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Stuttgart/Korntal

Aufklärer: Missbrauch in Brüdergemeinde nachgewiesen

In den Heimen der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal haben Kinder von 1945 bis in die 1980er Jahre körperliche und sexualisierte Gewalt erlebt.

07.06.2018
  • dpa/lsw

Stuttgart/Korntal. Das bestätigte ein Aufklärer-Duo nach gut einjähriger Arbeit in einem am Donnerstag in Stuttgart vorgestellten Abschlussbericht. Der Bericht bringe «erschreckende Gewissheit» darüber, was in den Heimen passiert sei, sagte der weltliche Gemeindevorsteher Klaus Andersen. «Wir bitten ehrlich und von Herzen um Entschuldigung.» Die Reaktionen der Betroffenen reichten von Ärger über angeblich mangelnde Opferbeteiligung am Aufklärungsprozess bis hin zu Genugtuung und Dankbarkeit.

Erziehungswissenschaftler Benno Hafeneger, der unter anderem Archivmaterialien der Brüdergemeinde analysiert hat, spricht von einer «Gewaltkultur» in den Heimen. In alten Akten habe er 18 dokumentierte Fälle von körperlicher und 15 Fälle sexualisierter Gewalt gefunden. «Man hat gewusst von Taten und Tätern.» Die Gemeinde habe damals zwar einige beschuldigte Mitarbeiter gekündigt und angezeigt, in anderen Fällen aber versucht, die Angelegenheiten heimintern zu klären - «man könnte auch sagen, zu vertuschen», sagte Hafeneger.

Die Richterin im Ruhestand, Brigitte Baums-Stammberger, hat gut 100 Betroffene interviewt. Sie kam zum Ergebnis, dass 56 ehemalige Heimkinder sexualisierte Gewalt, 85 psychische Gewalt und 93 körperliche Gewalt erlebt haben. Von den 81 beschriebenen Tätern hätten sich acht als Intensivtäter herausgestellt, darunter ein Hausmeister, der von 30 Betroffenen in Zusammenhang mit sexueller Belästigung und Vergewaltigung genannt worden sei. Juristisch sind die Taten verjährt.

Der Betroffene Detlev Zander hatte die Vorwürfe 2014 öffentlich gemacht und als erster Aufklärung gefordert. «Dieses Buch ist mein Lebenswerk», sagte er über den gut 400-seitigen Aufklärungsbericht mit dem von den Aufklärern gewählten Titel «Uns wurde die Würde genommen». Er empfinde Genugtuung und Erleichterung, weil nun schwarz auf weiß nachzulesen sei, was ihm und anderen in den Heimen angetan wurde. Er sei von dem Ergebnis geschockt, dass die Verantwortlichen der Brüdergemeinde damals laut Bericht von sexualisierter Gewalt wussten. «Keiner hat uns geschützt», sagte er. «Da müssten einem die Tränen kommen.»

Zander und andere Opfervertreter haben lange dafür gekämpft, dass die pietistische Gemeinde ihre weiter zurückliegende Vergangenheit aufarbeitet und Betroffene für das erlittene Leid entschädigt. Der Aufarbeitungsprozess wurde immer wieder aufgehalten - durch Konflikte unter Opfern, die zur Bildung mehrere Opfervertretergruppen geführt haben, und durch Streit mit der Brüdergemeinde und den Mediatoren - bis zuletzt.

Zander hatte sich wie einige andere Betroffene deshalb aus der Auftraggebergruppe der Aufklärung verabschiedet. Sie kritisierten am Donnerstag, dass Betroffene in dem Aufklärungsprozess nicht in dem Maße eingebunden worden seien, wie nun dargestellt werde. Die Anerkennungssummen seien lächerlich, kritisierte Thomas Mockler, der neun Jahre in Korntal im Heim war. Nach Angaben der Aufklärerin Baums-Stammberger wurden 1000 Euro bis 20 000 Euro pro Person ausgezahlt. Auch der Betroffene Wolfgang Schulz, der der Auftraggebergruppe bis zuletzt angehörte, sprach von Freude über den Abschlussbericht.

Im Rahmen der Aufklärung wurden offenbar auch Fälle von Gewalt gemeldet, die in den 1990er und 2000er Jahren stattgefunden haben sollen. Zander forderte von der Brüdergemeinde, auch diese Vorwürfe aufzuarbeiten.

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07.06.2018, 06:31 Uhr | geändert: 07.06.2018, 18:10 Uhr
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