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Studie

Armutsrisiko steigt mit jedem weiteren Kind

Familien haben oft weniger Geld, als bisher angenommen. Finanzielle Unterstützung kommt in vielen Fällen nicht an.

08.02.2018

Von IGOR STEINLE

Das Armutsrisiko von Familien ist laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung größer als bisher angenommen. Besonders drastisch sei die Situation für Alleinerziehende. Foto: epd

Berlin. Es ist eigentlich eine Binsenweisheit: Je geringer das Familieneinkommen, desto schwerer wiegen Ausgaben wie ein neues Auto oder die Waschmaschine. Dasselbe gilt für Nachwuchs: Wer arm ist, den kostet sein Kind im Verhältnis mehr.

In wissenschaftlichen Studien über die Einkommensverteilung von Familien ist dieser Zusammenhang allerdings bisher nicht berücksichtigt worden. Das kritisieren Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum, die diesen Parameter nun erstmals im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung untersucht haben. Das Fazit ihrer Studie: Familien sind stärker von Armut bedroht, als bisher angenommen.

Ihren Berechnungen nach war 2015 jedes sechste Paar (16 Prozent) mit zwei Kindern betroffen, bei drei Kindern fast jedes fünfte Paar (18 Prozent). Am stärksten betroffen sind allerdings die Alleinerziehenden: 68 Prozent von ihnen waren 2015 armutsgefährdet – nach der bisherigen Methodik waren es nur 46.

Bisher wurde für solche Berechnungen eine Skala der OECD angewendet, die den stärkeren Finanzaufwand ärmerer Familien nicht mitberücksichtigt. Die OECD-Methode differenziert nur nach der Personenanzahl und dem Alter der Haushaltsmitglieder. Damit würden „arme Haushalte systematisch reicher und reiche ärmer gerechnet als sie tatsächlich sind“, heißt es in der Studie.

So hat eine vierköpfige Familie mit einem monatlichen Nettoeinkommen von 3000 Euro den Wissenschaftlern zu Folge einen höheren Lebensstandard als eine alleinstehende Person, der nur 750 Euro monatlich zur Verfügung stehen. Die vierköpfige Familie brauche nämlich keine vier Waschmaschinen, vier Esstische oder vier Bäder, um genauso gut leben zu können wie eine alleinlebende Person. „Reichere Haushalte haben da Einsparmöglichkeiten“, sagt der Bochumer Sozialforscher Martin Werding.

Der Bundesverband Alleinerziehender reagiert auf die Zahlen ernüchtert: „Diese Ergebnisse sind erschütternd“, sagt Geschäftsführerin Miriam Hoheisel dieser Zeitung. „Durch die neue Methodik ist erstmals ein realistischer Blick auf die Einkommenssituation Alleinerziehender möglich.“

Auch die Opposition polterte: Mit der im Koalitionsvertrag der Großen Koalition vorgesehenen Erhöhung von Kindergeld und Kinderfreibetrag sei es nicht getan, sagte Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende der Grünen. Das Problem: Da Alleinerziehende oft wenig verdienen, profitieren sie von steuerlichen Vergünstigungen nur wenig. Und auch höheres Kindergeld wird auf Leistungen wie Arbeitslosengeld II und den Unterhaltsvorschuss angerechnet, erklärt Hoheisel. „Da gilt das Prinzip linke Tasche rechte Tasche.“

Die Bertelsmann-Stiftung schlussfolgert aus der Studie deswegen, familienpolitische Leistungen nicht mehr nach dem Gießkannenprinzip zu verteilen: „Sie sollten sich auf ärmere Familien konzentrieren“, fordert Bertelsmann-Expertin Antje Funcke.

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Erstellt:
8. Februar 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
8. Februar 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 8. Februar 2018, 06:00 Uhr

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