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Lernen von den Italienern

Anti-Doping-Kampf: Kriminologe Dieter Rössner im Interview

Der Tübinger Kriminologe Dieter Rössner setzt sich seit Jahren gegen Doping und für einen faireren Spitzensport ein. Dabei fällt es ihm nicht immer leicht für ein strikteres Anti-Doping-Gesetz zu kämpfen, wie er im Interview gesteht.

10.02.2013

TAGBLATT: Herr Rössner, wie dopen Sie persönlich?

Dieter Rössner: Wie kommen Sie darauf, dass ich dope?

Na, Sie haben in der Vergangenheit eine recht große Ausdauer bewiesen. Seit Ende der 1990er Jahre setzen Sie sich für schärfere Anti-Doping-Gesetze ein.

Das stimmt. Tatsächlich habe ich mir aber auch schon mehrmals gesagt, ich lass’ das jetzt. Ich habe andere Aufgabengebiete als den Anti-Doping-Kampf, die mir mehr bringen. Für die Arbeit am Schreibtisch dope ich mich mit Bewegung. Zwei Stunden auf dem Rad durch den Schönbuch und ich kann wieder schreiben und Kritik einstecken.

Wer muss denn noch Doping-Konsum gestehen, bis sich die Überzeugung durchsetzt, dass ein strikteres Anti-Doping-Gesetz nötig ist?

Das ist schwer zu sagen. Ich gehe davon aus, dass der internationale Druck auf die Einzelstaaten größer wird, etwa von der OECD, die sich auch um Fairness im Sport kümmert, oder von Europol. Auch die große Anzahl fairer Sportler kann man da mitnehmen.

Eine Alternative zum restriktiveren Umgang wäre die Freigabe von Doping im Sport. Was halten Sie von diesem Vorschlag?

Ich muss gestehen, in machen sehr depressiven Stunden habe ich das auch schon gedacht. Dann gebt es doch frei, so ähnlich wie radikale Reform-Überlegungen beim Betäubungsmittel-Strafrecht. Das Problem wäre nicht der Spitzensport, der mit seinen Ärzten die Grenzen recht gut ausloten kann. Das Problem träfe die Amateure und die Sportler in den Fitnessstudios. Aber man kann Doping nicht guten Gewissens freigeben – weder für die Allgemeinheit noch für den Spitzensport.

Was genau würde ein Anti-Doping-Gesetz bringen?

Das Täuschen etwa durch Doping im bezahlten Spitzensport ist in Deutschland straffrei. Das ist das Hauptproblem. Das ist ein zentraler Angriff auf die Werte Chancengleichheit und Fairness. Das ist für mich nicht tragbar. Dort, wo viel Geld verdient wird, muss ein scharfer Riegel vorgeschoben werden. Weil dort die organisierte Kriminalität angelockt wird, wie das Beispiel Eufemiano Fuentes zeigt. Und das ist tödlich für das Kulturgut Sport. Hier müsste das Gesetz ansetzen.

Kürzlich waren Sie in Lausanne bei einem Kongress, wo Doping-Ermittler aus Italien von ihrer Arbeit berichteten. Wie funktioniert das italienische System?

Dort gibt es ein sehr striktes Anti-Doping-Gesetz, das Athleten strafrechtlich belangt, die dopen und andere Sportler damit betrügen. Dafür gibt es besondere Strafverfolgungsorgane, etwa eine Einheit der Polizei, die sich nur Doping-Delikten widmet. Die bei uns strikt privat organisierte Nationale Anti-Doping-Agentur ist dort stärker staatlich mit mehr Eingriffsmöglichkeiten ausgestattet.

In Deutschland wehren sich die meisten Sportverbände gegen ein strengeres Anti-Doping-Gesetz. Auch die Bundesregierung sträubt sich. Wie ist der aktuelle Stand?

Ich habe bei mehreren Anhörungen im Bundestag gesprochen. Alle Fraktionen denken darüber nach, die Doping-Bekämpfung durch ein neues Gesetz zu stärken. 2009 habe ich für die Grünen einen Gesetzesentwurf gemacht. Aber der war bei den Mehrheitsverhältnissen zum Scheitern verurteilt. Der deutsche Sport reißt sich auch nicht darum, ein staatliches Anti-Doping-Gesetz zu bekommen. Weil die Gefahr besteht, dass ein Teil seiner Autonomie verloren geht. Doch der Sport betrachtet immer nur Einzelfälle. Wenn es eine positive Probe gibt, wird der Fall durchgezogen. Das geht schnell und hart. Dagegen spricht auch nichts. Aber man hat nur einen Einzelfall. Die staatlichen Ermittlungen gehen in die Breite und decken vielleicht auf, dass es nicht nur ein Einzelfall ist, sondern auch systematisch gedopt wird. Das verunsichert die Szene und hat präventive Wirkung.

Also sind aktuell weder die Bundesregierung noch die meisten Verbände bereit für eine Aufklärung?

Es gibt Ansätze, wie im novellierten Arzneimittelgesetz von 2007, als man den Besitz nicht-geringer Mengen von Dopingmitteln für strafbar erklärt hat. Dadurch ist die Verfolgung von Delikten um das Zehnfache angestiegen. Mein Vorschlag ist jedoch, dass man Sportbetrug mit einigen kleinen Änderungen wie Wirtschaftsbetrug sanktioniert. Im Spitzensport wird wie in der Wirtschaft viel Geld bewegt bewegt und es besteht die Gefahr der Verfestigung korrupter Systeme.

Immerhin spricht sich der Deutsche Leichtathletik-Verband, DLV, für ein striktes Anti-Doping-Gesetz aus.

Der DLV ist ausgeschert. Die haben erkannt, dass die wirkliche Effektivität im Anti-Doping-Kampf im Zusammenwirken zwischen Verbänden und Staat besteht.

Schauen Sie sich Sportveranstaltungen wie Olympia an?

Ja, wenn es die Zeit zulässt.

Macht Ihnen das noch Freude, wenn Sie etwa das 100-Meter-Finale sehen?

Beim 100-Meter-Finale habe ich Probleme, weil ich auch meine Ahnungen habe. Aber wenn zum Beispiel David Rudisha und Bernard Lagat laufen, dann schaue ich sehr gerne zu. Ich kenne beide persönlich und weiß, dass Bernard sogar um Nahrungsergänzungsmittel einen großen Bogen macht.

Würden Sie für die beiden die Hand ins Feuer legen?

(Überlegt kurz) Ja. Aber das sind auch persönliche Eindrücke, die eine Rolle spielen. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass es noch viele andere saubere Sportler gibt. Und die leiden unter dem Doping der anderen. Die muss man schützen. Diejenigen, die sauber sein wollen, werden durch ein klares Verbot gestärkt.

Es ist also nicht unmöglich, sich in der absoluten Leichtathletik-Weltspitze zu bewegen, ohne zu dopen?

Ja, es funktioniert – aber es ist schwer. Und eins ist auch klar: Es darf nicht sein, dass Leistungen der letzten zehn Jahre – im Radsport insbesondere – jetzt zum Maßstab genommen werden. Das ist ganz fatal. Da spielen die Medien eine Rolle. Aber auch wir Zuschauer sind alle mitverantwortlich.

Im Fall Fuentes hat man das Gefühl, dass gar kein richtiges Interesse an einer Aufklärung besteht. Geht es Ihnen auch so?

Das Problem ist, dass es zu der Zeit in Spanien keine Bestrafung wegen Dopings gab. Aber ich verstehe nicht, dass man nicht schärfer ermittelt und bei den Blutproben keine Zuordnungen gemacht hat. Mir scheint es so, als ob das Interesse nicht allzu groß ist, das Doping in der Fläche aufzudecken. Genau solche flächendeckenden Aufklärungen sind eben nur im Strafrecht möglich. Das wird der Sport nie schaffen. Und deshalb hoffe ich, dass der Sport irgendwann erkennt, dass das Strafrecht eine Hilfe ist und kein Hindernis. Nur eine radikal aufdeckende Skandalisierung systematischen Dopens wird am Ende den sauberen Sport retten, auch wenn das vielleicht von den Verbänden zunächst nicht so empfunden wird.

Wie zufrieden sind Sie mit dem bisher Erreichten im Anti-Doping-Kampf?

Der entscheidende Schritt ist getan: Das Problem ist erkannt. Nun kann man über Lösungen streiten. Doping war lange Zeit tabuisiert. Man hat sich nur auf die Einzelfälle konzentriert. Damit war das Problem erledigt. Mittlerweile hat man erkannt, dass es ein strukturelles Problem gibt. Dafür haben wir freilich noch keine Lösung – auch ich habe kein Patentrezept. Italien ist sicher ein Vorbild oder Frankreich, auch Australien und die USA.

Wagen Sie eine Prognose: Wann wird es ein Anti-Doping-Gesetz geben, das Fairness und Chancengleichheit im Sport gewährt?

Mhm, sagen wir mal in drei bis fünf Jahren. Wahrscheinlich dann unter einer anderen Regierung.

Interview: Vincent Meissner

Anti-Doping-Kampf: Kriminologe Dieter Rössner im Interview
Dieter Rössner

Anti-Doping-Kampf: Kriminologe Dieter Rössner im Interview
Drei Mal gewann Simret Restle-Apel den Tübinger Stadtlauf (hier ihr erster Triumph 2008). 2012 wurde sie positiv auf das Dopingmittel Epo getestet. Bilder: Metz/©hriana/fotolia.com

Seit seinem Jura-Studium ist Dieter Rössner (67) ein Tübinger. Beruflich war er zwar viel unterwegs, doch sein Familie blieb stets hier. Am Tübinger Landgericht war er Richter, später wechselte er zur Staatsanwaltschaft, dann arbeitete er im Stuttgarter Justizministerium. 1987 habilitierte er sich in Strafrecht, Strafprozessrecht und Kriminologie. Als Professor war er an den Unis in Göttingen, Halle-Wittenberg und Marburg. Im Sommer 2012 wurde er emeritiert. Mittlerweile hat er eine Zulassung als Rechtsanwalt, außerdem gibt er Schulungen zum Thema Täter-Opfer-Ausgleich. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehört die Gewaltprävention mit Sport. Seit Ende der 1990er Jahre beschäftigt er sich mit der Doping-Problematik. Olympiasieger Dieter Baumann stand er – als von seiner Unschuld überzeugter Begleiter – bei dessen Doping-Verfahren zur Seite. Diese Erlebnisse intensivierten sein Interesse an der Doping-Thematik. Auch heute beschäftigt er sich mit aktuellen Fällen.

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10.02.2013, 12:00 Uhr
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