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Kleine Welten, Rückseiten

Arbeiten von Mejias, Bremicker und Brunner in Tübinger Galerien

Sie sind freier, losgelassener, weniger streng als die früheren Werke. Andererseits sind auch welche darunter, die man mit Fug und Recht als „zu“ bezeichnen könnte, sind sie doch mit Baumarkt-Metallen regelrecht zugesperrt, weiße, verschlossene Türen, auf denen nur vom Rand her Strukturen zu erkennen sind und man fragt sich automatisch: Was ist „darunter – dahinter“?

15.10.2011

So lautet der Titel der derzeitigen Ausstellung Reinhard Brunners in der Künstlerbundgalerie, die passend zu den Bildern in neuem, wunderbarem Weiß und lichter Geräumigkeit erstrahlt. Am Mittwoch verwickelte der ehemalige Vorsitzende Axel von Criegern den Künstler und ein Dutzend anwesender Kollegen in ein anregendes Gespräch über die Werke.

Zentrale Fragen waren das Verhältnis von Zufall und Planung, der Kunsthochschullehrer von Criegern unterstellte eher den vor dem Hintergrund gesammelten Kunstwissens und Formengespürs erfolgenden Zugriff, Brunner betonte eher die spontanen Zufallsmomente.

So ganz war nicht zu verstehen, warum man daraus überhaupt einen Gegensatz bastelte, wo es doch immer um die Auswahl, Verwendung und Weiterverarbeitung eines zufälligen Fundstücks geht. So wies Jochen Höltje, der die Hängung vorgenommen hatte (Brunner: Ich rate jedem Künstler, das von jemand anderem professionell machen zu lassen, man ist viel zu sehr involviert) ganz recht darauf hin, dass hier erst die Rahmung das Bild zum Bild mache.

Genau: Ab wann ist ein Bild eigentlich ein Bild? Bei Brunner geht das möglicherweise etwas früher los als bei seinem Gesprächspartner, eine Frage der Kriterien. Von Criegern vermutete schließlich, dass Brunner wohl auch ein impressionistisches Bild in erster Linie als Struktur aus Farbflecken definieren würde – Brunner stimmte jubilierend zu. Und applaudierend in die Hände klatschte er gar, als ein Zuhörer auch auf die Momente der Dekonstruktion in seinen Bildern hinwies.

Die Scharniere in den Werken seien wohl notwendig, meinte ein anderer Zuhörer, denn, mit Verlaub, ohne sie sei es mit den Bildern ja nicht so weit her. Ja, man fasst sich auch mal etwas härter an in so einer Runde, ein gutes Zeichen, vor allem, wenn, wie hier der Fall, die Stimmung gut bleibt. Am Ende, beim Schluck Rotwein war die Runde sogar zu Scherzen aufgelegt und hängte einfach mal eines von Brunners Bildern tatsächlich andersrum auf. Vielleicht sollte man es so hängen lassen, denn eines sieht man da ganz deutlich: Mit Brunners Kunst-Rückseiten können sich die faktischen Rückseiten seiner Bilder nun wirklich nicht messen.

Info Reinhard Brunner, „darunter – dahinter“, Künstlerbundgalerie, Metzgergasse 3, noch heute

11–14 Uhr.

Sie haben etwas Putziges, Puppenstuben-haftes, die Szenen, die der aus Venezuela stammende Künstler Marcelino Mejias derzeit im Foyer des Zimmertheaters ausstellt. Im Hintergrund: Ebenfalls Szenen, aber flächig, Bilder des Tübinger Künstlers Armin Bremicker. Bremicker nimmt die Anregung oder Bildvorlage gern aus der Tageszeitung, Mejias nimmt die seinen gern aus dem Alltag, auch hier eine gewisse Parallelität in der Hinwendung zur Tageswirklichkeit.

Dann hören sie auch schon auf, die Gemeinsamkeiten und es beginnt der Reiz des Kontrastes, falls man die Werke nicht unabhängig voneinander sehen möchte, was auch problemlos geht. Ach, eine Gemeinsamkeit gibt es schon noch: Marcelino Mejias Tochter wohnt in Tübingen neben Bremicker/Kern und dass in ihrer Wohnung etliche Vitrinen ihres Vaters stehen, kann einem Künstler- und Kuratorenpaar natürlich nicht verborgen bleiben.

Zunächst sollte Mejias einer von mehreren Künstlern werden, deren Werke in einer Gemeinschaftsausstellung europäische und iboamerikanische Kunst miteinander konfrontiert – das wird nun nächstes Jahr passieren. Dieses Jahr eröffnete man das integrative Projekt auf zwei Künstler beschränkt zum Auftakt der interkulturellen Woche im Zimmertheater.

Und da wären wir also und bestaunen die von Mejias mit viel Liebe zum Detail und unter Verwendung der abenteuerlichsten Materialien gestalteten Szenen. Der Künstler ist gerade mehrere Wochen in Tübingen, nicht zum ersten Mal übrigens, weshalb sich zur Darstellung ländlicher Bräuche seiner Heimatregion oder so schmerzlicher Begebenheiten wie einem Zahnarztbesuch auch Hölderlin in seinem Studierzimmer oder Boris Palmer vor seinem Fahrrad gesellen. Dass ein Oberbürgermeister mit einem Fahrrad zu einem Termin kommt, das gäbe es in seiner Heimat nicht, meint Mejias, das hat ihm imponiert. Und deswegen ist auch das Fahrrad und nicht der Oberbürgermeister der eigentliche Star.

Armin Bremicker wiederum hat in seinem Zyklus der vier Temperamente vier der quadratischen Bilder als Platzhalter für Werbeanzeigen gestaltet. Wer will, kann sie sich kaufen, selbst gestalten und so das Kunstwerk verändern. Der für die Werbung werbende Anzeigentext ist jeweils so gehalten, dass er einmal den Phlegmatiker, einmal den Sanguiniker, einmal den Choleriker und einmal den Melancholiker zu einer Anzeige bewegen will. Ob sich wohl jemand meldet?Peter Ertle

Info „Kleine Welten – Große Wirkung“, Armin Bremicker/Marcelino Mejias, noch bis November, geöffnet zu den Spielzeiten und jeweils eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn.

Reinhard Brunner (links) im Gespräch mit Axel von Criegen.Bild: Ziehe

Marcelino Mejias neben dem Papst, Armin Bremicker vor seinen „Vier Temperamenten“ mit Werbungsplatzhalter.Bild: Metz

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Erstellt:
15. Oktober 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
15. Oktober 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 15. Oktober 2011, 12:00 Uhr

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