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Richter vor Gericht

Anklage wegen gefährlicher Körperverletzung schnurrte wieder zusammen

Gemeinschaftliche gefährliche Körperverletzung lautete vorgestern im Amtsgericht die Anklage gegen vier Männer, von denen nur die Hälfte erschienen war. Das Verfahren wurde am Ende eingestellt. Das Ungewöhnliche daran: Einer der Angeklagten ist selbst Amtsrichter, ein weiterer war Jura-Gastprofessor in Tübingen.

08.10.2015
  • Hans-Joachim Lang

Tübingen. Die vier Männer standen im vorigen November nachts um halb Fünf, nach einem Besuch im Top Ten, kauend auf dem McDonald-Parkplatz. Ein gröhlender Mann mit Bierdose trat heran und starrte die Gruppe an, als deren Wortführer sich der 30-jährige Amtsrichter verstand. Der Provokateur wollte sich nicht wegschicken lassen und bespritzte die Männer mit Dosenbier.

Weil der Betrunkene ohne Entschuldigung gegangen sei, habe er hinter ihm hergeschrien, sagte der angeklagte Richter. Sein Gegenüber sei daraufhin „mit gehobener Faust und von Aggression entstelltem Gesicht“ auf ihn zugekommen, fügte er hinzu, er habe dem Schlag ausweichen können und um Hilfe gerufen. Die wurde ihm umfassend gewährt.

Einzelheiten erfuhr das Gericht nicht nur von dem angeklagten Richter, der sich in den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft „nicht wiedererkannte“, sondern auch von zahlreichen Zeugen. Darunter eine Anwohnerin, die ihre vom Fenster aus gemachten Beobachtungen in zwei Abschnitte gliederte. Der zweite war ihr so massiv erschienen, dass sie ihren Freund bat, die Polizei zu rufen.

Weitere Zeugen waren fünf junge Leute, die zu jener frühmorgendlichen Stunde ebenfalls noch Appetit auf Fastfood hatten. Sie kamen, als der Streit ein erstes Mal zu eskalieren begann. Der Mann mit der Bierdose sei gerade zu Boden gegangen, als einer der zuvor besudelten Kontrahenten nach ihm trat, berichtete ein 23-jähriger Student, „Das macht man nicht“, habe er ihm gesagt. Schlichtend eingreifend habe seine Freundin unterdessen den Getretenen aufgefordert zu gehen, woraufhin dieser sich trollte. Freilich nur so lange, bis ihm aus der Vierer-Gruppe jemand hinterherrief: „Ich fick Dich!“

Prompt stob der Mann zurück. „Sieg oder Tod!“ ausrufend stürzte er sich in die Gruppe und ging gleich wieder zu Boden. Hält man sich an die Zeugenaussagen der Hinzugekommenen, hatten drei der alten Kontrahenten den Angreifer bald sistiert, ein Vierter soll dreimal in dessen Gesicht getreten haben. „Der hat bestialisch eingetreten, sagte der 23-Jährige. „Der am Boden hatte keine Chance, seine Arme schützend vors Gesicht zu halten. Wir waren geschockt.“

In Variationen trugen die übrigen jungen Leute ihre Beobachtungen vor, die sich darin glichen, dass vier Männer nachhaltig auf den Liegenden einwirkten. Sie schilderten die Szenen als „Extrem-Geschehen“, in dem sich ein weiterer Angeklagter, ein kräftiger 31-jähriger Student, besonders hervortat. Derweil zwei Angeklagte gar nicht erst erschienen waren, machte er keine Angaben. Ihn entschuldigte der angeklagte Richter: Der Bier-Spritzer habe sich in den Finger des auf ihm sitzenden Mannes „verbissen“, der habe nur geschlagen, um den Finger zu befreien.

Aus erster Hand war davon vor Gericht nichts zu erfahren, denn der, der den Konflikt entzündet hatte, war nicht da. Man vermutet ihn beim Militär in der Türkei, doch nichts Genaues weiß man. Sicher ist nur, dass er bereits im März mit einem Strafbefehl der Staatsanwaltschaft wegen Körperverletzung bedacht wurde,, Höhe 120 Tagessätze zu je 20 Euro.

Staatsanwältin Rotraud Hölscher stellte gegen Ende fest, dass „die zweite Situation sicher nicht hätte zu sein brauchen“, wenn nicht Öl ins Feuer gegossen worden wäre. Auch passe in der Aussage des beschuldigten Richters „nichts zusammen“.

Ihre Anklage wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung ließ sie strafrechtlich gesehen indes auf Null schnurren. Gegen eine Geldauflage stellte sie mit Zustimmung von Amtsrichter Bernd Große nach Paragraph 153 a der Strafprozessordnung die Strafverfolgung ein. Die beiden Betroffenen gelten damit weder als verurteilt noch als freigesprochen und damit auch nicht als vorbestraft. Als Auflage muss der Student 900 Euro (entspricht bei ihm 60 Tagessätze) an die Jugendhilfe entrichten, der schlagkräftige Richter 2500 Euro (entspricht 30 Tagessätze) an den Verein für krebskranke Kinder. Hinzu kommen jeweils die Anwaltskosten.

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08.10.2015, 12:00 Uhr
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