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Auf den Spuren des Ikarus
Sogar ihre Instrumente haben sie auf den Kerkis, den höchsten Berg auf Samos, geschleppt: die Musiker von Quadro Nuevo. Foto: Christoph Forsthoff
Gipfelstürmer: Quadro Nuevo mit Kind und Kegel in Samos auf Wander-Tour

Auf den Spuren des Ikarus

Die Musiker von Quadro Nuevo überschreiten gern in jeder Hinsicht Grenzen. Mit ihren Familien gingen die Vier jetzt, auf Ikarus' Spuren, auf Wander-Tour.

08.08.2016
  • CHRISTOPH FORSTHOFF

Samos. Schweiß tropft von der Stirn, unter dem Strohhut rinnen kleine Bäche hervor und vereinen sich mit der Sonnenmilch im Gesicht zu grauen Schlieren – doch D.D. Lowka stapft unbeirrt weiter die grobe, steinerne Treppe zum Frauenkloster Evangelistrias empor. Mag die Sonne auch brennen und auf dem Rücken des Kontrabassisten das Instrumentarium prägende Eindrücke hinterlassen: nur keine Anstrengung zeigen. Schließlich haben die vier Musiker von Quadro Nuevo ihre Familien im Schlepptau bei dieser Gipfeltour zum Kerkis, dem höchsten Berg auf Samos, und da ist Motivation schon wegen der vier Kinder gefragt. Auch wenn nicht nur die sich in der sengenden Mittagshitze inzwischen fragen, ob diese Wanderung auf den Spuren des Ikarus‘ wirklich so eine tolle Idee war…

„Verbindender Gedanke dieses ,Seven Mountains‘-Projekts sind Berge, die einen Mythos in sich tragen und denen ich Stücke gewidmet habe“, erzählt Saxophonist Mulo Francel im Schatten einer Zypresse, während die Töchter die sprudelnde Zapfstelle der Quelle am Fuße des Klosters nutzen, um sich zu erfrischen und dem Vater mit einer Gießkanne eine Dusche zu verpassen. „Und diese Berge wollen wir mitsamt der Instrumente und einem Kamerateam erklimmen, um die Musik dann auf dem Gipfel zu spielen und das Ganze im Video festzuhalten.“

Deshalb die Tour auf den 1443 Meter hohen Kerkis, denn von dessen Vigla-Gipfel reicht der Blick gen Nordwesten bis Chios, hinweg über das Ikarische Meer – „jene Region, wo der Sage nach dereinst Ikarus in die Fluten stürzte, als er aus Übermut mit seinen selbstgebauten Flügeln aus Wachs und Federn der Sonne zu nahe kam und das Wachs schmolz“.

Francels Augen leuchten, als der Oberbayer die Geschichte aus der griechischen Mythologie erzählt. „Ikarus‘ Dream“ hat der 47-Jährige sein Stück genannt – und ein wenig ist es wohl auch sein eigener Traum, den sich der Musiker hier erfüllt. Er, der sich schon als Kind vorgestellt hat, „der Chef der Wikingertruppen“ zu sein, liebt es ebenso wie seine Quadro Nuevo-Kollegen, fremde Länder, Menschen und Kulturen zu erkunden und diese Bilder, Melodien und Gerüche in die eigene Musik einfließen zu lassen. Und zu einem Klang zu verschmelzen, der Orient und Okzident vereint, Leidenschaft und Nostalgie, Tango-Sehnsucht und Balkan-Swing verbindet.

„Lasst uns weitergehen, wir haben noch ein Stück vor uns.“ Nicht, dass Andreas Hinterseher Druck machen will, doch als erfahrener Kletterer weiß der Akkordeonist, welch eine Herausforderung die 700 noch vor ihnen liegenden Höhenmeter bedeuten. Zumal neben Wasserflaschen und Proviant auch sein schweres Tasten-Instrument, die Klarinette sowie zwei Rahmentrommeln das Tempo reduzieren – ganz abgesehen von der Kameraausrüstung, die Sam Dalferth und sein Bruder Kevin auf ihren Rücken schleppen. Da bleibt kaum Zeit, einmal die traumhaften Ausblicke auf den zerklüfteten Archipel Fourni oder die Nachbarinsel Ikaria zu genießen.

Als die große Quadro Nuevo-Familie die kleine, verlassene Kapelle Profitias Ilias erreicht, zeigt die Uhr halb sieben. Gut anderthalb Stunden bleiben noch bis Sonnenuntergang, laut Reiseführer braucht es für die letzte Etappe bis zum Gipfel noch einmal 45 Minuten – mit Blick auf den drohenden Abstieg in der Dunkelheit beschließen die Frauen, mit den Kindern umzukehren. Spannung liegt in der Luft: Der Traum, den Kerkis mit allen zu bezwingen und jene Aussicht zu erfahren, die einst schon Ikarus berauschte, ist für dieses Mal zerstoben.

Für die vier Musiker und das Kamerateam beginnt „ein Wettlauf gegen die Zeit“, wie Pianist Chris Gall später sagen wird: hinweg über Schotterebenen, durch Geröll und blanken Fels. Im Bergschatten durcheilen die bayerischen Söhne des Ikarus‘ diese Mondlandschaft: archaisch, stachlig, salzig. Und plötzlich stehen sie oben wieder im letzten Licht des Tages, blicken auf das orange eingefärbte Meer und die Inseln im Dunst. Es ist diese Lust am Aufbruch ins Unbekannte, die auch ihre Musik prägt, wenn Quadro Nuevo so ziemlich alles zwischen Tango und Flamenco, Klezmer und Filmmusik, Jazz und neapolitanischen Volksweisen mischen – ohne dass sich dafür eine Schublade fände.

Jetzt aber bleibt fürs Sinnieren über Genres und die Grenzen der Musik keine Zeit: Gerade einmal 20 Minuten sind es noch bis zum Sonnenuntergang und um das Filmlicht zu nutzen. Die Vier suchen sich ihre Positionen auf den Klippen, während Kameramann Dalferth wie eine Bergziege vor ihnen hin- und herspringt.

Schweigend macht sich das musikalische Himmelfahrtskommando auf den Rückweg, längst sind über ihnen die ersten Sterne aufgegangen. Hinterseher ist heilfroh, als er feststellt, dass sein GPS-Gerät auch in dieser „mystischen Landschaft, dieser archaischen Wüste mit ihrem Getier und dieser Ur-Stimmung“ tatsächlich funktioniert – die anderen zumindest ein wenig erleichtert, dass Andreas lange bei der Bergwacht tätig war. Der Traum des Ikarus: Ganz nah sind sie ihm gewesen – „einfach von den Klippen loszufliegen und dann am Strand zu landen und ein kühles Bier genießen“, lacht Lowka. Doch stattdessen tappen sie nun durch die Finsternis, denn während über ihnen die Milchstraße in ihrer ganzen Sternenpracht leuchtet, ist es am Boden stockdunkel. Erst als das Quartett um halb zwei am Morgen in eine noch offene Taverne in Kampos einkehrt und endlich das kühle Bier vor ihnen steht, löst sich die Spannung. „Es war einfach eine anstrengende Gaudi“, lacht Hinterseher. „Hochmut kommt vor dem Fall – was Ikarus auch kurz durchlebt hat, hatte schon Parallelen zu unserem Abenteuer“, meint Francel nachdenklich. Und doch ist auch bei ihm da dieses Glücksgefühl: „Per aspera ad astra“ – ein rauer Pfad zu den Sternen, so er sich eben auch in den Klängen seines Ikarus-Stücks wiederfindet. Dieses Quartett lebt seine Musik einfach mit allen Sinnen.

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08.08.2016, 06:00 Uhr
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