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Attacken des Hasses
Donald Trump bedachte sie mit abfälligen Bemerkungen und heizt das Klima gegen Muslime weiter an: Die Eltern des im Irak-Krieg getöteten Humayun Khan auf dem Nominierungsparteitag der Demokraten, wo sie den republikanischen Präsidentschaftskandidaten heftig kritisierten. Foto: dpa
Seit Donald Trump hetzt, müssen Muslime in den USA um ihr Leben fürchten

Attacken des Hasses

Donald Trumps Attacken gegen Muslime zeigen schlimme Folgen: Selbst wenn sie in den USA geboren sind, können sie ihres Lebens nicht mehr sicher sein.

08.08.2016
  • PETER DETHIER

Washington. Mit abfälligen Bemerkungen über die muslimischen Eltern eines im Irak-Krieg getöteten Soldaten machte der Präsidentschaftskandidat der Republikaner erst vor wenigen Tagen wieder Schlagzeilen. Seine Attacken haben seit Monaten Methode und heizen das Klima in den USA gefährlich an. Seitdem Donald Trump im Dezember ein Einreiseverbot für alle Muslime gefordert hat, zeigt Amerika sein hässliches Gesicht.

Aus einer neuen Studie der Georgetown University geht hervor, dass hassgetriebene Verbrechen gegen Anhänger des Islam im vergangenen halben Jahr deutlich zugenommen haben: Autos und Häuser wurden mit rassistischem Graffiti überzogen, Moscheen angezündet und viele unschuldige Bürger angegriffen, mehr als ein Dutzend von ihnen nur deshalb ermordet, weil sie Muslime waren. Nicht einmal gebürtige Amerikaner bleiben von den Übergriffen verschont. Einer von ihnen ist Aamir Rahman, ein 26-jähriger Muslim aus Virginia, der gleich zwei Mal Opfer gewalttätiger Übergriffe wurde.

Rahman, dessen Geschichte stellvertretend für viele Muslime in den USA steht, ist ein ausgesprochen sympathischer, bescheidener und nachdenklicher junger Mann. Bei einem Gang durch ein Einkaufszentrum des Washingtoner Vororts Annandale zeigt er auf ein Lokal, das libanesische Gerichte serviert. Er atmet tief durch, seufzt und sagt schließlich: „Direkt da, wenige Meter von dem Restauranteingang entfernt, ist es passiert – vor drei Wochen, als ich mit einem Freund vom Abendessen kam und zum Auto gehen wollte.“

Auf der schlecht beleuchteten Straße wurden sie plötzlich von vier breitschultrigen weißen Männern umringt, die in der Nähe des Lokals auf der Lauer gelegen hatten. Zwei der Täter hielten Rahman und seinen Freund fest, die anderen schlugen mit Fäusten auf sie ein. Alarmiert wurde die Polizei erst eine knappe Stunde später – von dem Restaurantbesitzer, der auf dem Heimweg war und die beiden bewusstlosen Opfer knapp 50 Meter von seinem Lokal auf dem Bürgersteig gefunden hatte.

Was vor der Prügelei geschah, wird Rahman nie vergessen: „Geht zur Hölle, ihr schmutzigen Araber, wir wollen euch nicht in unserem Land“ , habe einer gebrüllt. Ein anderer, der stolz auf sein T-Shirt mit der Aufschrift „Trump: Make America Great Again“ zeigte, habe Rahmans Freund mit den Worten verspottet: „Was ist los, Mohammed, hast Du Deine Bomben zuhause vergessen?“

Zwei Tage lagen die verletzten Freunde im Krankenhaus. Rahman hat zwei Narben auf der linken Wange zurückbehalten, sein Freund, dessen Bein gebrochen wurde, geht noch auf Krücken. „Wir sagten ihnen, dass wir beide Amerikaner sind, dass wir hier geboren wurden und mein Kumpel sogar zur Armee will. Doch es half nichts.“ Bis heute sind die Skinheads nicht gefasst worden.

Für Rahman war es der zweite rassistische Angriff, den er erleben musste. Kurz nach Weihnachten hatten Randalierer nachts die Rückscheibe des Autos eingeschlagen, das er vor dem Elternhaus abgestellt hatte. Auf die Windschutzscheibe schmierten die Täter die Worte: „Muslime raus!“

Rahman erinnert sich an jenen Dezemberabend, an dem Donald Trump faktisch alle Muslime über einen Kamm scherte und seine Landsleute aufforderte, sie aus Amerika zu verbannen. Er habe mit seinen Eltern im Wohnzimmer gesessen. „Wir schauten uns gegenseitig an, völlig ungläubig und entsetzt darüber, dass so etwas in diesem Land, das wir alle so sehr lieben, passieren kann.“

Als er auf ein öffentliches Gymnasium in dem multikulturellen Washingtoner Vorort Arlington ging, wo sich amerikanische, europäische, asiatische und arabische Kinder auf dem Schulhof tummelten, sei die Welt noch heil gewesen, erzählt Rahman. Dann aber kam der 11. September 2001. Seine Eltern, gebürtige Afghanen, die ein Lebensmittelgeschäft betreiben, erkannten ihre Wahlheimat nicht wieder. Rahmans Vater wurde auf dem Beltway, jener Schnellstrasse, die sich wie ein Gürtel um die US-Hauptstadt legt, von dem Fahrer eines Kleinlasters als „Terrorist“ beschimpft und bei hoher Geschwindigkeit in eine Leitplanke gedrückt. Auch seine Mutter musste fortlaufend Demütigungen hinnehmen. Rahman selbst war damals ein kleiner Junge und bekam das alles nur aus Erzählungen mit. „Nun aber bin ich erwachsen, und ich habe das Gefühl, dass sich alles wiederholt.“

Er gibt Trump nicht allein die Schuld: „Das Problem ist, dass die Leute, die so denken und handeln, schon immer da waren“, sagt er. Jetzt wird der bisher um Sachlichkeit bemühte junge Bankangestellte, der hofft, mit etwas mehr Geld auf dem Konto bald sein Politikstudium abschließen zu können, richtig wütend: „Dass dieser rassistische Abschaum, dieses widerliche Gesindel aus seinen Löchern kriecht und im November wählen wird, wohl zum ersten Mal, das ist es, was Trump erreicht hat“, schimpft Rahman.

Er und seine Eltern fühlen sich in diesem Wahljahr derart stark diskriminiert, dass sie ernsthaft daran gedacht haben, nach Afghanistan zurückzugehen, womöglich auch nach Deutschland zu ziehen, das die Familie ihr „Traumland“ nennt. Beides Länder, die der 26-Jährige noch nie besucht hat, in denen er ganz von vorne beginnen müsste.

Doch noch hofft er auf einen Wahlsieg der Demokratin Hillary Clinton: „Ich bete, dass sie die Wahl gewinnt“, sagt er. „Sie bemüht sich zumindest um Toleranz und Integration.“ Unter einem Präsidenten Trump, ist sich Rahman sicher, würde alles nur noch schlimmer werden – die Vorurteile, der Rassismus, der Hass. „Dann hätte ich in Amerika, dem Land, in dem ich geboren bin, in meinem Heimatland, wirklich nichts mehr zu suchen.“

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08.08.2016, 06:00 Uhr
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