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Tübingen · Corona

Appell zu einer anderen Achtsamkeit

Die Krise spielt neoliberalen Ideologen in die Karten – warnt Markus Baumgart in einem Gastbeitrag.

25.03.2020

Von Markus Baumgart

Der Gastautor Markus Baumgart.Archivbild: Anne Faden

Liebe Freundinnen und Freunde,

sorry, aber ich muss mal eben in die Suppe spucken. Ja, das Folgende ist eine völlig subjektive, unausgewogene, einseitige, trotzige, nicht alle Seiten von vorne bis hinten abwägende Polemik, die sich somit voll in die Nesseln setzt. Der Narr bezieht jedoch gerne die Prügel für die Botschaft, Hauptsache es wird sich mit ihr auseinandergesetzt. (. . . )

Nein, ich bin kein Verschwörungstheoretiker, sondern versuche, einfach nur mit kulturwissenschaftlichem Blick zu beobachten. Und das, was ich auf dieser Basis befürchte, ist eine Katastrophe, die weit über die Corona-Pandemie hinausreicht. Nämlich die Abschaffung jedes demokratischen, kulturellen und insbesondere links-alternativen, subkulturellen Denkens, Handelns und Wirkens.

Diese Destruktion ist vermutlich gar nicht primär geplant, also in Form einer Verschwörung, weil das auf Hegemonie basierende kapitalistische System eine solche überhaupt nicht mehr nötig hat. Sondern ganz einfach ein willkommener Kollateralschaden, sprich: ein Kollateralgewinn (. . . )

Corona ist der zur Realität gewordene Traum aller Rechtspopulisten und neoliberalen Ideologen. Einfach mal alle Läden und kulturellen Einrichtungen über Wochen schließen – na, wer wird denn da wohl der große Verlierer sein? Freilich all die kleinen Kultureinrichtungen (und damit meine ich auch alternative Clubs, Ateliers, Buchhandlungen, Plattenläden, Second-Hand-Shops), die von wenigen Aktivisten oder gar Einzelpersonen getragen werden und gerade deshalb oft Orte devianten, widerspenstigen Denkens sind. Und finanziell sowieso auf Kante genäht. Wird dementsprechend am Ende nur gerettet, was im Sinne des totalen Kapitalismus systemrelevant ist, werden solche Orte schlichtweg durch Passivität abgeschafft. Neue Gesetze, durchschaubare Etatkürzungen und Polizeieinsätze sind nicht mehr nötig.

Dafür kann die Polizei nun in Parks und auf Spielplätzen eingesetzt werden, um den Kindern und Jugendlichen, die sich dort entgegen allen Anweisungen anarchistisch zusammenrotten, von Anfang an beizubringen, was Sache ist, wer das Sagen hat. (. . .) Ist es nicht furchtbar, wie wenig Widerspruch laut wird? Grundtenor ist: Also wenn die Menschen so unvernünftig sind, dann können ja nur noch Ausgangssperren verhängt werden. (. . .) Gegenstimmen, ein kritisches Abwägen, eine ernsthafte Diskussion? Fehlanzeige. Corona, deutsch: die Krone, herrscht und droht unhinterfragt.

Und die praktische Seite: nebulös. Gesetzt ist, die Kinder zu Hause zu behalten, dazuhin empfohlen ist Homeoffice, und nebenbei der Online-Unterricht der Schulkinder. Perfekt, kein Problem. Selbstverständlich arbeiten wir konzentriert in einer Zwei-Zimmer-Wohnung via Homeoffice, während wir ein zweijähriges Kind betreuen, auch wenn mit einem solchen kaum ein ordentliches Telefonat alleine mit Freunden zu führen ist.

Und selbstverständlich kann unser Internet jederzeit und überall gleichzeitig Homeoffice und eine Online-Lern-Plattform für alle
bewältigen. Und selbstverständlich leben alle Kinder in einem
sozialen Umfeld, in dem sie die bestmögliche elterliche Betreuung bekommen. (. . . )

Ich bin entsetzt und fürchte das Schlimmste. Jedoch nicht wegen des Virus, das zumindest hinbekommen hat, was die Linke schon lange nicht mehr geschafft hat: Wenn dein starker Arm es will, stehen alle Räder still. (Voraussichtlich leider wenig nachhaltig im Hinblick auf Arbeitsrechte, einen weltweiten Grundlohn, Ökologie und so weiter). Sondern wegen einer weiteren Zerstörung der Menschen- und Bürgerrechte, eines alternativen politischen, intellektuellen und vor allem grundsätzlich humanistischen Standpunkts, der vom Menschen ausgeht und nicht vom System, und somit vom wirklichen sozialen Zusammenleben – insbesondere in diesem Punkt bin ich gerne bereit, diese meines Erachtens teils unglaublich verlogenen Aufrufe zur Corona-Solidarität zu diskutieren, zum Beispiel bei Betrachtung der medialen Darstellung von „Fridays for Future“ als quasi demographisch kongruentem Gegenstück.

Selbstverständlich bin ich nicht gege eine größtmögliche Rücksichtnahme, sie macht Sinn. Jedoch ein bisschen sehr altväterlich wird plötzlich zur Solidarität mit den Alten und Schwachen gemahnt. Wenn sich hingegen eine junge Generation um ihre Zukunft sorgt, wie etwa Fridays for Future, dann wird leider sehr oft völlig unsolidarisch von kleinen Dummchen und Hysterikern geredet, die doch bitteschön weiterhin brav ihre Hausaufgaben machen sollten. Ich meine gewisse Widersprüche zu erkennen, womöglich gar die Vertiefung eines Generationskonflikts, mit dem leider keiner Seite gedient ist.

Aber: Zugleich ist diese Krise eine große Chance für einen alternativen Entwurf wirklicher, gelebter Solidarität und kultureller Pluralität. So oft meine ich sie wahrgenommen zu haben und wahrzunehmen, diese Resignation vieler kluger Menschen innerhalb des Kulturbetriebs, die mit ihrem Tun nichts anderes wollen, als einen positiven Impuls zurück in die Gesellschaft zu geben. Aber die Verhältnisse, sie sind nicht so. Kann das, soll das das letzte Wort gewesen sein? (. . . )

Also: Achtet nicht nur auf eure Gesundheit, seid bitte auch besonders aufmerksam im Hinblick auf unsere Kultur- und Zivilgesellschaft. Gerade weil es für deren Rettung wohl noch nicht mal einen Plan gibt, die Diskussion darüber deshalb umso notwendiger ist.

Der Gastautor ist Betreiber eines kleinen Antiquariats, DJ und Aktivist im Tübinger Kulturleben. Nach fünfzehn Jahren im Verlagswesen ist er aktuell hauptberuflich Hausmann und Vater eines zweijährigen Sohnes.

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Erstellt:
25. März 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
25. März 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 25. März 2020, 01:00 Uhr

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