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„Arbeite nur zum Zeitvertreib“
Stolz auf seinen Passat mit Ledersitzen: Taxifahrer Gao Zhen will seinen Kunden etwas Luxus bieten. Foto: Felix Lee
Taxifahrer in Peking

„Arbeite nur zum Zeitvertreib“

Viele alteingesessene Taxifahrer in Peking müssten gar nicht mehr fahren. Denn sie gehören zu den Profiteuren des Immobilienbooms. So auch Gao Zhen.

01.09.2017
  • FELIX LEE

Peking. Gao Zhen ist keiner der Taxifahrer, der in den zumeist schäbigen grün-gelben Toyotas oder Jettas die Kunden durch den dichten Pekinger Verkehr fährt. Der 63-Jährige trägt weißes Hemd, Krawatte und graue Anzughose. Und bevor der Fahrgast einsteigt, hält er ihm die Tür auf. Auch sein Gefährt unterscheidet sich: ein schwarzer Passat mit Ledersitzen. „Davon habe ich immer geträumt“, sagt er und streicht mit seiner Hand über das polierte Leder. Zudem steht in dem Getränkehalter für jeden Gast eine Flasche Wasser bereit. „Ich biete Luxus“, sagt Gao.

Die Fahrt geht zum Flughafen. Vom nordöstlichen Dritten Ring aus sind es eigentlich keine 20 Kilometer. Doch der Dritte Ring ist an diesem Sonntagvormittag verstopft. „Spätsommerurlaub“, sagt Gao. Alle wollten aus der 40 Grad heißen Stadt fliehen und hätten Flüge in den Nordosten des Landes oder gleich nach Europa gebucht. Gao schlägt daher einen Umweg über das Pekinger Finanzviertel vor.

Mehr als 30 Jahre war der gebürtige Pekinger Taxifahrer bei einem der großen städtischen Taxiunternehmen der chinesischen Hauptstadt. Vor einem halben Jahr hat er sich selbstständig gemacht. Über den chinesischen Fahrvermittlungsdienst Didi kann man ihn buchen. Er selbst bezeichnet sich als „Premiumfahrer“.

Die Leute seien es leid, von frustrierten und schlecht gelaunten Taxifahrern wie sie sonst in Peking üblich sind, herumgefahren zu werden. Wer es sich leisten kann, der greife daher gern auf seinen Service zu. „Das Geschäft läuft gut“, sagt er. 15 000 Yuan verdiene er im Durchschnitt im Monat, umgerechnet fast 2000 Euro. Als normaler Taxifahrer habe er nicht einmal halb so viel erhalten. Zufrieden ist er auch mit der Klientel. Sie sei betuchter und entsprechend auch großzügiger beim Trinkgeld.

Dabei müsste er eigentlich gar nicht mehr Taxi fahren. An der Rente, die er bezieht, liegt es nicht, sagt Gao. Sie liege bei umgerechnet weniger als 200 Euro. Mit der könnte er in Peking nicht mal seinen Lebensunterhalt bestreiten. Wer jedoch zu den Glücklichen gehört, der länger als 15 Jahre in der chinesischen Hauptstadt lebt und damals bei der günstigen Vergabe von Wohnraum zugeschlagen hatte, ist jetzt reich. Denn die Immobilienpreise haben sich seitdem mehr als verzehnfacht. Eine ganze Generation von Pekingern ist durch den starken Anstieg fast mühelos zu Wohlstand gekommen. Selbst Putzfrauen und Taxifahrer besitzen Eigentumswohnungen mit hohen sechsstelligen Bewertungen.

So auch Gao. Vor einem halben Jahr hat er seine Wohnung verkauft. Sie befand sich innerhalb des Dritten Rings von Pekings Innenstadt. Er war nach dem Verkauf der Wohnung um umgerechnet fast eine halbe Million Euro reicher. Davon hat er sich für nicht einmal die Hälfte eine sehr viel größere Wohnung am Stadtrand gekauft. Und den schwarzen Passat mit Ledersitzen. Nun fahre er nur noch zum Zeitvertreib. „Und weil sich damit doch noch ein ganz gutes Taschengeld dazu verdienen lässt.“

„Völlig verfehlte Verkehrspolitik“

Gao fährt auf das Pekinger Finanzviertel zu, vorbei an zwei über 600 Meter hohen Wolkenkratzer. Ein dritter befindet sich im Bau. Ein gigantischer Kran thront oben drauf. Wegen des Smogs ist er aber nur in Facetten zu erkennen. Kurz bevor Gao auf der großen Ringstraße abbiegen möchte, muss er halten. Stau also auch an dieser Stelle. Er flucht. Von „Verkehrsinfarkt“ spricht er, einer „völlig verfehlten Verkehrspolitik“. Und trotzdem würden weiter neue Autos zugelassen. „Noch ein paar Jahre und dann erstickt Peking am Verkehr.“

Über sechs Millionen Autos fahren derzeit auf Pekings Straßen. Vor fünf Jahren waren es nicht einmal halb so viel. Dabei beklagten sich die Menschen schon damals über den dichten Verkehr. Das eigene Auto ist in Peking ein Statussymbol. Und wer es sich leisten kann, kauft sich auch eins. Gao flucht über den Dauerstau – denkt letztlich aber ähnlich. „Immerhin fahre ich auch andere Leute herum“, rechtfertigt er sich.

Im Stop-and-Go geht es weiter. Eine Stunde, anderthalb Stunden, hinter dem Fünften Ring entzerrt sich der Verkehr langsam. Zwei Stunden, 23 Minuten braucht Gao schließlich für die Fahrt von der nordöstlichen Innenstadt zum Terminal 3 des Pekinger Flughafens. Wenn der Verkehr fließt, schaffe er es normalerweise in 20 Minuten, sagt er.

127 Yuan steht schließlich auf der App, als Gao vor der Eingangshalle die Beifahrertür öffnet und die Koffer auf einen Gepäckwagen stapelt. „Kein guter Stundenlohn“, sagt er. Aber das sei okay. „Schließlich arbeite ich ohnehin nur noch zum Vergnügen.“

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01.09.2017, 06:00 Uhr
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