Umjubelte Premiere in London: „Harry Potter and the Cursed Child“

Auch auf der Bühne magisch

Von HENDRIK BEBBER

Lässt sich der Erfolg der Romane und Filme auch auf die Bühne bringen? Ja. Das zeigt die Premiere von „Harry Potter and the Cursed Child“ in London.

Auch auf der Bühne magisch

Diese Szenerie kennt man aus den Potter-Filmen: Bahngleis neundreiviertel, wo der Zug in die Zauberschule Hogwarts abfährt. Foto: Manuel Harlan

London. Für Potter-Fans endete der Juli mit einem Doppel-„Defodio“: die Gala Premiere des Theaterstücks „Harry Potter und das verwunschene Kind“ in London und darauf noch der Buchstart mit dem Skript der Bühnensensation.

Beide Ereignisse wurden von den „Potterheads“ – wie sich die Anhänger des Kults um den Zauberlehrling nennen – gebührend gefeiert. Ob im Londoner Palace Theatre oder in 5000 Buchläden bestimmten zumindest Schals in den Farben der Hogwarts-Internate die Anzugsordnung. Aber wer etwas auf sich hält, verkleidete sich stilgerecht als Hexen, Kobolde oder als einer der vielen Charaktere der Romanserie.

Der traditionelle Potter-Rummel hatte an diesem Abend die ganze englischsprachige Welt in den Bann gezogen. Stundenlang warteten Hunderte von Fans in den Buchläden auf den magischen Moment um Mitternacht, als die ersten Exemplare zum Verkauf freigegeben wurden. Queens City im US-Bundesstaat Virginia verwandelte sich für ein paar Stunden in „Hogsmeade“, und die englische Buchhandlung in Stockholm meldete schon nach wenigen Minuten den Ausverkauf ihrer ersten Lieferung.

„Das verwunschene Kind“ wird sicherlich den Rekord seines Vorgängers schlagen, von dem acht Millionen Exemplare allein in den USA binnen 24 Stunden verkauft wurden. Es kostet jedoch nur einen Bruchteil der Tickets für das Bühnenspektakel, die trotz Preisen zwischen 80 und 360 Euro bis zum nächsten Frühjahr ausverkauft sind.

Der Kassenerfolg des achten Produkts aus der Potter-Manufaktur Joanne K. Rowlings ist umso bemerkenswerter, da zum ersten Mal das Spannungselement für die Handlung fehlt. Nach wochenlangen Probeläufen im Theater war im Internet schnell zu erfahren, was sich in dem Buch abspielt. Das Stück knüpft an den Epilog des Schlussbandes der Zauberlehrling-Saga an, in dem der Held schließlich Ginny Weasley geheiratet hat und seinen Sohn Albus Severus zum Hogwart Express bringt. Doch der Schlusssatz „Alles ist gut“, war trügerisch. „Es war immer schwierig, Harry Potter zu sein,“ machte die Ankündigung des Stückes die Potter Gemeinde scharf. „Und jetzt ist es für ihn als gestresster Mitarbeiter des Ministeriums für Magie auch nicht viel leichter“.

19 Jahre nach dem Sieg über Lord Voldemort holt die Vergangenheit Harry Potter wieder ein und auch sein elfjähriger Sohn Albus muss unter dem Familienerbe leiden. „Vater wie Sohn erfahren die unbequeme Wahrheit: Manchmal kommt die Dunkelheit aus einer unvermuteten Richtung“. Die komplizierte Handlung ist ein Parforceritt durch die Romanserie, die alte und junge Fans aber auch ein gewöhnliches Theater-Publikum pausenlos in Atem hält. Die erste Zaubergeneration Hogwarts und ihre Sprösslinge reisen dank „Zeitumkehrer“ ständig zwischen Gegenwart und Vergangenheit und werden mit Alternativen zu ihren damaligen Handlungen konfrontiert.

Im Skript ist die Handlung auf 360 Seiten zu lesen. Wegen der „epischen Natur der Geschichte“ läuft das Stück in zwei Teilen von zusammen fast sechs Stunden, die man entweder an einem Nachmittag oder getrennt an zwei Abenden durchsitzen kann. Das schaffen freilich nur die wenigsten Zuschauer, denn die Aktion auf der Bühne und die verblüffenden Illusionen reißen das Publikum ständig von den Stühlen. Die erfolgreichste Schriftstellerin der Literaturgeschichte arbeitet für das Bühnenabenteuer mit dem Dramatiker Jack Thorne und dem Regisseur John Tiffany zusammen. Das Team erreichte bei der Kritik Traumnoten. „Ein Triumph, der neue Maßstäbe für Familienunterhaltung setzt“, schwärmt der „Telegraph“. Und die „New York Times“ lobt die „mitreißende und unterhaltsame Magie, die jeden Zuschauer zum Zauberlehrling macht.“

So ist es nur eine Frage der Zeit, bis Rowlings „verwunschenes Kind“ auch auf dem Broadway das Publikum bezaubern wird. In London bekam die literarische Mutter dafür nach der Uraufführung Standing Ovations. „Ich denke, jetzt ist es vorbei,“ sagte Rowling. „Ich bin überglücklich, dass das Manuskript so blendend realisiert wurde. Aber jetzt ist Schluss mit Harry.“

Die deutschen Fans müssen sich noch etwas gedulden. Die deutsche Fassung von „Harry Potter und das verwunschene Kind“ erscheint am 24. September.


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01.08.2016 - 06:00 Uhr