Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
"Auch wenn ich die Maske trage, fühle ich mich unbehaglich"
Stadt im Feinstaubnebel: Wer an Tagen mit der höchsten Smogwarnstufe in Peking überhaupt auf die Straße geht, trägt eine Atemschutzmaske. Foto: Rolex Dela Pena/dpa
Alarmstufe Rot: Peking hat auch zur Zeit des Pariser Klimagipfels mit gesundheitsschädlicher Luftverschmutzung zu kämpfen

"Auch wenn ich die Maske trage, fühle ich mich unbehaglich"

In der chinesischen Hauptstadt gilt erstmals die höchste Smog-Warnstufe. Autos müssen stehen bleiben, Schulen und Fabriken sind dicht. Die Einwohner ebenso wie die Führungsspitze verlieren die Geduld.

09.12.2015
  • FELIX LEE

Der gelbe, übelriechende Schleier, der sich dieser Tage über Peking legt - den hat es in der chinesischen Hauptstadt schon häufig gegeben. Dennoch hat jetzt die chinesische Führung zum ersten Mal die Alarmstufe Rot ausgerufen: Fabriken müssen seit Dienstagmorgen ihre Produktion drosseln oder stoppen; Schulen und Unis wurden angewiesen, den Unterricht ausfallen zu lassen; für fast jedes zweite Fahrzeug - je nach gerader oder ungerader Endziffer auf dem Kennzeichen - gilt ein Fahrverbot; selbst 30 000 Staatsbedienstete, Beamte und Parteisekretäre sollen öffentliche Verkehrsmittel benutzen.

So sind derzeit der Stadtverwaltung zufolge rund zwei Millionen Autos weniger auf der Straße als sonst. So will das Umweltministerium "die öffentliche Gesundheit schützen und den Grad der starken Luftverschmutzung senken".

Trotzdem wurde es gestern den ganzen Tag über nicht hell. Pekings Hochhäuser waren im dichten Nebel nur schemenhaft zu sehen, die Sicht lag bei unter 20 Metern. Auf normalerweise belebten Geschäftsstraßen waren kaum Menschen. Wenn, dann mit Atemmasken. "Man muss alles tun, um sich zu schützen", sagt die Pekingerin Li Huiwen. "Aber auch wenn ich die Maske trage, fühle ich mich unbehaglich." Zahlreiche ausländische Firmen wie etwa Siemens gestatteten ihren Mitarbeitern, von zu Hause aus zu arbeiten. Der Alarmzustand gilt bis Donnerstag, wenn kalter Wind aus dem Norden den giftigen Nebelschleier aus der Hauptstadt wehen soll.

Die Belastung mit dem gesundheitsgefährdenden Feinstaub mit weniger als 2,5 Mikrometer Durchmesser (PM2,5) war am Dienstag auf fast 400 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft geklettert. Das gilt als "gefährlich". Vor einer Woche erreichten die Feinstaubwerte an zwei Tagen Werte von mehr als 600 Mikrogramm. Das waren Pekings bislang schlimmste Smogtage in diesem Jahr. Trotzdem galt nur die zweithöchste Warnstufe Orange.

In China gilt eine vierstufige Gefahrenskala. Bei den unteren Stufen handelt es sich um Empfehlungen. Nur einige besonders schmutzige Fabriken und Kohlekraftwerke müssen bei "Orange" ihre Produktion und damit den Ausstoß drosseln. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hält Werte von mehr als 25 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft bereits für gesundheitsgefährdend. Dass sich Pekings Behörden mit der Ausrufung der höchsten Gefahrenstufe so schwer tun, hängt damit zusammen, dass einige Beamte und Parteisekretäre bis heute das Problem der Luftverschmutzung nicht wahrnehmen wollen. Bis 2013 versuchte die gesamte kommunistische Führung, das Problem herunterzuspielen. Bis dahin war die Veröffentlichung der Luftwerte verboten. Zusätzlich wird von anderer Stelle der chinesischen Führung Druck ausgeübt: vom mächtigen Wirtschafts- und Planungsausschuss. Die staatlichen Planer haben den Provinzregierungen und großen Städten für dieses Jahr ein Wirtschaftswachstum von rund sieben Prozent vorgeschrieben. Nach zwei eher mauen Quartalen stehen viele Provinzen nun unter Druck, die Zielmarke bis Ende des Jahres noch zu erreichen. Die Stadt Peking weist an und für sich ein verhältnismäßig hohes Wachstum auf. Doch wegen der Leichtathletik-Weltmeisterschaft Ende August und der großen Militärparade anlässlich des 65. Jahrestags des Endes des Zweiten Weltkriegs in der ersten Septemberhälfte mussten tausende Fabriken in Peking und der umliegenden Provinz Hebei für Wochen ihre Produktion einstellen. Tatsächlich strahlte der Himmel über der chinesischen Hauptstadt in dieser Zeit leuchtend blau. Seitdem ist in Peking an smogfreien Tagen auch von "Paradenwetter" die Rede.

Um das von der Planungsbehörde vorgegebene Wachstumsziel zu erreichen, erlaubte die Pekinger Stadtverwaltung den Unternehmen in der Zeit danach, ihre Öfen auf Hochtouren laufen zu lassen. "Das erklärt die massive Luftverschmutzung zum Ende des Jahres", bestätigt ein Mitarbeiter der Pekinger Umweltbehörde.

Staatspräsident Xi Jinping hat allerdings versprochen, der Smogbekämpfung und dem Klimaschutz die Priorität einzuräumen. Beim Klimagipfel in Paris beteuerte er vergangene Woche, Chinas massiven Kohleausstoß in den nächsten Jahren deutlich zu verringern. Auf konkrete Zahlen lässt er sich aber weiter nicht ein. Dass Peking ausgerechnet zum Auftakt des Klimagipfels wegen Smogs weltweit Schlagzeilen machte, empfand die chinesische Führung offensichtlich als Blamage. Am Wochenende berichteten die chinesischen Staatsmedien außergewöhnlich kritisch über die laxen Maßnahmen der Pekinger Stadtverwaltung. In einem Leitartikel der Volkszeitung, Parteiorgan der kommunistischen Führung, wird Pekings Bürgermeister Wang Anshun offen angegangen. Auch viele Bürger verlieren die Geduld. "Müssen den Versprechungen nicht endlich Taten folgen?", fragt die Bloggerin Huang Mei im sozialen Netzwerk Weibo. Der Büroangestellte Li zumindest hat keine Hoffnung mehr. Für ihn steht der Entschluss fest: "Ich will so schnell wie möglich mit meiner Familie raus aus dieser Höllenstadt."

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

09.12.2015, 08:30 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular