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Erst die Grube, dann der Tunnel

Arbeiten am Albaufstieg der Schnellbahntrasse Wendlingen-Ulm laufen auf Hochtouren

Von einer riesigen Baugrube aus wird der Steinbühltunnel in das Kalkgestein der Alb gesprengt. Die Tunnelbauer aus Österreich arbeiten rund um die Uhr, in fünfeinhalb Jahren sollen sie fertig sein.

26.06.2013

Von THOMAS STEIBADLER

Hohenstadt Zwei kurze Huptöne - eine Sekunde später krachts. Bis zu 110 Kilo Sprengstoff sind nötig, um 70 Kubikmeter Kalkgestein aus der Alb zu brechen. Vier oder fünf Mal täglich ertönt in der Baugrube bei Hohenstadt (Kreis Göppingen) das Warnsignal, und bei jeder Detonation wird eine Röhre des Steinbühltunnels ein bisschen länger. In gut fünf Jahren soll der 4,8 Kilometer lange Tunnel fertig sein, von Ende 2021 an sollen regelmäßig ICE-Züge auf der knapp 60 Kilometer langen, 3,3 Milliarden Euro teuren Neubaustrecke Wendlingen-Ulm fahren. Mit Tempo 250 auch an der steilsten Stelle des Albaufstiegs. Ungefähr dort, wo der aus Stuttgart kommende Zug aus dem Steinbühltunnel rast, erreicht die Strecke ihren höchsten Punkt, knapp 750 Meter über dem Meer.

Als um Ostern herum die Vorarbeiten für den Tunnelbau begannen, lag dort noch Schnee. Keine drei Monate später ist auch von den Wiesen und Feldern nicht mehr viel zu sehen, überall Geröll, Aushub, Fels. Die Baustelle gleich neben der Autobahn Stuttgart-Ulm ist etwa so groß wie 150 Fußballplätze, ihr Zentrum heißt "Baugrube Pfaffenäcker" und ist ein riesiges Loch.

Die 150 000 Kubikmeter Erde und Fels, die hier innerhalb von sechs Wochen ausgehoben wurden, füllten 15 000 Lastwagen. Die Baugrube ist um die 20 Meter tief, 140 Meter lang, an der Sohle 45 Meter breit und fest in österreichischer Hand. Vier Firmen aus Wien, Salzburg, Leoben und Linz haben sich als Arbeitsgemeinschaft Tunnel Albaufstieg (ATA) den 635-Millionen-Auftrag gesichert. Außer dem Steinbühltunnel baut die ATA auch den unterhalb gelegenen Boßlertunnel.

In der Bau-Überwachung, auch an eine Arbeitsgemeinschaft vergeben, trägt ebenfalls ein Österreicher Verantwortung. Mit der Erfahrung von 27 Berufsjahren im Tunnelbau betrachtet Alfred Schano das Treiben auf der Baustelle bei Hohenstadt ausgesprochen gelassen. Auch der Hinweis von Matthias Breidenstein, dem Projektleiter der Bahn, auf die Größe der Aufgabe - "Die müssen aufpassen, dass gebaut wird, was bestellt wurde" - kann den Ingenieur nicht aus der Ruhe bringen. Das mag daran liegen, dass er schon größere Baustellen gesehen hat. Am 57 Kilometer langen Gotthard-Basistunnels sei er beteiligt gewesen, sagt Schano, und auch an der Röhre durch den Monte Ceneri, die ebenfalls zur Neuen Alpentransversale in der Schweiz gehört und immerhin 15 Kilometer lang werden soll.

Zurück auf die Alb. Seit 6. Juni wird dort rund um die Uhr in regelmäßigen Abständen gesprengt. Von der Baugrube aus werden vier Röhren ins Gestein getrieben: Zwei, jeweils 4,2 Kilometer lang, bergab, zwei 500 Meter lange bergauf. Wenn die Röhren fertig und miteinander verbunden sind, wird die riesige Grube wieder zugeschüttet.

Obwohl ein großer Teil des Aushubs auf der Baustelle selbst gelagert, zerkleinert und wiederverwendet werden soll, müssen Projektleiter Breidenstein zufolge eine Million Kubikmeter auf Deponien gelagert werden. Wo genau, das sei Sache der beauftragten Unternehmen. Die etwa 100 000 Lastwagen, die rechnerisch für den Transport notwendig sind, sollen aber weitgehend die Autobahn benutzen. Zu diesem Zweck werde eine Baustellenzu- und -abfahrt gebaut. Das sei Teil der Genehmigung, "und daran werden wir uns halten".

Der Projektleiter ist deshalb der Ansicht, dass sich "Bürgerschaft und Baustelle vertragen". Das gelte auch für die Sprengungen, wenngleich die ersten "kritisch" gewesen seien. Damit meint Breidenstein Lärmbeschwerden von Bürgern aus dem nahen Hohenstadt. Inzwischen seien die Unstimmigkeiten aber ausgeräumt. Außerdem könnten die Hohenstadter bei Bau-Überwacher Schano und seinen Kollegen anrufen, wenn sie Fragen zum Bauablauf haben.

Bürgermeister Günter Riebort bestätigt das Bemühen der Bahn um Information. Vor Beginn der Arbeiten seien in Hohenstadt Handzettel verteilt worden, trotzdem seien einige der rund 800 Einwohner erschrocken, als nachts gesprengt wurde. Lob zollt der Bürgermeister auch der Arbeitsgemeinschaft Tunnelbau, die sich an alle Absprachen mit der Gemeinde halte. Außerdem hätten einige der etwa 40 Mitarbeiter von der Baustelle Pfaffenäcker im Dorf ein Quartier genommen. So könne man beim Wirtshausbesuch manche Information aus erster Hand bekommen.

Andererseits, das will Bürgermeister Riebort nicht verschweigen, vertragen sich eine zehn Hektar große Baustelle und Landwirtschaft nicht unbedingt. Wenn fast sechs Jahre lang Anbauflächen fehlen, drohten die betroffenen Betriebe auf der Strecke zu bleiben.

Die riesige Baugrube Pfaffenäcker bei Hohenstadt: Von hier aus wird der Steinbühltunnel gebaut, Ende 2018 soll er fertig sein. Fotos: Sophie Krauss

Blick in die östliche Röhre des Steinbühltunnels: Seit der ersten Sprengung am 6. Juni geht es Meter für Meter tiefer in den Berg.

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Erstellt:
26. Juni 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
26. Juni 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. Juni 2013, 12:00 Uhr

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