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Astronaut Hans Schlegel sieht die Entwicklung der Raumfahrt kritisch
Hans Schlegel bildet in Texas Astronauten aus. Foto: dpa
„Erde als Mutterraumschiff“

Astronaut Hans Schlegel sieht die Entwicklung der Raumfahrt kritisch

In einem Alter, in dem viele sich auf die Rente freuen, bildet Raumfahrer Hans Schlegel für die Esa in Texas Astronauten aus. Heute wird er 65 Jahre alt.

03.08.2016
  • ULF MAUDER, DPA

Stuttgart. Sie waren mit zwei Raumschiffen im All. Wie ist die Stimmung in den USA, da die Amerikaner ja derzeit keine Flüge zur ISS bieten können?

Die Amerikaner sind auf dem Weg, auch die bemannte Raumfahrt zu kommerzialisieren. Im Moment haben wir so viele Transportmöglichkeiten zur ISS in Aussicht, dass wir sie gar nicht alle in ihrer vollen Leistungsfähigkeit nutzen können.

Welche sind das?

SpaceX und Boeing zum Beispiel sind dabei, bemannte Kapseln zu entwickeln. Der erste bemannte Flug zur ISS ist dann damit in zwei bis drei Jahren geplant. Und auch die Nasa arbeitet an einer Kapsel, die viel leistungsfähiger ist als das, was sie jemals hatten. Auch sind die Amerikaner natürlich stolz, künftig wieder von ihrem Boden aus bemannt starten zu können. Bis dahin sind sie auf Russland angewiesen.

War es ein Fehler der USA, das eigene Transportsystem einzumotten und nur auf die Russen zu setzen?

Meine persönliche Ansicht ist, dass es eine kurzsichtige Entscheidung war, das Shuttle ganz einzustellen, bevor man anfing, ein eigenes System – egal ob kommerziell oder Nasa – einsatzbereit zu haben. Man hatte sich damit auf ein einziges bemanntes Transportsystem – in dem Fall die russischen Sojus-Kapseln – verlassen. Es ist immer ein technisches Risiko, von einem einzigen System abhängig zu sein. Es gilt, da schnell herauszukommen.

Was wären die Vorteile einer nicht staatlichen Raumfahrt?

Die kommerzielle Raumfahrt ist eine Riesenchance für die USA. Ich bin überzeugt – und die Erfahrungen geben uns Recht –, dass private Firmen zu einem deutlich niedrigeren Preis zur ISS fliegen können. Natürlich hängen die Firmen für die Entwicklung auch von staatlichen Zuschüssen ab. Die amerikanischen Firmen werden aber mit dem russischen staatlichen Preis für solche Transporte, bemannt und unbemannt zur ISS, mithalten können. Die Hoffnung ist ja, dass die Raumfahrt eine ähnliche Erfolgsstory wird wie die Luftfahrt.

Zählen Sie auch den Weltraumtourismus dazu – ist das sinnvoll?

Bei den Kurzflügen in den Orbit hat es schmerzhafte Rückschläge gegeben. Operationell erfolgreich ist es ja noch nicht. Auch halte ich dies persönlich für eine Fehlentwicklung. Wir können dies in Zukunft vielleicht für ein paar Hundert, Tausend oder Zehntausend Menschen machen. Aber die Energie und andere Ressourcen, die wir einsetzen müssen, um über den Tellerrand – also die Erde – hinaus zu schauen, ist groß. Das können wir nur im kleinen Maßstab realisieren.

Was fordern Sie dann?

Wir Menschen sollten vielmehr alles dafür tun, die Erde, unser einziges Mutterraumschiff so lange und so gut wie möglich zu erhalten. Selbstverständlich wünsche ich möglichst vielen Menschen, zu fühlen und mit den eigenen Augen zu sehen, wie einzigartig und verletzlich klein unser Planet Erde ist.

Wann wird es die erste bemannte Expedition zum Mars geben?

Heute unterschätzt noch jeder einen Marsflug. Wir werden das nicht in den nächsten 15, 20 Jahren umsetzen. Technisch wäre es möglich, aber der Wille dazu muss da sein. Bisher sehen unsere Politiker nicht die Notwendigkeit. Wenn wir unsere geopolitischen Zielsetzungen nicht ändern und den globalen wissenschaftlichen und technischen Fortschritt nicht erweitern, können wir Menschen den Mars nicht erreichen. Am Anfang war das Engagement in der Raumfahrt eher militärisch und machtpolitisch motiviert.

Und heute?

Wir können die ISS und ihren Betrieb als Rollenmodell für eine internationale, blockübergreifende Zusammenarbeit begreifen. Wenn wir so etwas wie eine Reise auf den Mars realisieren wollen, dann geht das nur global zusammen – also mit China, Russland, Europa, Amerika, Japan und weiteren Ländern.

Zwei Besuche im All

Karriere Als siebter Deutscher flog Hans Schlegel 1993 ins All. In der Raumfähre „Columbia“ betreute er Experimente für Medizin und für Biologie. 1998 ging er in die USA, wo er sich zum ISS-Spezialisten qualifizierte. So konnte er 2008 mit der „Atlantis“ das Esa-Labor „Columbus“ zur ISS bringen. Noch heute ist er aktiv im Dienst der Raumfahrt. Im Johnson Space Center in Houston, Texas, betreut er Esa-Astronauten im Training. Der in Überlingen am Bodensee geborene Wahl-Texaner, der auch Aachen und Köln als Orte seiner deutschen Heimat nennt, wird heute 65 Jahre alt. ⇥dpa

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03.08.2016, 06:00 Uhr
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