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Mammut-Molly macht Ärger

Archäologen bestatteten Elefantendame heimlich hinterm Schloss

Archäologen haben im Hasengraben beim Tübinger Schloss die Elefantendame Molly begraben. Weil sie das ungenehmigt taten, bekamen sie Ärger mit dem Veterinäramt und der Denkmalpflege.

30.03.2012

Von Raimund weible

Tübingen. Es war an einem sonnigen Spätnachmittag im vergangenen Sommer. Ein Paar spazierte am Schänzle hinterm Schloss Hohentübingen vorbei und sah, wie sich einige Leute in weißen Arbeitsmänteln am Rasen an der nördlichen Mauer des Hasengrabens zu schaffen machten. Neugierig geworden fragte das Paar, was sie denn dort unten täten. „Wir begraben einen Elefanten“, war die Antwort. Die beiden Spaziergänger fühlten sich auf den Arm genommen und gingen ihres Wegs.

Wer soll das schon ernst nehmen? In Tübingen am Schloss einen Elefanten begraben? Das klang so unglaublich, das konnte nur ein Witz sein. Aber es war die pure Wahrheit. Tatsächlich haben die Weißkittel an jenem Spätnachmittag einen Elefanten bestattet, und sogar einen ziemlich berühmten, die Molly aus der Stuttgarter Wilhelma. Um das geheim zu halten, sagte man am besten die Wahrheit. Und geheim sollte die Sache bleiben.

Doch vergangene Woche wurde die Sache mit Molly bekannt, und das sorgte für Wirbel. Die Universitätsleitung mit Rektor Bernd Engler und Kanzler Andreas Rothfuß lud zur Krisensitzung. Denn es hatte sich herausgestellt, dass die Bestattung des Elefanten illegal war.

Zwei Fehler begingen die Wissenschaftler und Studenten um den Urgeschichts-Professor Nicholas Conard, der sich einen Namen mit dem Fund von eiszeitlicher Kunst auf der Alb gemacht hat: Sie versäumten es zum einen, beim Veterinäramt eine Ausnahmegenehmigung für das Begräbnis des Zootiers zu beantragen. Die gibt es für wissenschaftliche Zwecke. Zum anderen ist es nicht erlaubt, in dem unter Denkmalschutz stehenden Grund des Hasengrabens zu buddeln. Das hätte eigentlich Conard, der einige Jahre Schlossvogt war, wissen müssen.

Zu ihrer Entlastung können die Wissenschaftler vorbringen, dass sie gehörig unter Druck standen. Molly, wegen ihrer starken Behaarung liebevoll „das Mammut“ genannt, wurde am 13. Juli 2011 vom Wilhelma-Tierarzt eingeschläfert. Die 45-jährige Elefantenkuh litt an einer unheilbaren und sehr schmerzvollen Entzündung an den Vorderfüßen, möglicherweise ausgelöst durch eine Bleikugel, die sie schon als junges Tier aus Indien mitgebracht hatte.

Einen solch großen Kadaver mitten im Sommer wollte der Zoo verständlicherweise rasch loshaben. Einzelne Gewebeproben gingen an das Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin. An den Knochen waren die Tübinger Archäozoologen interessiert. Ihre Absicht ist es, den Zerfall des Gewebes zu beobachten. Aber hauptsächlich geht es ihnen um das Gewinnen von Vergleichsproben. Elefant und Mammut ähneln sich stark. So erleichtern Elefantenknochen das Identifizieren von vorgeschichtlichen Mammutknochen, die die Forscher bei ihren Ausgrabungen entdecken.

An den Knochen von Molly hingen Fleisch- und Gewebereste. Archäozoologen kochen Knochen von kleineren Tieren normalerweise aus. Aber der Oberschenkel eines Elefanten geht in keinen Kochtopf. Deshalb sollen also die Bodenorganismen den Forschern die Arbeit abnahmen.

Wie Kanzler Rothfuß gestern andeutete, steht eine Einigung mit den Behörden bevor. Sie wollen es dulden, dass Molly drei Jahre lang im Hasengraben liegen darf. Es ist eigentlich ein schöner Platz für einen Elefanten. Vor 25 Jahren spielte das Melchinger Lindenhof-Theater an dieser beschaulichen Stätte Shakespeares Sommernachtstraum. Nun ruht hier Molly.

Da ging es ihr noch besser: Die Elefantendame Molly (vorn) mit ihrer Freundin Zella beim Morgenspaziergang durch die Wilhelma. Revierleiter Volker Scholl begleitet die zutraulichen Riesen. Wegen ihrer starken Behaarung wurde Molly liebevoll „das Mammut“ genannt.Bild: Wilhelma

Das weißrote Flatterband begrenzt den Begräbnisplatz von Molly an der Nordmauer des Hasengrabens beim Tübinger Schloss. Bild: Sommer

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Erstellt:
30. März 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
30. März 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 30. März 2012, 12:00 Uhr

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