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"Auf gutem, aber langem Weg"
Marcel Fatzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW). Foto: DIW/B. Dietl
Marcel Fratzscher über falsches Sparen, respektable Politiker und Prinz Friedrich von Homburg

"Auf gutem, aber langem Weg"

Der Ökonom Marcel Fratzscher zieht zum Jahresende Bilanz: Deutschland steht gut da, steuert aber einen falschen Kurs. Bei EZB-Präsident Draghi ist es umgekehrt: Schlechte Performance, aber richtiger Kurs.

30.12.2015
  • HELMUT SCHNEIDER

Herr Fratzscher, Sie sind ein renommierter Wirtschaftswissenschaftler, der die Politik berät. Täuscht der Eindruck, dass sich beide Seiten nicht richtig verstehen?

MARCEL FRATZSCHER: Ich habe großen Respekt vor Politikern, viele verstehen die wirtschaftlichen Zusammenhänge. Aber während Ökonomen eher langfristig und an wirtschaftliche Anreize denken, denken Politiker kurzfristig und an Wähler.

Herauskommen können dabei politische Entscheidungen, die der Ökonom Fratzscher nicht gutheißt. Was fällt Ihnen da zuvorderst ein?

FRATZSCHER: Die Rentenreform halte ich für eine fatale Fehlentscheidung. Die SPD wollte die Rente mit 63, die CDU die Mütterrente - also hat man beides beschlossen. Ich gönne jedem eine höhere Rente. Das darf aber nicht die Entscheidungsgrundlage sein. Denn die Menschen, die diese Rente nicht erhalten, vor allem die jungen Generationen, müssen dafür zahlen. Ökonomisch ist klar, dass mit einer stark steigenden Lebenserwartung auch die Lebensarbeitszeit nicht verkürzt, sondern verlängert werden muss. Vor allem dürfen die Ausgaben des Staates für die Rente nicht weiter steigen.

Warum nicht? Mehr Einkommen bedeutet mehr Kaufkraft, was wiederum das Wachstum ankurbeln kann.

FRATZSCHER: Besser wäre es, wenn der Staat sein Geld nicht immer mehr für den Konsum - wie in diesem Fall bei den Renten - zur Verfügung stellt, sondern in Bildung und die öffentliche Infrastruktur investiert - also in Straßen, Schienen, Schulen, schnelles Internet. Davon hängt die Zukunftsfähigkeit einer Volkswirtschaft entscheidend ab. Seit 30 Jahren verschieben sich die Staatsausgaben stetig Richtung Konsum und zulasten der Investitionen. Politik denkt, wie gesagt, eher kurzfristig und vor allem an Wählerstimmen.

Und hier sehen Sie schwarz für den wirtschaftlichen Musterknaben Deutschland?

FRATZSCHER: Ja, wenn wir auch in den nächsten Jahren von der Substanz leben anstatt in die Substanz zu investieren. Den Ertrag von Investitionen in Bildung und Infrastruktur sieht man leider erst viele Jahre später. Ja, wir stehen innerhalb Europas wie der Superstar da. Darauf können wir auch zu Recht stolz sein. Tatsache ist allerdings, dass der Kapitalstock, also gewissermaßen das Anlagevermögen, der deutschen Volkswirtschaft heute um fast 500 Mrd. Euro geringer ist als vor 15 Jahren. Ergebnis: Die Infrastruktur verfällt, wir investieren viel zu wenig in Bildung. Die Investitionen (ohne Wohnungsbau) von Staat und Unternehmen sind in Deutschland im Vergleich zur gesamten Wirtschaftsleistung so gering wie in kaum einem anderen Industrieland. Das verheißt nichts Gutes.

Machen wir das Richtige erst, wenn es darauf ankommt?

FRATZSCHER: So sieht es aus. Vor zehn Jahren war Deutschland der kranke Mann Europas. Die Agenda 2010 war eine richtige Antwort darauf, die Unternehmen sind wettbewerbsfähiger geworden. Wir hatten aber auch Glück mit dem Aufstieg der Schwellenländer, vor allem Chinas. Auch das hat uns geholfen unseren Export enorm zu steigern, die Arbeitslosenquote zu halbieren und es hat zu einem soliden Staatshaushalt geführt. Tatsächlich hat die deutsche Wirtschaft aber nur nachgeholt, was sie in den 2000er Jahren verloren hatte. Es klingt erstaunlich, ist aber Tatsache: Im Vergleich zum Jahr 1999 ist Frankreichs Wirtschaft um drei Prozent und Spanien sogar um zehn Prozent mehr gewachsen als die deutsche.

Außer den zu niedrigen staatlichen Investitionen weisen Sie auf weitere Probleme hin. Welche sind das?

FRATZSCHER: Zweitens, dass die Produktivität vor allem in den Dienstleistungssektoren immer noch zu niedrig ist. Drittens, dass das Arbeitsvolumen trotz stark gesunkener Arbeitslosigkeit nur wenig gestiegen ist; das liegt daran, dass es mehr Teilzeitjobs gibt. Das hat viertens zu einer wachsenden Ungleichheit beim Einkommen geführt. Ja, wir haben die Mitarbeiter der Exportfirmen, die gute Löhne bezahlen. Aber für die andere Hälfte der Arbeitnehmer sind die Reallöhne in den vergangenen 15 Jahren gefallen. Viele haben vom Boom nicht profitiert. Und fünftens ist das Nettovermögen der Haushalte recht gering, in anderen europäischen Ländern ist es deutlich höher. Das hat negative Auswirkungen, so auch auf die Altersvorsorge.

Dabei haben die Deutschen doch relative hohe Einkommen und sind zudem die geborenen Sparer?

FRATZSCHER: Das erscheint in der Tat auf den ersten Blick widersprüchlich. Es liegt aber daran, dass wir Deutschen zwar viel sparen, aber auch sehr schlecht sparen. Nur 40 Prozent haben Wohneigentum, in den südeuropäischen Ländern sind es häufig weiter über 70 Prozent.

Zu viel Sparkonto, zu wenig Aktiendepot? Wie hoch ist in Ihrem Depot der Aktienanteil?

FRATZSCHER: Zu niedrig jedenfalls. (lacht) Die Immobilienquote ist im Schnitt zu niedrig, die Aktienquote ebenfalls. Nicht einmal zehn Prozent der Bürger haben Aktien. Als die Telekom an die Börse ging, waren es deutlich mehr. Die Vorsorge fürs Alter wird zum Problem. Deshalb wird die private Altersvorsorge ganz wichtig.

Sparen macht keinen Spaß mehr. Ist daran nicht die Europäische Zentralbank schuld, die die Zinsen auf Nullniveau gedrückt hat? Macht EZB-Präsident Mario Draghi einen guten Job?

FRATZSCHER: Draghi steckt in einem Dilemma, für das in der Literatur Heinrich Kleists Prinz Friedrich von Homburg gibt. Der hielt sich nicht an die von seinem Kurfürsten befohlene Kriegsstrategie, ergriff eigenmächtig die Gelegenheit zur Attacke und gewann die Schlacht. Der Kurfürst verurteilte ihn trotzdem, weil er sich seinem Befehl widersetzt hatte, um ihn dann im letzten Moment zu begnadigen. Die EZB verfehlt gerade ihr primäres Mandat der Preisstabilität bei weitem. Aber ihre Politik hat eben auch Risiken und Nebenwirkungen für den kleinen Sparer und für Finanzinstitutionen. Hier zeigt sich das Dilemma der EZB - das Mandat zwingt sie zum Handeln.

Müssen wir uns noch länger auf Nullzinsen einstellen? Die US-Zentralbank Fed hat gerade die Wende eingeleitet.

FRATZSCHER: Die europäische Wirtschaft und damit die EZB laufen den USA und der Fed zwei bis drei Jahre hinterher. Die USA haben ein deutlich höheres Wirtschaftswachstum und können deshalb die Zinsen wieder erhöhen. Ich befürchte, dass wir uns in Europa noch auf drei oder vier Jahre mit Nullzinsen einstellen werden müssen. Deshalb dürfte der Euro tendenziell gegenüber dem Dollar weiterhin etwas schwächer bleiben, was unseren Export stärkt. Auch der Aktienmarkt dürfte davon weiter profitieren.

Wie ist es um Europas Wirtschaft bestellt?

FRATZSCHER: Nicht so gut. Europa ist der globale Schwachpunkt. Die Eurozone hat derzeit eine der schwächsten Volkswirtschaften der Welt. Das macht mir Sorgen. Die USA haben weiterhin eine dynamische Wirtschaft, fast alle großen technologischen Umwälzungen gehen von dort aus. In Europa sind drei Krisen zeitgleich zusammengetroffen und haben sich gegenseitig verstärkt: eine Finanzkrise, eine Wirtschafts- oder Wachstumskrise und eine Krise der Staatsverschuldung. Wir haben noch keine dieser drei Krisen gelöst.

Und jetzt schwächelt angeblich auch noch die Weltkonjunktur-Lokomotive China?

FRATZSCHER: Ich bin optimistisch was China betrifft. Wir sehen dort gerade den Übergang eines Schwellenlandes mit extremer Exportorientierung hin zu einer Wirtschaft, die mehr auf den Konsum der eigenen Bevölkerung setzt. Ich bin für China aus zwei Gründen für die nächsten fünf Jahre optimistisch. Die Regierung hat mehr Möglichkeiten, die Wirtschaft zu stimulieren und zu stabilisieren. Und viele der ehemaligen verlustreichen Staatsunternehmen sind mittlerweile vom Markt, neue profitable und wettbewerbsfähige Firmen schießen wie Pilze aus dem Boden.

Wie optimistisch sind Sie, dass Europa seine ökonomische Krise überwindet.

FRATZSCHER: Ich sehe weder die schnelle Bewältigung noch eine Verschärfung. Am wahrscheinlichsten ist wohl, dass Euroland noch einige Zeit bei Wachstumszahlen um ein bis zwei Prozent bleiben wird. Oder positiv ausgedrückt: Wir sind auf einem guten Weg, aber der Weg ist noch lang.

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30.12.2015, 08:30 Uhr
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