Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Hafentaucher Kurt Trinkl holt verlorene Wertsachen vom Grund des Bodensees

Auf submariner Fundsuche

Wer Geldbeutel oder Schlüssel auf einer Bootstour ins Wasser fallen lässt, steht erst Mal ratlos da. Hafentaucher Kurt Trinkl hilft bei der Suche.

04.08.2016
  • MAIK WILKE

Kressbronn. Ein modernes Hörgerät wiegt etwa 1,4 bis 2 Gramm und ist maximal 4 Zentimeter lang. Der Bodensee hat eine Fläche von knapp 540 Quadratkilometern und eine Tiefe bis zu 254 Metern. Fällt das kleine Gerät bei einer Bootstour ins Wasser, ist es für immer weg. Sollte man meinen. Doch Kurt Trinkl braucht gerade einmal sechs Minuten, um das Hörgerät aus der Tiefe des Sees wieder dem dankbaren und dann wieder gut hörenden Menschen zu überbringen.

Als Hafentaucher taucht Trinkl, wie der Titel vermuten lässt, nur im Hafengebiet, meist in Kressbronn. „Bis zu 30 Meter Tiefe sind drin, danach ist Schluss“, erzählt der 56-Jährige, der für den Hafenbetrieb Ultramarin unter Wasser geht. In ihrer Sorge, Geldbeutel oder Autoschlüssel könnten für immer auf dem Grund des Sees unter Schlick begraben sein, schicken Kunden Trinkl auf submarine Suche.

Vor allem Sonnenbrillen rutschen gern vom Kopf und Smartphones fallen aus der Hemdtasche. Wichtig ist es, sich genau zu merken, wo der Gegenstand über Bord ging. „Am besten mit einer Kreuzpeilung“, erklärt Trinkl. „Aber das machen nur erfahrene Segler und Bootsfahrer.“

Auf 98 Prozent schätzt Trinkl seine Erfolgsquote. Dafür hat er sich eine eigene Technik überlegt – die er aber nicht preisgibt: „Es muss ja nicht jeder so vorgehen wie ich.“ Dabei ist die Konkurrenz überschaubar. Rund um den Bodensee gibt es allenfalls eine Handvoll Hafentaucher. Die genaue Anzahl ist schwer einzuschätzen, da die Unterwassersuche eben nur einen Teil der Arbeit ausmacht. Trinkl selbst hat eine Ausbildung für Fahrzeug- und Karosseriebau absolviert. Nur von den Suchaufträgen, die etwa 10 Prozent seiner Arbeit ausmachen, könnte der Hafentaucher nicht leben.

Wartung und Reparatur der Boote im Dock sind die alltägliche Arbeit. Hinzu kommen besondere Aufträge. Vor zwei Jahren verschraubte Trinkl unter Wasser eine Spundwand, also ein Verbau zur Abdichtung gegen Wasser, für die neue Hafeneinfahrt in Kressbronn. „Da war ich von 7.30 Uhr bis 15.30 Uhr durchgängig im Wasser.“

Vor gut 35 Jahren tauchte Trinkl zum ersten Mal, im Urlaub mit einem Freund an der italienischen Küste. Es folgten mehrere Kurse bis zum Master Scuba Driver Trainer – zum Tauchlehrer mit hoher Qualifikation. Denn bis sich ein Taucher diese Berufsbezeichnung geben darf, muss er nach dem Grundkurs mindestens fünf weitere Lehrgänge absolvieren – vom Nachttauchen, Navigieren, Körper balancieren, Ausrüstungsspezialist, Tiefe und Tauchen mit angereicherter Luft mit 32 oder 36 Prozent Sauerstoff (der normale Sauerstoffgehalt in der Luft beträgt 21 Prozent). „Unter Druck wirkt Sauerstoff toxisch und narkotisierend“, erklärt Trinkl. Deshalb müsse der Umgang mit der höheren „Dosis“ gelernt werden, sonst droht schnell ein Tiefenrausch.

Länger als eine Viertelstunde braucht er, um in seinen Trockenanzug zu schlüpfen und die 20 Kilo schwere Ausrüstung anzulegen. Allein die Pressluftflasche wiegt 16, der Sauerstoff nochmal 2 und die Lampe 4 Kilogramm. Je nach Tiefe bleibt Trinkl dann bis zu einer Stunde im Wasser.

„Bei 30 Metern Tiefe sind aber 20 Minuten das Maximum. Dann geh ich lieber zwei- bis dreimal runter.“ Etwa 7 bis 8 Grad Celsius hat der Bodensee derzeit am tiefsten Punkt. Außer bei Gewitter geht der Hafentaucher bei jedem Wetter ins Wasser. „Wind kratzt mich gar nicht.“ Dieser hat ab einer bestimmten Tiefe keinen Einfluss auf den See, Trinkl selbst versucht sich so ruhig wie möglich am Grund zu bewegen, um keinen Schlick aufzuwirbeln.

Obwohl der Job als Fundstücksucher am Seegrund nur wenig Geld in die Kasse spült (den Preis für einen Tauchgang möchte Trinkl nicht nennen), will er nicht auf diese zusätzliche Aufgabe verzichten. „Am wohlsten fühle ich mich eben unter Druck – unter Wasserdruck.“

Die Ruhe tue ihm gut, bis auf die eigene Atmung und an Pflanzen knabbernden Fischen höre man nichts. Außerdem freut sich Trinkl mit, wenn er jemandem nicht nur wegen des verlorenen Gegenstand helfen konnte: „Ich hatte mal einen Kunden, der unbedingt sein Handy brauchte, aber nicht weil es so teuer war. Er hatte gerade ein Geschäft aufgebaut und dort 37 Kontakte von Bewerbern gespeichert.“ Die Sim-Karten können meist gerettet werden, erzählt der Berufstaucher vom Bodensee. „Der Mann ist mir heute noch dankbar.“

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

04.08.2016, 06:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular