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Graugrün, Magenta, Schwarz

Arbeiten von Michael Kolod, Susanne Nickel und Antoni Tàpies

Michael Kolods Bildstücke stehen mit einem Bein fest in der Welt des Gewöhnlichen und industriell Gefertigten wie sie zum Beispiel in Artikeln einschlägiger Bau- und Gartenmärkte vorkommen, ohne sie jedoch in der Geste des Readymades vorzuführen.“ Das sagte der Kunsthistoriker Justus Jonas in seiner Eröffnungsrede und es sei gerne zitiert, denn es stimmt. Bei Duchamps Pissoir denkt jeder an ein Pissoir, nur die Umgebung stimmt nicht. Bei Kolods Gurtbändern, Papierrollen, Feuerwerkskörpern oder Kunststoffnetzen denkt niemand an Gurtbänder, Papierrollen, Feuerwerkskörper oder Kunststoffnetze.

27.03.2011

Man sieht anderes: Zum Beispiel einen Schuh, waben- oder blütenartige Gebilde, organische Strukturen, Ornamente. Kolod ist ein Verwandler. Alltägliche Materialien, einfache Gestaltung, aber vielfältige Wirkung, also: Einfach raffiniert.

Am verblüffendsten ist wohl seine große Papierrolle, die er einfach auf den Boden stellt und auffächert. Ästhetik pur. Und doch mehr als ein Schönsteher. Die Stimmigkeit seiner Formungen, die sich dem Betrachter sofort vermittelt, hat damit zu tun, dass Kolod seinen Materialien die in ihnen bereits angelegten Möglichkeiten entlockt, ja in gewisser Weise muss er sie nur lassen und ein bisschen nachhelfen.

Nichts seiner Bildobjekte ist eindeutig, aber alles erinnert an Bekanntes. „Mir geht es um das Wechselspiel von Schatten, Raum, Farbe und Licht“, sagt der Künstler, und zwar, wie man hinzufügen möchte, auf sehr subtile Weise. Das Wandbildobjekt aus Gurtbändern, diese Rosette spielt noch mit den Schatten- und Farbreflexen, die es an die Wand wirft. Die Waben (tatsächlich aus Feuerwerksraketenhülsen) geben gebrochene Durchblicke auf Dahinterliegendes preis.

Hervorzuheben ist die Hängung Jochen Höltjes, der eine treppenförmige Girlande eben genau über die Treppe hängt. Kolod hat übrigens bei Raimer Jochims studiert, man meint es seinen Arbeiten bisweilen anzumerken. Heute arbeitet er in der Graphischen Sammlung des Frankfurter Städelmuseums und lehrt an der Akademie für Bildende Künste in Mainz.

Michael Kolod, „Zwielicht“, Galerie Künstlerbund, Metzgergasse 3, bis 9. April, Mi-Fr 15-18 Uhr, Sa 11-14 Uhr. Künstlergespräch am 8. April um 19 Uhr.

Wie soll man die Kunstwelt Susanne Nickels beschreiben? Es gibt viel Nostalgie-Anteil darin. Was damit zu tun hat, dass die 1967 geborene Künstlerin Motive aus alten Büchern und Zeitschriften verwendet, ob Kinderbuch-Illustrationen oder schon deutlich angejahrte Anatomieabbildungen – die sie collagenartig verwendet. Auch ein Poesiealbum aus dem Jahr 1928 wird als Grundlage benutzt. Durch all das stellt sich auch eine Reminiszenz an den Surrealismus ein.

Manche der Abbildungen und auch der Texte atmen expressionistisches Schock-Pathos, heftige Erzählungen, die allerdings durch Sarkasmus und staubtrockene Lakonie gekontert werden. Da passt es, das sie sich unter anderem Autorinnen wie Aglaja Veteranyi oder Hertha Kräftner für den Textpart aussucht, Texte, die viel schwarze Melancholie ausstrahlen. Und dass sie von Ringelnatz ausgerechnet dessen Menschenfressertext („Silvester bei den Kannibalen“) aussucht, ist sicher kein Zufall.

Andererseits: Was die Autoren angeht, entsteht letztlich kein klar zuordenbares Bild: Oder wären Hilde Domin, Federico Garci Lorca, Ulrike Draesner (Titel: „Als der Hund starb, kaufte sie sich ein neues Kleid“) und Günter Herburger auf einen Nenner zu bringen? Wohl kaum. Der preisverdächtige Ausstellungstitel „Gut frisiert ist halb so alt“ rückt auch eher die verspielte, poppige und schlagfertige Seite Nickels in den Vordergrund, wie sie sich etwa in ihren wunderbaren Frisurenbüchern findet.

Die Künstlerin, die an der Hochschule für Kunst und Design Halle, Burg Giebichenstein studiert hat und mit Frauke Otto und Veronika Schäpers (auch schon bei Druck&Buch zu sehen) die Künstlergruppe a3 gründete, arbeitet mit Stempel- und Gummidruck, Computerdruck, zeichnet, collagiert, sprüht, übermalt. Ihre Materialien liegen manchmal auf dem schmalen Grat zwischen eklig und ästhetisch berückend und sollen dies auch.

Kunstbücher gibt es, da möchte man sich nach dem Durchblättern die Fingerkuppen abwischen (hoffentlich nicht an den drei Taschentüchern, die sie bemalt hat), weil man – Erinnerung an Kindheitstage – meint, die Ölkreide müsse doch sicher daran haften geblieben sein. Aber da hat Frau Nickel schon vorgesorgt.

Susanne Nickel, „Gut frisiert ist halb so alt“, bis 7. Mai, Galerie Druck&Buch, Bachgasse 15, Do, Fr 11-19 Uhr, Sa 10-14 Uhr.

Werke von Antoni Tàpies aus der Stiftungs-eigenen Sammlung bei Kunst und Recht: Bei der Eröffnung letzte Woche sprach Donata Bretschneider zu Leben und Werk des Künstlers, während man mal zu dem einen, mal zu dem anderen Bild blickte und es wiederfand, beispielsweise das Graugrün, das er so liebte, in dem er aufwuchs, das Graugrün mancher Baumrinden, auch manchen Mauerwerks.

Informel? Gab es damals noch nicht. Es gab den Surrealismus, der Tàpies beeinflusste, es gab den unbändigen Willen des Künstlers, autodidaktisch vorzugehen und sich nicht verschulen zu lassen. Es gab, wie so oft bei Künstlern, die gesundheitliche Krise als kunstgenerierende Zäsur, einen befreienden Paris-Aufenthalt und die Hinbewegung zu seiner Art Brut.

Alltägliche „arme“ Materialien zog er vor und ganz einfache, elementare Motive wie etwa ein Fuß tauchen in seinen eher abstrakten Werken auf. Donata Bretschneider las das auch politisch, gesellschaftlich, machte auf die Farbsprache, die Strichführung aufmerksam, versuchte in Worte zu fassen, warum sie das Demütige, Reduzierte in Tàpies? Bildern oft so berührt – was ihr nicht gelang.

Dass es ihr nicht gelang, sollte das Nachdenken ihrer Zuhörerschaft anstiften und tatsächlich kam anschließend ein Gespräch in Gang, zumal ein Tàpies-Sammler und ein Tàpies-Fachmann im Publikum waren. Der eine korrigierte Bretschneiders religiöse Interpretation des oft auftauchenden Kreuzes, es handle sich wohl eher um ein katalanisches Kreuz. Der andere wollte zum Thema Demut dann doch einwenden, dass Tàpies in seiner Spätphase zu geradezu gigantomanischen Arbeiten neigte und regte statt weiterer Interpretation einen Rundgang an, der vielleicht noch etwas über die technischen Verfahren ans Tageslicht bringen würde.

Tatsächlich stand sofort ein kleiner Haufen vor einem Bild und rätselte, fachsimpelte. Und so soll es ja auch sein bei Ausstellungseröffnungen. Schade nur, dass der Künstler selbst nicht da war. Der lebt nämlich noch, 87-jährig, und hätte sicher manches beisteuern können, das in keinem Künstlerlexikon zu finden ist.Peter Ertle

Antoni Tàpies in der Graphothek bei Kunst&Recht, Stuttgarter Straße 1, noch bis 20. Mai, Di-Fr 14-18 Uhr.

Blick auf eine Wand in der Galerie Druck&Buch, verschiedene Künstlerbücher Susanne Nickels zeigend.Bild: Faden

Antoni Tàpies, „Ohne Titel“, 1971, zu sehen bei Kunst und Recht.Bild: Metz

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Erstellt:
27. März 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
27. März 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. März 2011, 12:00 Uhr

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