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Der ganze Eschenburg

Aufarbeitung und Recherche sollen weitergehen

Nach dem Eklat schien die Sache fast schon gelaufen: Im September nahm der Politikwissenschaftler Claus Offe den Theodor-Eschenburg-Preis in Tübingen zwar entgegen, aber forderte zugleich eine Umbenennung des Preises wegen Eschenburgs Beteiligung an einem Arisierungsverfahren. Mit den jüngsten Recherchen von TAGBLATT-Redakteur Hans-Joachim Lang nahm die Debatte wieder an Fahrt auf. Eine Podiumsdiskussion im Audimax befasste sich mit den neuesten Erkenntnissen in der Causa Eschenburg.

23.01.2013

Von Ulla Steuernagel

Tübingen. In der TAGBLATT-Ausgabe vom vergangenen Samstag hatte Hans-Joachim Lang seine umfangreichen Recherchen zu Theodor Eschenburgs Vita der Jahre 1933 bis 1945 beschrieben. Diese Spurensicherung erbrachte zwar bislang keine neuen Erkenntnisse zur Beteiligung Theodor Eschenburgs an dem Enteignungsverfahren um den jüdischen Unternehmer Wilhelm Fischbein und dessen Ausreiseverbot. Dennoch hatte Lang herausgefunden, dass Eschenburg eine Reihe freundschaftlicher und geschäftlicher, eben in damaliger Zeit risikoreicher Beziehungen zu jüdischen Mitbürgern unterhielt.

Theodor Eschenburg

Der Podiumsdiskussion am Montagabend folgten rund 250 Zuhörer/innen im Audimax konzentriert und kontrovers gestimmt. Eher am Rande interessierte die Diskutanten das breit angelegte Thema „Zur Bewertung gebrochener Biografien in den Sozialwissenschaften“. Statt dessen spitzte sich die Debatte auf die Preisfrage zu – und darauf, ob man genug über Eschenburg wisse.

Als Moderator fungierte der Politikwissenschaftler Thomas Diez. Er konfrontierte mögliche Verfehlungen Theodor Eschenburgs während des Dritten Reichs mit dessen „unbestrittenen Verdiensten“ danach. „Ohne ihn“, so der Politikwissenschaftler, „gäbe es uns gar nicht.“

Die promovierte Politikwissenschaftlerin Hannah Bethke war im Herbst 2011 von der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW) mit einem Gutachten beauftragt worden. Ausgangspunkt war, so Bethke im Podium, zu überprüfen, was zuvor in einem Aufsatz an Vorwürfen gegen den Stammvater der Politologen erhoben worden war. Außer seiner bislang nicht publik gewordenen Rolle im Fischbein-Verfahren waren auch bekannte Vorwürfe darunter: Eschenburg als deutsch-nationaler Studentenführer bei der Lustnauer Schlacht, seine Mitgliedschaft in der Motor-SS und sein zurückhaltender Umgang mit der eigenen NS-Geschichte.

Im Mai 2012 gab die Politikwissenschaftlerin an der Uni Greifswald ihr Gutachten mit der Empfehlung ab, den Preis umzubenennen: Seine „Beteiligung am Arisierungsverfahren steht außer Zweifel“, befindet sie darin. Seine politische Anpassungsfähigkeit sei „sehr ausgeprägt“. Zwar sei er ein „Mitläufer“ wie viele andere gewesen, kein „Schwerverbrecher“ und auch „kein Antisemit“, aber zum Vorbild tauge er nicht. Langs Recherchen brachten ihrer Ansicht nach keine neuen Erkenntnisse. Sie habe „ausreichend Fragen gestellt“, entgegnete die Wissenschaftlerin auf Vorwürfe, die gegen sie erhoben wurden.

Lang hingegen hatte noch viele Fragen. Seine Recherchen, die er begann, weil er das Verhalten des Preisträgers als fragwürdig empfunden hatte, sind noch nicht beendet. Er sprach sich gegen eine „schnelle Bewertung“ aus, er räumte zwar ein mögliches Fehlverhalten Eschenburgs ein. Doch: „Es geht nicht nur um äußeres Verhalten, sondern auch um innere Haltung.“

Der Zeitgeschichtler Eckart Conze, der an der Uni Marburg lehrt und nicht zuletzt durch die Aufarbeitung der Geschichte des Auswärtigen Amtes bekannt wurde, sah die Debatte als Beispiel der neueren NS-Aufarbeitung. „Es geht hier nicht um eine zweite Entnazifizierung“, sagte er. Gründe für die in den 90er Jahren entfachte Neubewertung sah er in der deutschen Wiedervereinigung, die den Blick wieder auf die Elite-Kontinuitäten gelenkt habe, und in einer jüngeren Wissenschaftlergeneration, die mit größerem Abstand die NS-Zeit betrachte. Auf so wenig analytische Begriffe wie „Mitläufer“ sollte man aber gleich verzichten. Er plädierte dafür, die Eschenburg-Debatte nicht auf die zwölf NS-Jahre zu reduzieren, „sondern den ganzen Eschenburg in den Blick zu nehmen“. Wobei Conze zugleich empfahl, darauf zu achten, wie Eschenburg seine ersten 40 Jahre und die 54 danach zu „einem gleichsam Bundesrepublik-fähigen Gesamtnarrativ“ gemacht habe.

Ernste Gesichter beim ernsten Thema (von links): der Tübinger Politologe Thomas Diez, Gutachterin Hannah Bethke, der Marburger Zeitgeschichtler Eckart Conze, Redakteur Hans-Joachim Lang und der Politologe Hans-Georg Wehling.

Conze erkannte darin eine „typische Ambivalenz“: sich einerseits kritisch mit Demokratie- und Republik-Feindlichkeit auseinanderzusetzen, „sich selber aber nicht in diese Geschichte hineinzuschreiben“.

Hans-Georg Wehling, Politikwissenschaftler und selber Eschenburg-Schüler, versuchte die Frage, ob es in Eschenburgs Biografie nach 45 eine Zäsur gegeben haben, auf launige Weise zu beantworten: „Wir wissen in Schwaben, mit 40 werden die Leute erst gescheit.“ Der Einwurf wurde vom Publikum jedoch wenig goutiert. Wehling, der selber vor zehn Jahren mit dem gesamten DVPW-Vorstand dem Preis zu seinem Namen verhalf, hielt eine Umbenennung für übereilt. Das sei schließlich wie eine „unehrenhafte Entlassung“, dafür müsse man schon „sehr gewichtige Gründe“ haben. Eschenburg sei zugute zu halten, dass er immer gesagt habe: „Ich war kein Held!“

Möglicherweise, so wandte Diez ein, haben die Politikwissenschaftler ihrem Gründervater auch keinen guten Dienst erwiesen, indem sie ihn zu sehr überhöhten. Wäre ohne diese Idolisierung die Debatte vielleicht gar nicht entbrannt? fragte er Lang. „Ha, das ist schwierig zu beantworten“, meinte dieser. Er selber sei zu wenig Eschenburg-Experte und orientiere sich insgesamt eher an vorbildhaftem Verhalten als an großen Vorbildern. Aber er blieb dabei, dass man bislang noch nicht einmal sicher sagen könne, ob Eschenburg ein politischer Opportunist gewesen sei. Auch eine gebrochene Biografie könne er bislang nicht sehen.

Der emeritierte Politikwissenschaftler Rudolf Hrbek saß im Publikum und schien ungeduldig auf die Öffnung der Diskussion in den Saal zu warten. „Ich bin Herrn Lang außerordentlich dankbar“, sagte er und unterstrich ebenfalls seine Zweifel an der Gründlichkeit des Bethke-Gutachtens. Hrbek erinnerte daran, dass Carlo Schmid gleich nach dem Krieg Eschenburgs Lehrtätigkeit angeregt habe. „Mir fehlen überzeugende Hinweise, dass er es nötig gehabt hätte, sich zu wandeln.“ Als Vorsitzende der DVPW erklärte Gabriele Abels unmissverständlich, wer das letzte Wort in der Preisfrage habe: „Es kann nicht Sinn des Auditoriums sein, eine Empfehlung abzugeben!“ Dies sei eine innere Angelegenheit der DVPW. Für ein weiteres Gutachten sah sie jedoch, so erklärte sie nach der Diskussion, keine finanziellen Möglichkeiten.

Berichtigung: Hans-Georg Wehling war nicht an der Namensgebung des Theodor-Eschenburg-Preises durch die DVPW beteiligt. Im Bericht über die Diskussion am Montagabend im Audimax hatten wir das falsch wiedergegeben. Wehling hatte nur gesagt, dass sich die Namensgeber vor zehn Jahren einig waren, den Preis nach Theodor Eschenburg zu benennen.

Theodor Eschenburg (1904-1999) studierte Geschichte und Staatsrecht in Tübingen und promovierte 1928 in Berlin. 1925 kämpfte er als na-tional gesinnter Studentenführer in der Lustnauer Schlacht gegen Gewerkschafter und Demokraten. Von 1933 bis 1945 war er Geschäftsführer von Industrieverbänden. Nach dem Krieg trat er zunächst als Staatskommissar für Flüchtlingswesen in Württemberg-Hohenzollern und als Ministerialrat im Innenministerium in Erscheinung. Ab 1949 wurde Eschenburg Honorarprofessor, 1952 ordentlicher Professor für Politikwissenschaft in Tübingen. Von 1961 bis 1963 war Eschenburg Rektor der Uni. 1985 machte die Stadt ihn zum Ehrenbürger; ob es dabei bleibt, wird der Gemeinderat entscheiden. Zur Umbenennung des Preises wird sich die DVPW spätestens im Herbst erklären. Die Eschenburg-Vorlesungsreihe an der Tübinger Uni wird ihren Namen behalten, so erklärte Prof. Thomas Diez. Politikwissenschaftler sind noch unschlüssig / Gary Behrendt im TAGBLATT-Gespräch: Die Eschenburgs waren anständige Leute: Theodor Eschenburg: Mann der Mitte oder rechter Reaktionär? 06.07.2013 War er Antisemit? Sympathisant der Nationalsozialisten?: Eschenburg, das Dritte Reich und die Juden 23.01.2013 Noch viele Lücken in Eschenburgs Biographie: Podiumsdiskussion um umstrittenen Staatsrat 23.01.2013 Der ganze Eschenburg: Aufarbeitung und Recherche sollen weitergehen 23.01.2013 Schatten auf dem Lebenswerk: Wissenschaftler debattieren über Eschenburg 19.01.2013 Redner sagte ab: Eschenburg-Vorlesung wird ausgesetzt 13.10.2012 Nach Eschenburgpreis-Rede: Rektor Engler kritisiert Offe 02.10.2012 Ältere Politologen sind dagegen: Streit um Umbenennung des Eschenburg-Preises 29.09.2012 Heftige Diskussionen: Politologen gehen auf Distanz zu Tübinger Staatsrechtler Eschenburg 28.09.2012 Ein Brechtsches Lehrstück: Preisträger Offe schilt Eschenburg 28.09.2012 Geschichts-Initiativen kritisieren: Zu Unrecht gewürdigt: NS-Verstrickungen Tübinger Ehrenbürger 28.09.2012 Eschenburg belastet: Deutsche Politologen distanzieren sich 27.09.2012

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Erstellt:
23. Januar 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
23. Januar 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. Januar 2013, 12:00 Uhr

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