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Apokalypse now? Nee, lieber gestern!

Während der düstere Prediger im Tübinger Sommertheater-Zelt wüste Verheißungen vom Ende der Welt hervorstößt (mehr dazu in der Theater-Kritik weiter hinten im Blatt), schweifen die Gedanken gelegentlich ab. Der nasse Guss, als Gruß von oben, prasselt unablässig auf die Zirkus-Kuppel. Wie passend, die Sintflut naht.

20.07.2009

Wer ohne Sünde war, der werfe den letzten Stein. Und nun, im Regen-Rhythmus, weil da ja jeder mit muss: „Geh‘n ma halt a bissel unter. . .“

Untergangspropheten gab’s immer schon genügend. Und in einer Universitätsstadt wie Tübingen schien das Ende sowieso meist etwas näher als anderswo. Wilhelm Hauff lässt in seinen „Memoiren des Satans“ den Gottseibeiuns ebenso hier studieren wie Wladimir Solowjew seinen Antichristen bei den hiesigen Theologen promovieren. Nichts geht über eine profunde geistliche Grundausbildung.

Und dann gab es da noch Otto Feuerstein, an den hier erinnert werden soll. Nicht nur, weil der ehemalige Theologiestudent am Katholischen Wilhelmsstift exakt heute vor 75 Jahren starb. Sondern auch, weil Feuerstein ein seltsamer Heiliger gewesen ist. Herz-Jesu-Sozialist und Solist, vorzeitiger Befreiungstheologe und Ruhestörer. Seine wenig erbaulichen Schriften trugen Titel wie (ausgerechnet!) „Ist die katholische Kirche unfehlbar?“, „Die kommenden Weltkatastrophen“, „Die Ohrenbeichte, eine menschliche Erfindung“, „Wie sieht es im Jenseits aus?“ und, etwas neckischer, „Jesuitenstreiche“.

Eines der Traktate verkündet kühn „Das kommende Ende des Papsttums“. Da war Otto Feuerstein natürlich längst nicht mehr der Priester, zu dem er 1900 geweiht wurde. Denn noch vorm ersten Weltkrieg wurde er als Gaildorfer Seelsorger von einem Kollegen beim Rottenburger Bischof angeschwärzt, denn Bruder Feuerstein habe mit der Broschüre „Sozialdemokratie und Weltgericht“ endgültig „den Boden der heiligen Kirche ganz verlassen“, wie der Denunziant eilfertig mitteilte.

Tatsächlich glaubte Feuerstein, Gott habe ihm beim kommenden Weltgericht die Posaune zugedacht. Und Christus werde eines Tages den Kommunismus auf Erden einführen. Unseligerweise verlegte Apostel Feuerstein dieses Datum aufs Jahr 1932/33. Feuerstein hat es, kurz vor seinem Herztod 1934, noch erleben müssen, dass sich damals ein anderer „Erlöser“ aufschwang, ein unchristliches „Reich“ zu errichten.

Da war der falsche Prophet von der katholischen Kirche längst ausgesondert worden. Auch die Sozialdemokraten, denen Feuerstein im künftigen Reich Gottes die Rolle der „Aasgeier“ zuschrieb, waren kaum amüsiert. Otto Feuerstein, der als „romfreier katholischer Geistlicher“ bei Muttern in Degerloch unterschlüpfte und von dort aus mit seinen Schriften und Vorträgen mehr schlecht als recht lebte, ist heute vergessen. Ein katholischer Stiftler aus Tübingen, den Zeitgenossen für verrückt erklärten. War wohl auch was dran.

Wilhelm Triebold

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20.07.2009, 12:00 Uhr
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