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Regional - global

Auf allen Weltmeeren

Intarsienwerkstätte Ernst Möhrle in Baiersbronn staffiert Yachten und Privatjets mit den edelsten Hölzern aus. Produkte dieser mittelständischen Firma schwimmen auf allen Weltmeeren oder werden in 10000 Meter Höhe durch den Luftraum getragen.

09.10.2015
  • TEXT: Hannes Kuhnert | FOTOs: Unternehmen

Vorsichtig schneidet eine junge Frau mit dem Skalpell ein hauchdünnes, fingernagelgroßes halbmondförmiges Teil aus einer gemaserten Holzbahn, setzt es in ein wertvolles Furnierblatt ein. Passt. Die Maserung stimmt wieder. Der vermeintliche „Fehler“, den die Natur in das Muster der Maserung eingebaut hatte, ist behoben. Die junge Frau arbeitet in der Intarsienwerksatt von Ernst Möhrle in Baiersbronn.

Vom Schwarzwald auf die Weltmeere

Produkte dieser mittelständischen Firma schwimmen auf allen Weltmeeren, werden in 10 000 Meter Höhe durch den Luftraum getragen. Möhrle stattet mit seinen hochwertigen Furnieren und Intarsien den Innenausbau edler Yachten und privater Flugzeuge aus.

Sie sieht so unscheinbar aus, die Firma im hintersten Tal der Schwarzwaldgemeinde Baiersbronn im Landkreis Freudenstadt. Rund 800 Quadratmeter Produktionsfläche auf drei Geschossen, das Büro von Firmenchef Martin Möhrle (63) ist ein Glaskasten in der Werkstatt, die in einem für den Laien undurchschaubarem Durcheinander überladen scheint von Furnierbahnen aus den edelsten Hölzern. Durch die großen Fenster schaut der Schwarzwald rein, dahinter beugen sich gut 20 Mitarbeiter über helle Schneidetische und Maschinen. Es sind einige Schreiner und viele angelernte Kräfte, zumeist weiblich. „Frauen sind gefühlsmäßig besser drauf, sie haben einfach die feineren Finger“, sagt der Chef mit einem Lächeln.

Feine Finger, gute Augen und guten Geschmack braucht man für eine diffizile Arbeit, die dort geleistet wird. 1954 von Vater Ernst Möhrle gegründet, bestimmen Furniere und Intarsien die Firmengeschichte von Beginn. Damals stieß der Firmengründer mit schwäbischem Tüftlersinn zielgenau in eine Marktlücke, baute Rahmen aus Wallnussfurnier für die Bildschirme von Fernsehapparaten. Als Kunststoffe die TV-Holzgehäuse ablösten, versuchte er sich mit Intarsien. Mit Erfolg. In den letzten Jahren, Sohn Martin war 1981 in die Firma eingetreten, macht der Innenausbau von Yachten, Flugzeugen und zuweilen auch Autos über 60 Prozent des Auftragsvolumens aus. „Wir haben uns damit deutschlandweit einen gewissen Namen gemacht“, stapelt Möhrle tief. Sein Namen geht nämlich offensichtlich über die deutschen Grenzen hinaus. Seine Yachten-Kundschaft kommt vorwiegend aus dem arabischen Raum, die Flugzeugkunden ebenfalls, aber auch aus den USA, Europa, Russland, China. Der Name des Auftragebers verbirgt sich meist hinter einer Nummer. Aber wenn das derzeit aktuelle Projekt vorsieht, den Konferenzraum in einem Flugzeug zu gestalten und das Wappen des betreffenden Staates in hochwertigen Intarsien auszulegen, können auch die Schreiner im Schwarzwald zwei und zwei zusammenzählen.

Intarsien, wo das Auge hinreicht

Geld scheint oft keine Rolle zu spielen. Bei einer fast 200 Meter langen Yacht waren nicht nur in Salon, Speise- und Schlafzimmer die Böden, Decken, Möbel, Zierrat aus feinsten Furnieren und Intarsien auszulegen, sondern auch Bad und WC. Möhrle: „Wie im Schloss“. Meist bekommt er über Innenarchitekten den Auftrag und die dazugehörigen Zeichnungen und Pläne. Oft ist die Holzart vorgeschrieben, aber nicht immer. Dann beginnt die Suche nach dem richtigen Material, manchmal europa- manchmal weltweit. Furniere kosten pro Quadratmeter zwischen zwei und 60 Euro. Sie sind unverwechselbar. „Das ist wie bei uns Menschen“, sagt der Firmeninhaber, „jeder Baum ist anders, jeder Stamm kommt anders raus, ist ein Unikat“. Zuweilen wird lange nach dem richtigen Holz in der richtigen Farbe und dem richtigen Muster gesucht, reisen spezielle Händler um die halbe Welt, um den „Jahrhundertstamm“ zu finden. Da kann ein Quadratmeter Wurzelholz-Furnier aus Laos schon mal 300 Euro kosten. Vom Auftragseingang bis zum fertigen Produkt vergehen bis zu zwei, drei Jahre. Die Auftragsvolumina beziffert Möhrle vorsichtig zwischen 50 000 und 300 000 Euro, es könne durchaus auch mal drüber hinaus gehen, schmunzelt er. Dabei liefert die Firma ausschließlich Sonderanfertigungen auf Bestellung. Die fertige, zarte Furnierhaut wird dann von einer Spezialschreinerei auf die Trägerplatte – zum Beispiel die Frontfläche eines Schranks – in einem behutsamen Klebe-Verfahren aus Hitze und Druck aufgebracht. Da heißt es vom ersten Arbeitsschritt an ganz genau ans Werk zu gehen. Dies gilt auch für die kleinen und großen Intarsienarbeiten aus eigener Werkstatt, die Ehefrau Brigitte samt einiger modischer Raumdekorationen im Shop der Firma im dritten Geschoss vertreibt.

Auch bei modernern Techniken leistet die Firma Pionierarbeit, war eine der ersten, die Laser bei Intarsienarbeit einsetzte, fertigt heute – unter anderem – mit dieser Technik Fensterbilder.

Bei den großen Aufträgen sind in den meisten Fällen die Yachtenkapitäne und Flugzeugbesitzer zufrieden mit der Spitzenqualität aus dem Schwarzwald. „Mit den Inhabern habe ich keine Probleme, wohl aber mit deren Architekten“, sagt Möhrle. Vielen von ihnen will es nicht in den Kopf, dass winzige Unregelmäßigkeiten in Furnierbahnen nun mal naturgegeben sind. Sie beanstanden kleinste Abweichungen, die dann nachgebessert werden, obwohl es für Möhrle gerade diese sind, die den lebendigen Reiz des Gesamtbildes ausmachen. Kürzlich hatte während der Bauphase einer Yacht der Besitzer drei Mal gewechselt. Und jeder neue Inhaber wollte eine andere Innengestaltung. Die jeweils bereits fertige Arbeit aus der Intarsienwerkstätte war für die Katz. „Beim dritten Mal“, so erinnert sich Möhrle, „wollte die betreffende Mitarbeiterin schon streiken.“

Auf allen Weltmeeren
Auf Plänen und Zeichnung gibt der Architekt den Itarsienschreinern im Schwarzwald seine Vorstellungen der Innenausstattung einzelner Räume in Flugzeugen und Yachten vor.

Auf allen Weltmeeren

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09.10.2015, 12:00 Uhr
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