Protest gegen Flüchtlingshäuser

Auch im Französischen Viertel regt sich Widerstand gegen die Bebauung

Gegen den Bau eines Hauses im Französischen Viertel, in dem Flüchtlinge leben sollen, wehrt sich eine Gruppe Anwohner. Es gehe ihnen um den Erhalt des Platzes „als Spiel- und Treffpunkt“, hieß es in einer Anfrage im Gemeinderat.

18.06.2016

Von SABINE LOHR

Der Französische Platz von der Panzerhalle aus gesehen. Das Haus für Flüchtlinge ist auf dem Grünstreifen links vorgesehen. Bild: Metz

Tübingen. Am Rand des Französischen Platzes soll eins der rund 20 Häuser entstehen, in denen Flüchtlinge, sobald sie einen Anerkennungsstatus haben, leben sollen. Der Standort ist einer von sechs, für die die Stadtverwaltung ein Optionsvergabeverfahren ausgeschrieben hat. Das heißt: Investoren reichen ein Konzept für den Standort ein und eine Kommission entscheidet, wer den Zuschlag bekommt (siehe unten).

„Es gibt eigentlich bei jedem Standort Leute, die sich gegen die Bebauung in ihrer Nachbarschaft wehren“, sagt Oberbürgermeister Boris Palmer. Ob hinter jeder Beschwerde aber gleich eine ganze Gruppe stecke, und wenn ja, wie groß diese jeweils sei, könne er nicht sagen.

Ann-Christin Salzmann, die etwas gegen die Bebauung am Französischen Platz hat, ist sich sicher, dass hinter ihren Argumenten „hunderte und tausende Anwohner“ stehen. In der Gemeinderatssitzung am Montag trug sie ihre Bedenken vor: Der Platz sei der einzige zentrale Platz, wo sich alle ohne Konsumzwang treffen und wo Eltern „ihre Kinder laufen lassen“ könnten. Dieser Platz würde durch ein „Riesenhaus“ zerstört werden. „So etwas dort hinzubauen, ist reine Geschäftemacherei, es geht nur ums Kasse machen“, sagte sie. Außerdem würden „mindestens 18 Bäume“ für das Bauvorhaben gefällt. Diese Argumente hat Salzmann auch auf Flugblättern angeführt, auf denen ein abschreckendes Bild zu sehen ist: Ein fünfstöckiges Gebäude steht da auf dem Platz.

Dazu wird es nicht kommen, sagte Baubürgermeister Cord Soehlke gegenüber dem TAGBLATT. Bebaut werde lediglich der Rand des Platzes. Für diesen Bereich gebe es seit 1995 einen Bebauungsplan, denn dort sollte eigentlich eine Art Bürgerhaus hin, in dem alle möglichen Initiativen hätten aktiv werden können. „Dann hat sich das aber unter anderem durch das Werkstadthaus dezentral entwickelt – und es funktioniert“, sagte Soehlke. Städtebaulich sei der Standort für eine Bebauung aber richtig: „Ein Gebäude grenzt den Platz ab.“

Es würden auch keine 18 Bäume gefällt, sondern einer. Bei vier anderen werde geprüft, ob sie verpflanzt werden müssen. Der etwas verwahrloste Platz solle zudem verschönert werden – mit dem Erlös aus dem Grundstücksan- und verkauf. So soll etwa das Gelände zwischen dem Platz und der Schäferei neu gestaltet werden.

Bei der Optionsvergabe werde für das Haus am Französischen Platz zudem besonderer Wert auf das Erdgeschoss gelegt: „Das muss mit dem Platz korrespondieren“ – das heißt, die Bewohner des Viertels sollen auch etwas davon haben. „Ich hoffe, dass in fünf Jahren, die, die jetzt strikt gegen die Bebauung sind, dann auch anders denken“, so Soehlke.

Widerstand gab es auch am Hechinger Eck Süd (wir berichteten). Dort ist Anwohnern das Gebäude, in dem 100 bis 150 Flüchtlinge leben sollen, zu groß. Sie möchten weniger Flüchtlinge und die zudem in mehreren Häusern verteilt unterbringen. Mit der Interessensgemeinschaft Gartenstraße gebe es „intensive Gespräche“ über die Bebauung in der Brückenstraße. Nach Ansicht Soehlkes gibt es zwar unterschiedliche Haltungen über die Art der Bebauung dort, „aber die Gespräche laufen gut“.

In Hirschau wehrt sich eine Gruppe Bürger gegen ein Haus für 25 Flüchtlinge, das ein privater Investor auf einem Grundstück der Kirche bauen will. Die Bürger glauben, 20 oder mehr Flüchtlinge seien für Hirschau zu viele. Im Tübinger Norden dagegen regt sich kaum jemand über die Häuser für Flüchtlinge auf: „Beim Horemer und am Heuberger Tor gibt es nicht viele Einsprüche“, so Soehlke.

Der Stand des Vergabeverfahrens für die Flüchtlingshäuser

Für sechs Standorte im Stadtgebiet vergibt die Verwaltung Bau-Optionen. Die Bewerbungsfrist ist inzwischen abgelaufen. Laut Baubürgermeister Cord Soehlke haben sich 33 Interessenten für den Standort Brückenstraße beworben, 13 für den Französischen Platz, 16 fürs Hechinger Eck, 31 für den Horemer, 13 für das Heubergtor und einer für den Kohlrain. Dahinter verbergen sich rund 50 verschiedene Bewerber, weil man sich auf mehrere Grundstücke bewerben konnte. „Diese Zahl ist nicht nur hoch, sie ist beeindruckend“, so Soehlke. Am Donnerstag, 30. Juni, entscheidet die Vergabekommission, wer die Zuschläge bekommt. In der Kommission sitzen neben der Verwaltungsspitze und Vertretern der Gemeinderatsfraktionen auch zwei Mitglieder des Ortsbeirats Nordstadt (weil es dort zwei Standorte gibt), sowie jeweils ein Vertreter des Forums Französisches Viertel und der IG Gartenstraße. Stimmberechtigt sind nur die Verwaltung und die Stadträte.

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Erstellt:
18. Juni 2016, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
18. Juni 2016, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. Juni 2016, 01:00 Uhr

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Schantle 18.06.201614:39 Uhr

Im Artikel wird (bewusst?) verschwiegen, dass die Nutzungsdauer als Flüchtlingsunterbringung nur auf zehn Jahre gebunden ist. Die würde es den Eigentümern erlauben, nach diesem Zeitraum die Wohnungen hochpreisig zu vermieten oder zu verkaufen. Keiner könnte mehr kontrollieren, was nach Ablauf der gebundenen Nutzungsfrist mit dem Haus passiert. Das Grundstück ist Land des Bundes - man kann fast schon von Landraub sprechen, der hier betrieben wird. Es erinnert mich an S21, es geht um Grundstücke, Immobilien und Geld - nicht um den Bürger. Erst kürzlich wurde ganz in der Nähe Platz für ca. 500 Menschen geschaffen. Der Französische Platz hat die einzige kleine Wiese auf der die Leute picknicken können, Kinder Fußballspielen und man miteinander ins Gespräch kommt. Das soll nun dem schnöden Mammon unter dem Deckmäntelchen der Flüchtlingsunterbringung zerstört werden. TÜ hat genug leerstehende Häuser - warum diesen schönen Gemeinschaftsplatz opfern, wenn es genug Alternativen gibt? Wagenburg!

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