Tübingen · Stadtarchiv

Städtetag: „Archiv gehört den Bürgern“

Der Städtetag reagiert „mit größter Verwunderung und völligem Unverständnis“ auf die Pläne der Stadtverwaltung, Teile des Archivs auszulagern.

21.01.2020

Von ST

Auf die Pläne der Stadt, Teile des Stadtarchivs auszulagern, reagiert die Arbeitsgemeinschaft Archive im Städtetag Baden-Württemberg mit einer Stellungnahme, die deren Vorsitzender Prof. Roland Müller gestern schickte. „Mit größter Verwunderung und völligem Unverständnis haben wir die Pläne der Universitätsstadt Tübingen zur Einlagerung ihres archivischen Kulturerbes zur Kenntnis genommen“, heißt es darin. Dies stehe, von allen fachlichen Notwendigkeiten abgesehen, in einem „fundamentalen Widerspruch zu Positionen des Deutschen Städtetags“.

„Archive sind systemrelevant (…) Das Archiv sagt einer Gesellschaft, warum sie existiert und wo sie herkommt; und das Archiv ist die Basis für die Überlegungen, wo die Gesellschaft hingeht“, zitiert Müller den Publizisten Heribert Prantl. Müller weiter: „Archive sorgen mit für eine effiziente und rechtssichere Verwaltung. Den Bürgerinnen und Bürgern gewährleisten sie im demokratischen Staat Transparenz von Verwaltungshandeln sowie Rechtssicherheit, welche der sie betreffenden Unterlagen auf gesetzlicher Grundlage aufbewahrt und zugänglich gemacht werden.“

Archivalien seien Rechts- und Kulturgut. Für den Deutschen Städtetag bilde die archivalische Überlieferung das „unverwechselbare kulturelle Erscheinungsbild einer Kommune“. Das Stadtarchiv sei das „Gedächtnis der Stadtgesellschaft“ – mit den amtlichen wie den Unterlagen von Personen, Vereinen, Bürgerinitiativen und so weiter.

Archivgut gehöre den Bürgerinnen und Bürgern, auch zur kritischen Beschäftigung mit Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft. Der Städtetag nenne die Vermittlung lokalgeschichtlicher Inhalte aus Archivgut „identitätsstiftend für das Gemeinwesen“ und historische Bildungsarbeit einen „integralen Bestandteil der Aufgaben des Kommunalarchivs“. Deshalb sei der Zugang zu den authentischen Quellen im Stadtarchiv unverzichtbar.

„Die Tübinger Pläne, das Gedächtnis der Stadtgesellschaft einzumotten und damit den Zugang auf unabsehbare Zeit zumindest massiv zu erschweren, wenn nicht gar zu verwehren, eröffnen indes eine neue Dimension: Die Universitäts- und Wissenschaftsstadt fiele hinter längst etablierte Standards in gleichsam feudale Verhältnisse zurück“, so Müller.

Oberbürgermeister Boris Palmer reagierte noch gestern Nachmittag mit einem Antwortschreiben. Müllers Unverständnis sei ihm ein Rätsel, heißt es darin. Müller bleibe ganz im Abstrakten und auf der Ebene von Werten, die niemand in Frage stelle. Er befasse sich überhaupt nicht mit der konkreten Situation des Tübinger Stadtarchivs, die Palmer danach erläutert.

Gerade als Hüter dieser Werte könne der Städtetag die Auslagerung durchaus unterstützen und nicht „aufgrund völlig abstrakter Überlegungen in Bausch und Bogen verwerfen“, so Palmer.

Archive hätten künftig drei Teile. Teil 1 sei handgeschrieben, hochwertiges Kulturgut und nur ein kleiner Teil der Bestände. Teil 2 sei maschinell erstellt, zuerst mit Schreibmaschinen, dann mit Druckern. Seither seien die Bestände explodiert. Und Teil 3 sei elektronisch.

„Warum sollte jede Kommune zur Aufbewahrung der Papierflut einer sehr kurzen Epoche in der Geschichte der Städte und Gemeinden riesige Archive bauen und erhalten, während für die viel bedeutenderen Objekte der handschriftlichen Phase feine Leseräume ausreichen und die gesamte Zukunft sowieso digital in der Cloud abgelegt werden kann?“, fragt Palmer. Und weiter: „Wäre es nicht jetzt an der Zeit, sich Konzepte zu überlegen, wie man das Archivwesen daraufhin neu ausrichtet?“

Die großen Papiermassen, die man gerne erhalten möchte für spätere Forschung, in großen, sicheren und effizient geführten Hallen gemeinsam unterzubringen, erscheine ihm „eine sehr überlegenswerte Variante zur Sicherung des Archivwesens“.

Den Hinweis auf die Position des Deutschen Städtetags nehme er gerne zum Anlass, bei seinen Kollegen eine Initiative zur Modernisierung derselben zu starten. „Gerade der Städtetag darf keine Organisation von Gralshütern sein“, so Palmer. Er müsse sich modernen und effizienten Lösungen verschreiben.

Die städtischen Pläne fürs Archiv

Das Tübinger Stadtarchiv ist, seit es 2012 aus dem Dachgeschoss des Rathauses ausziehen musste, auf mehrere Standorte verteilt. Weil die Magazine inzwischen aber voll sind, will die Stadtverwaltung Teile des Archivs in eine Archivhalle nach Donauwörth auslagern. Archivalien dort, die jemand einsehen möchte, könnten dann eingescannt und auf digitalem Weg oder per Post verschickt werden. Die Suche nach einem Standort für ein Stadtarchiv soll erst mittelfristig erfolgen.

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Erstellt:
21. Januar 2020, 20:30 Uhr
Aktualisiert:
21. Januar 2020, 20:30 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. Januar 2020, 20:30 Uhr

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