die Gemeinde zeigen, dass sie "moralische Verantwortung" annehme.

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08.02.2016, 08:30 Uhr
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