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Auf Umwegen zum Traumjob
Hat sein Hobby zum Beruf gemacht: Jan-Ludwig Fried absolviert eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker. Davor hat der 21-Jährige Grafikdesign gelernt und als Werbetechniker gearbeitet. Foto: Lars Schwerdtfeger
Arbeitswelt

Auf Umwegen zum Traumjob

Für Jugendliche ist die Berufswahl nicht immer einfach. Das bundesweite Programm „Passgenaue Besetzung“ bietet Unterstützung.

09.09.2017
  • REBECCA JACOB

Baden-Württemberg. Ich wollte ja eigentlich schon immer mal…“ Diesen Satz hören Nuray Glock und Katharina Wischenbarth von der Handwerkskammer (HWK) Ulm sehr oft. Die beiden sind zwei von insgesamt 160 Betreuern und Betreuerinnen für das Bundesprogramm „Passgenaue Besetzung“. Mit dieser Initiative bieten die Handwerks-, Industrie- und Handelskammern sowie die Kammern der Freien Berufe deutschlandweit Arbeitnehmern und -gebern Hilfe bei der Stellensuche und -vergabe.

„Wir wollen Jugendliche und Arbeitgeber zusammenbringen“, erklärt Wischenbarth – und zwar die, die auch zueinander passen. Seit Beginn des Programms vor zehn Jahren wurden deutschlandweit rund 77 000 Ausbildungsplätze vermittelt. Keine leichte Aufgabe: „Viele Jugendliche haben eben mit 16 noch keine Ahnung, was sie machen wollen“, sagt Glock.

Falsche Vorstellungen

Hier setzt die Passgenaue Besetzung an. In persönlichen Gesprächen sondieren Glock und Wischenbarth zunächst das Terrain: Welche Fähigkeiten und Schulnoten bringt der Azubi in spe mit, welche Erwartungen hat er oder sie an seinen Arbeitsalltag. Später helfen die Beraterinnen beim Verfassen von Anschreiben und üben Bewerbungsgespräche mit ihren Schützlingen.

„Oft haben die jungen Leute ganz falsche Vorstellungen von einem Beruf. Keiner will mehr Fleischer werden, weil alle denken, da muss man Tiere schlachten – das stimmt aber so nicht“, beschreibt Wischenbarth die Gespräche. Auf der anderen Seite müsse sie bei der Beratung auch allzu hohe Erwartungen relativieren: „Momentan wollen sehr viele Schreiner werden, aber keiner will Fenster bauen. Den ganzen Tag schicke Designermöbeln schreinern – so sieht die Realität nun mal leider nicht aus.“ Laut Statistik ist der beliebteste Handwerksberuf in Baden-Württemberg bei Frauen aber immer noch die Friseurin, bei Männern der Kfz-Mechatroniker.

Viele der jungen Menschen, die das Angebot der Kammer in Anspruch nehmen, haben schon verschiedene Dinge ausprobiert und brauchen Hilfe bei der Orientierung. Jan-Ludwig Fried ist einer von ihnen: Der 21-Jährige aus Lonsee im Alb-Donau-Kreis hatte nach der Realschule einen Abschluss als staatlich geprüfter Grafikdesigner gemacht und als Werbetechniker gearbeitet, merkte aber schnell, dass ihm der Beruf keinen Spaß macht.

Anfang 2017 beschloss Fried, sich neu zu orientieren. Handwerkliches Arbeiten liegt ihm, Schreiner schien ihm nach mehreren Praktika eine gute Wahl, aber auch ein Praktikum bei einem Autohaus hatte ihm Spaß gemacht: Autos haben den jungen Mann schon immer fasziniert.

Die Entscheidung fiel schwer, er wandte sich an die Handwerkskammer – und landete bei Katharina Wischenbarth. „Wir haben zwei Gespräche geführt und sie hat mir zum Kfz-Mechatroniker geraten – da hat sie mehr Begeisterung bei mir gespürt“, berichtet der Azubi. Auch sein Chef, Martin Hezler, war schnell überzeugt: „Er war gleich engagiert, stand nicht nur desinteressiert in der Ecke, sondern hat auch Fragen gestellt. Da haben wir ihn quasi dazu gedrängt, bei uns die Ausbildung zu machen.“

2016 sind laut Dachverband des Baden-Württembergischen Handwerks (BWHT) in Stuttgart rund 9000 der knapp 30 000 angebotenen Lehrstellen im Ländle unbesetzt geblieben – es gibt zu wenig oder nur ungeeignete Bewerber. Rund 6000 Lehrlinge haben ihre handwerkliche Ausbildung abgebrochen, das entspricht etwa 28 Prozent. Laut einer Studie des Bonner Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) brechen 70 Prozent der Azubis ihre Lehre wegen „Bedingungen im Betrieb“ ab, also wegen persönlicher Konflikte, mangelhafter Ausbildung oder zu langen Arbeitszeiten.

Hilfe auch für Firmen

Aber auch die Betriebe sind oft nicht zufrieden. Geeignete Bewerber zu finden, sei nicht einfach, bestätigt Firmenchef Hezler: „Die Situation auf dem Arbeitsmarkt ist schwierig. Viele, die sich bewerben, kommen überhaupt nicht in Frage.“ Deswegen richtet sich das Programm der Passgenauen Besetzung auch an Arbeitgeber: „Wir erstellen Anforderungsprofile und finden heraus, was genau der Betrieb sucht. Dann können wir passende Bewerber vermitteln“, beschreibt Nuray Glock das Vorgehen.

Dazu gehöre auch der Besuch vor Ort, um sich ein Bild von den Arbeitsbedingungen zu machen. Für Betriebe und Arbeitssuchende ist die Teilnahme am Programm kostenlos, dafür ist das Ergebnis aber auch Vertrauenssache: „Die Betriebe setzen darauf, dass wir eine gute Auswahl treffen und der Azubi wirklich zu ihnen passt“, sagt Glock.

Auch Jan-Ludwig Fried hofft, seinen Traumjob endlich gefunden zu haben: „Natürlich spukt einem immer im Hinterkopf herum, was ist, wenn das jetzt wieder nicht das Richtige ist.“ Dennoch sieht der 21-Jährige der Zukunft gelassen entgegen. Er könne schließlich immer noch etwas Neues lernen.

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09.09.2017, 06:00 Uhr
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