Abtreibungsrecht

Auch Polens Frauen gehen auf die Straße

Kirchen gestürmt und Kreuzungen blockiert – Polizei setzt Gewalt gegen die Protestierenden ein.

27.10.2020

Von DIETRICH SCHRÖDER

Die Proteste gegen das Abtreibungsgesetz in Polen werden schärfer. Foto: Janek Skarzynski/afp

Warschau. Als hätte Polen nicht schon genug Probleme mit der rasend steigenden Zahl an Corona-Erkrankungen, hat sich jetzt auch noch ein neuer Konflikt entzündet – die Proteste gegen eine weitere Verschärfung des Abtreibungsrechts. Anlass dafür ist ein Urteil des Verfassungsgerichts, welches vergangene Woche die bisherige Regelung als verfassungswidrig erklärt hatte.

Abtreibungen waren bisher erlaubt, wenn im Frühstadium der Schwangerschaft schwerwiegende Fehlbildungen der Föten erkennbar waren. Die Kirchen, Abgeordnete der rechtskonservativen PiS-Partei sowie Initiativen für den absoluten Schutz des ungeborenen Lebens waren gegen diese Regelung vorgegangen.

Tusk warnt vor Bürgerkrieg

Das Urteil hat einen Sturm des Protestes ausgelöst, der am Wochenende ungewöhnlich scharfe Formen annahm. In Warschau und anderen Großstädten stürmten vor allem junge Frauen Kirchen und brachten katholische Gottesdienste teilweise zum Abbruch. Die Tatsache, dass dabei Geistliche in zum Teil obszöner Weise beschimpft wurden, erregte freilich auch viele friedliche Besucher. Auch wurden Gotteshäuser mit Losungen wie „Wir haben genug!“ besprüht. Die Polizei löste die Proteste zum Teil mit Gewalt auf.

Der frühere Regierungschef Donald Tusk warnte auf Twitter vor bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Er kritisierte die gegenwärtige Regierung dafür, unnötig Öl ins Feuer zu gießen und bezeichnete dies angesichts der Corona-Krise als unverantwortlich. Für Montagabend hatten Frauenrechtsgruppen dazu aufgerufen, große Plätze und Straßenkreuzungen im ganzen Land zu blockieren.

Wegen des schon bisher rigiden Abtreibungsrechts lassen viele Polinnen Abtreibungen illegal oder im Ausland durchführen, unter anderem auch in Deutschland. Künftig sollen Abtreibungen in Polen nur noch legal sein, wenn die Gesundheit der Schwangeren in Gefahr ist oder die Schwangerschaft infolge einer Vergewaltigung entstand. Dietrich Schröder

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Erstellt:
27. Oktober 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
27. Oktober 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. Oktober 2020, 06:00 Uhr

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