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Gerade Dreck ist interessant

Archäologen machen in der Rottenburger Sülchenkirche erstaunliche Funde

Bernsteinperlen aus einem Kindergrab des sechsten Jahrhunderts, Spitzenhaube und Aderlass-Armband aus dem Barock: Restauratorinnen konservieren mehrere tausend Funde aus der Rottenburger Sülchenkirche.

11.12.2015

Von MADELEINE WEGNER

Restauratorin Simone Korolnik: Fundstück aus der Merowingerzeit in einer Styroporbox. Foto: Uli Metz

Tübingen/Rottenburg. Wie große Brocken Borke sehen die mehr als handtellergroßen Teile aus: dunkelgrau-braun, zerfurcht, mit leuchtend grün-blauen Flecken. Doch die Stücke auf dem Tisch des Landesdenkmalamtes Tübingen sind mehrere hundert Jahre alt: Es sind die Überreste eines Brokat-Priestergewandes aus der Zeit des Barock. Und damit gehören die Stoffreste zu den jüngsten Fundstücken aus der Sülchenkirche an der Stadtgrenze Rottenburgs (Landkreis Tübingen). Je tiefer aber die Archäologen im Laufe ihrer dreijährigen Arbeit gruben, auf umso erstaunlichere Funde stießen sie.

Tief im Boden der heutigen Kirche entdeckten die Wissenschaftler Gräber, die sich auf das siebte Jahrhundert datieren lassen, also aus der Merowingerzeit stammen. Somit lässt sich für die Sülchenkirche eine bis heute ungebrochene Bestattungstradition von mehr als 1400 Jahren nachweisen. Derzeit sind Restauratorinnen wie Simone Korolnik vom Landesamt für Denkmalpflege in Tübingen damit beschäftigt, die vielen Kleinfunde zu reinigen, zu konservieren und für die weitere Untersuchung vorzubereiten. Über 2800 Fundnummern haben die Forscher registriert. Hinter einer Nummer verbergen sich oft mehrere Objekte. "Das ist eine gewaltige Menge und eine Wahnsinns-Bandbreite an Funden", sagt die Restauratorin Korolnik.

Sie bearbeitet zur Zeit ein Fundstück aus der Epoche der Merowinger. In einer flachen Styroporbox liegt bräunlich-orangene Erde, darin ist ein metallenes Rädchen zu erkennen. Pinsel und Pinzette zur Hand, betrachtet Korolnik den Fund unter dem Mikroskop. "So kann man s nicht lassen", sagt sie, "da kann kein Archäologe mit arbeiten." Unter dem Mikroskop erkennt Korolnik zwischen den Erdkrümeln Elfenbeinstückchen. Die metallene Zierscheibe hing demnach an einem Bügel oder einem Ring aus Elfenbein. "Elfenbein ist furchtbar", sagt sie, es zerbreche so leicht und in alle Richtungen. Ziel der Restauratoren-Arbeit ist es, die Fundstücke so zu stabilisieren, dass sie bei Berührung nicht zerbersten. "Gerade der Dreck ist interessant", sagt Korolnk. Denn unter dem Mikroskop erkennt sie in den unscheinbaren Erdkrümeln Reste von Leder und Wolle. "Metall gibt aggressive Substanzen ab, das hält Organismen fern, die das organische Material auffressen würden", erklärt sie. So verrät der Fund: Die bestattete Alemannin trug grobe Wolle und einen Ledergürtel, an dem das Kreuzrädchen hing.

In den oberen Schichten des Bodens stießen die Archäologen auf Objekte aus dem Barock. Für die Restauratoren sind auch hier die organischen Materialien eine besondere Herausforderung - etwa noch erhaltene Teile eines Häubchens mit zartem Spitzenbesatz. Oder Rosenkränze: "Es ist sehr spannend, ein Objekt mit so verschiedenen Materialien wie Holz, Metall und Textil zu restaurieren. Das ist nicht der Alltag für uns", sagt Korolnik. Schaurig-skurril ist ein türkis leuchtender Fund: das so genannte Fontanellenblech besteht aus Bronze und wurde an einem Lederband am Oberarm getragen. Es sollte für einen immer wiederkehrenden Aderlass sorgen.

Vor dem Bearbeiten werden alle Objekte nach Esslingen zum Röntgen geschickt. Dadurch erkennen die Restauratoren trotz noch anhaftender Erde, wie gut ein Fund erhalten ist. Außerdem tritt durch dieses Verfahren manchmal Überraschendes zu Tage: Ein Röntgenbild zeigte, dass im Inneren eines Reliquiars ein Kreuz und ein Sebastianspfeil liegen.

Die vielleicht spektakulärsten Funde stammen aus dem Grab eines kleinen Mädchens, das im späten sechsten Jahrhundert mit zahlreichen Gaben bestattet worden ist: verzierte Kämme, Schnallen, bunt gemusterte Perlen und solche aus Bernstein und Glas. Zwei Funde fielen den Forschern unter Leitung der Tübinger Archäologin Beate Schmid besonders auf: Dem toten Kind wurde offensichtlich eine Münze in den Mund gelegt. "Das ist eigentlich eine fränkische Tradition", sagt Schmid. Außerdem fanden sie eine Zierscheibe mit einem Kreuz. Nach Ansicht der Wissenschaftlerin könnte es sich dabei um einen frühen Nachweis auf eine christliche Familie handeln.

Ein Amulett vor der Restaurierung. Foto: Uli Metz

Perlen aus dem Kindergrab. Foto: Wegner

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Erstellt:
11. Dezember 2015, 08:30 Uhr
Aktualisiert:
11. Dezember 2015, 08:30 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. Dezember 2015, 08:30 Uhr

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