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Tübingen·Radwege

Auf der Jagd nach Fahrradfallen

Es fehlt ein klares Radwegekonzept, finden zwei Tübingen und loben einen Wettbewerb für Problemstellen aus. Alle können mitmachen.

12.04.2019

Von Ulla Steuernagel

Andreas Golding (links) und Wolfgang Scharnke wollen Tübinger Radfahrerinnen und Radfahrer dazu animieren, die Schwachstellen im Radwegenetz zu fotografieren und melden, um so Verbesserungen einzuleiten. Bild: Ulrich Metz

Tübingen ist kein Paradies – jedenfalls nicht für Radfahrer. „Das Radwegenetz ist nicht gut“, sagt Wolfgang Scharnke aus eigener Erfahrung. Es sei immer „nur in Bröckelchen“ ausgebaut worden. Und so beschlossen der Gastroenterologe und der Solarunternehmer Andreas Golding, die Sache mal systematisch anzupacken. Sie sind weder mit einer Partei noch einem Verein verbandelt noch wollen sie einen Runden Tisch ins Leben rufen. Sie wollen vor allem Ergebnisse erreichen und dass die Stadt endlich das lang versprochene Radkonzept verwirklicht.

„Seit 10 Jahren plant die Stadt daran“, sagt Scharnke. Golding und er wollen die Sache nun ganz pragmatisch und mit Hilfe der Schwarmintelligenz von Radfahrerinnen und Radfahrern angehen. Sie loben einen Fotowettbewerb aus und rufen dazu auf, die schlimmsten „Fahrradfallen“ zu melden. Jede und jeder kann mitmachen, bis zu drei Fotos einsenden, das Problem beschreiben und Verbesserungsvorschläge abgeben, jedenfalls soweit sie den Teilnehmern einfallen. Die drei besten Hinweise werden mit 300, 200 und 100 Euro prämiert. Das Geld stiften die beiden Initiatoren.

Wo liegen nun die Problemstellen für Zweiräder? Scharnke hat sich dafür ins TAGBLATT-Archiv versenkt und die Unfälle der vergangenen vier Jahre zusammengesucht. Um Schwerpunkte und Arten zu ermitteln, waren für ihn die Unfälle interessant, bei denen Radler nicht durch eigenes Verschulden zu Fall kamen. In den Jahren 2015 bis 2018 gab es laut Polizeimeldungen 99 Radunfälle durch Fremdverschulden, in 77 Fällen mussten die Opfer mit leichter oder schwerer Verletzung in der Klinik behandelt werden. „Darüber bin ich sehr erschrocken“, so der Arzt. Einer der Unfälle endete sogar tödlich für den Radfahrer.

Ob die Verunglückten mit oder ohne Helm unterwegs waren, ist in den meisten Fällen, so wie die Polizei sie meldet, unklar. Nur bei 12 Radfahrern wird betont, dass sie einen Helm trugen. Scharnke stieß zwar auch auf Unfälle zwischen Radfahrern und Fußgängern (etwa beim Steinlachtunnel und in der Karlstraße oder Wilhelmstraße). Das größte Gefahrenpotenzial liegt seiner Ansicht nach aber vor allem dort, wo es keine getrennten Wege für die verschiedenen Verkehrsteilnehmer gibt.

Die hier eingezeichneten Unfälle sind aus der Zeit von Januar 2015 bis Dezember 2018, soweit die Polizei sie vermeldete. In Zahlen sind es 99 Fahrradunfälle, die ohne eigenes Verschulden des Radlers passierten.

Die überwiegende Zahl der Crashs passierten allerdings zwischen Auto und Rad. In 13 Fällen erwischte es den Radler beim Ein- oder Ausparken eines Autos oder beim Öffnen der Fahrertür: meist ohne dass ein Radweg vorhanden war. Kreuzungen und Abbiegen der Autofahrer gefährden Radler am stärksten: 38 Unfälle aus diesen Gründen zählte Scharnke in den vier Jahren. Da kommen die Wilhelmstraße, die Reutlinger Straße, die Schnarrenbergstraße und die Neckarbrücke in der Übersicht mehrfach vor.

Unfallschwerpunkte, vermutlich auch wegen erhöhten Radverkehrs, sind vor allem die Achsen von Tübingen nach Lustnau, Kirchentellinsfurt, in die Südstadt und nach Unterjesingen.

Die Initiatoren betonen, dass es ihnen nicht um Schuldzuweisungen gegen eine Gruppe von Verkehrsteilnehmern geht. Ihre Idee zu einer systematischen Sammlung der Fahrradfallen entstand, weil sie selber auch ungeschoren mit dem Rad in die Stadt kommen wollen und weil in ihren Freundeskreisen die Resonanz auf den Vorschlag gleich sehr groß war: „Da sprudelte es sofort“, sagt Golding. Vermeiden wollen sie im Netz die üblichen Online-Kommentare, Likes, die nichts bringen und ärgerliche Shitstorms. Deshalb sollen die Hinweise auf brenzlige Stellen erst einmal als Mail eingehen, bevor sie auf die Homepage gestellt werden.

Bis Mittwoch, 22. Mai, geht die erste Runde an Verbesserungsvorschlägen. Danach wollen Golding und Scharnke die Ergebnisse nicht nur prämieren, sondern auch präsentieren und bilanzieren (das TAGBLATT wird darüber berichten). Sie hoffen, dass sich viele an der Befragung und dem Wettbewerb beteiligen und die Radfahrer auf Tübingens Wegen etwas davon haben. Schließlich sind Tausende täglich mit dem Rad unterwegs. Die Radwege sollten bequemer und sicherer werden. Ein Helm ist empfehlenswert, aber, so Golding, „die Panzerung des Radlers kann nicht das Ziel sein“. Und Scharnke will endlich eine Lösung für die leidige Konkurrenz von be- und entladenden Lieferwagen und den zum Ausweichen gezwungenen Radler. „Die Mühlstraße ist ein schwieriges Terrain“, sagt er. Und setzt hinzu: „Die Regionalstadtbahn sollte kein Totschlag-Argument für bessere Radwege sein.“

Wie nimmt man teil?

Tiefe Schlaglöcher, unübersichtliche Kreuzungen, gefährliche Abbiegesituationen, Kreisverkehre, in denen Radler nicht ernst genommen werden, Radwege zwischen fließendem und parkendem Verkehr – wer täglich oder manchmal solche Fahrradfallen passiert, kann sie an info@tuebinger-fahrradfallen.de schicken. Alle Beiträge sind dann unter www.tuebinger-fahrradfallen.de anzusehen. Maximal drei Beiträge können die Teilnehmer schicken: mit jeweils drei Fotos, einer kurzen Beschreibung und einem Vorschlag zur Verbesserung der Problemstelle. Drei Preise (300, 200 und 100 Euro) werden für die krassesten Beispiele samt Vorschlägen vergeben.

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Erstellt:
12. April 2019, 01:30 Uhr
Aktualisiert:
12. April 2019, 01:30 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. April 2019, 01:30 Uhr

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