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Staatsanwalt will Ex-Porsche-Chef mehrere Jahre im Gefängnis sehen

Anklage fordert Haft

Die Staatsanwaltschaft fordert für Ex-Porsche-Chef Wiedeking und Ex-Finanzvorstand Härter harte Strafen. Die Angeklagten dürften nicht ungeschoren davonkommen, hieß es im Schlussplädoyer.

19.02.2016

Von THOMAS VEITINGER

Laut Plädoyer der Ankläger soll Wiedeking (rechts) eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten abbüßen, das Strafmaß für Härter soll bei zwei Jahren und drei Monaten liegen. Hinzu kommen Geldbußen von je einer Million Euro. Foto: dpa

Stuttgart. Gestern sah es lange Zeit so aus, als ob der ehemalige Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und Ex-Finanzchef Holger Härter mit einem blauen Auge davon kommen. Im Plädoyer der Staatsanwaltschaft war zunächst nur die Rede von einer Strafe von 1 Mio. EUR für jeden der beiden Angeklagten. Abends legte Staatsanwalt Heiko Wagenpfeil aber nach: Wiedeking soll eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verbüßen, das geforderte Strafmaß für Härter liegt bei zwei Jahren und drei Monaten. Hinzu kommen die Geldbußen. Den Angeklagten wird vorgeworfen, den Markt manipuliert zu haben. Die beiden bestreiten das, die Verteidigung pocht auf einen Freispruch.

Im Prozess geht es neben dem Strafmaß um viel: möglicher Schadenersatz, die Karriere der beteiligten Rechts- und Staatsanwälte und der Strafkammer, das Ansehen aller. Testosteron ist im Spiel, wie Kleinigkeiten zeigen: Als Wagenpfeil zu Beginn der Verhandlung zu seinem Platz will, blockiert ein Verteidiger seinen Durchgang, vertieft im Schwätzchen mit Kollegen. Es wird nicht gesprochen, ohne ein Wort der Begrüßung bahnt sich Wagenpfeil dennoch seinen Weg. Ein Verteidiger ruft ihm daraufhin ein höhnisches "Guten Morgen Herr Staatsanwalt" nach.

Als der Richter wenig später den 4. März als neuen Termin für die Urteilsverkündung vorschlägt, ist der einzige Kommentar der Staatsanwaltschaft ein ironischer: "Wir werden da sein."

Die Stimmung in dem Sitzungssaal mit seinen nur schießschartenartig großen Fenstern ist gereizt. Die Angeklägten haben sich der Verschleierung von VW-Übernahmeplänen im Jahr 2008 schuldig gemacht, heißt es im Schlußplädoyer der Staatsanwaltschaft, die in dem seit Oktober laufenden Verfahren bereits mehrfach Prügel einstecken musste. Die Anklage stehe auf wackeligen Füßen, heißt es immer wieder. In manchen Argumentationen seien sogar Gegensätzlichkeiten auszumachen, höhnt die Verteidigung.

Entsprechend groß ist die Last der Staatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer, die mit den Worten begannen: "Was ist Wahrheit?"

Dass es die eine Wahrheit nicht gibt und bei diesem Prozess auch nicht ans Licht kommen wird, scheint auch der Staatsanwaltschaft klar. Zu groß sind die Erinnerungslücken befragter Banker, Manager und Juristen. Zu häufig steht Aussage gegen Aussage. Tatsächlich räumt Staatsanwalt Aniello Ambrosio ein, dass die Zeugen in dem Verfahren die Anklagepunkte nicht untermauern können. Er hält Wiedeking und Härter dennoch für schuldig und verweist dabei auf E-Mails, Präsentationen und Protokolle.

Im Kern versucht die Staatsanwaltschaft zu belegen, dass Wiedeking und Härter bereits Anfang März 2008 den Beschluss fassten, mit dem verhältnismäßig kleinen Unternehmen Porsche die Mehrheit am Giganten Volkswagen zu übernehmen. Mehrere Erklärungen, Pressemitteilungen, Dementis, die genau dies bestritten oder nur als Möglichkeit aufführten, enthielten deshalb unrichtige Angaben, argumentiert Ambrosio, der erst seit 2011 im Justizdienst ist. Weil sich viele Anleger auf die gemachten Aussagen verlassen, entstehen für sie hohe Verluste. Dass Porsche schließlich mit der Übernahme scheitert, selbst in eine finanzielle Schräglage gerät und seinerseits von VW übernommen wird, spielt keine Rolle.

Nach der Bekanntgabe der Pläne Ende Oktober 2008 schnellte der VW-Kurs von etwa 200 auf gut 1000 EUR in die Höhe. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft war dies Absicht, weil Porsche wegen der Übernahmepläne bei VW in finanziellen Schwierigkeiten war - für einen Bankenkredit wurden wegen des zuvor sinkenden VW-Kurses hohe Nachschusspflichten fällig. "Die Summe, die für Porsche auf dem Spiel stand, war gigantisch", sagte Wagenpfeil.

Durch die Mitteilung, in der wesentliche Informationen verschwiegen worden seien, habe Porsche den Volkswagen-Kurs und damit einen Dax-Wert manipuliert. Wiedeking und Härter dürften nicht ungeschoren davonkommen, warnte Wagenpfeil. "Das könnte ein Freibrief für alle Marktmanipulateure sein, die bisher nur bei Pennystocks tätig waren."

Wie das Gericht letztlich entscheiden wird, ist unklar. Richter Frank Maurer gibt bereits Anfang Dezember "unter allem Vorbehalt" zu verstehen, dass er eine Verurteilung mit Haftstrafen für eher unwahrscheinlich halte.

Das Plädoyer der Verteidigung folgt kommenden Donnerstag.

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Erstellt:
19. Februar 2016, 08:30 Uhr
Aktualisiert:
19. Februar 2016, 08:30 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. Februar 2016, 08:30 Uhr

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