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Angstgegner der Autoindustrie
Manfred Niess hat das Land Baden-Württemberg schon mehrfach wegen der schlechten Stuttgarter Luftwerte verklagt. Foto: Ferdinando Iannone
Umwelt

Angstgegner der Autoindustrie

Manfred Niess treibt den Kampf gegen Luftschadstoffe wie kein anderer in Stuttgart voran. Früher fuhr der pensionierte Lehrer selbst Diesel.

05.09.2017
  • DOMINIQUE LEIBBRAND

Stuttgart. Wenn Manfred Niess aus dem Fenster schaut, sieht er den Mercedes-Stern, der sich auf dem Dach des Hauptbahnhofs dreht. „Das erinnert mich jedes Mal daran, wer in Stuttgart wirklich herrscht“, sagt der 66-Jährige. Es ist Montagmorgen, 10 Uhr. Manfred Niess sieht noch etwas müde aus. Der Eichenboden seiner Altbau-Wohnung knarzt unter seinen blanken Füßen. Kanzlerduell geguckt? Niess winkt ab, nimmt einen Schluck Kaffee. Das hat er sich nicht angetan. Ob Merkel oder Schulz, für ihn ist das dasselbe. Dabei müsse es in einer Demokratie Alternativen geben. „Ich bin der Meinung, wir leben nicht mehr in einer Demokratie, sondern in einer Lobbykratie“, sagt er. Wirtschafts- und Automobilunternehmen hätten das Sagen. Das habe allein der Dieselgipfel im August gezeigt.

Statt sich Merkel und Schulz anzugucken, hat Manfred Niess am Sonntagabend gearbeitet. Mal wieder bis weit nach Mitternacht. Seit vier Jahren ist er im Ruhestand und kriegt doch nicht genug Bettruhe: Der pensionierte Lehrer ist das Stuttgarter Gesicht des Kampfes gegen den Feinstaub. Seit zwölf Jahren treibt Manfred Niess das Land Baden-Württemberg und die Stadt Stuttgart vor sich her. 2005 reichte er erstmals Klage ein und zwang die Behörden damit, einen Luftreinhalteplan aufzustellen. Im selben Jahr waren die EU-Grenzwerte für Feinstaub nationales Recht geworden. Niess, damals selbst noch Diesel-Fahrer, verkaufte seinen Wagen und stieg aufs Fahrrad um.

Debatte um Verbote angeheizt

Weitere Klagen folgten, jedes Mal mit dem Ziel, die Luftreinhaltepläne fortzuschreiben. Bis Niess im April 2016 gemeinsam mit einem weiteren Bürger jenen Vergleich erstritt, der der Diskussion um Fahrverbote lange vor der Diesel-Klage der Deutschen Umwelthilfe in Stuttgart den Boden bereitete. Das Land verpflichtete sich seinerzeit dazu, den Verkehr ab dem 1. Januar 2018 rund um das stark mit Schadstoffen belastete Neckartor um 20 Prozent zu reduzieren.

Nachdem mittlerweile aber klar zu sein scheint, dass es erst mal keine Fahrverbote geben wird, hat Niess' Anwalt am Montag beim Verwaltungsgericht Stuttgart eine Androhung auf Zwangsgeld in Höhe von 10 000 Euro gegen das Regierungspräsidium (RP) Stuttgart beantragt. Ein symbolischer Akt, freilich. Diese Summe tue dem RP ja nicht weh, weiß Niess. Er will trotzdem am Ball bleiben, den Finger in die Wunde legen und hofft dabei auch auf die EU, die wegen der andauernden Grenzwertüberschreitungen mit Bußgeldern in Millionenhöhe droht. Niess: „Da sprechen wir dann von 100 000 Euro pro Überschreitungstag.“

Bis zum Neckartor sind es von Manfred Niess' Wohnung etwa 100 Meter Luftlinie. Rund 100 000 Autos rauschen an der Station täglich vorbei. Wenn er dort länger stehe, werde ihm schlecht, sagt er. Es ist sein Antrieb, weiter für bessere Luft zu kämpfen. „Es kann doch nicht sein, dass die Behörden seit Jahren gegen geltende Gesetze verstoßen und dass das keine Konsequenzen hat“, echauffiert er sich.

Wie wird man überhaupt zum Umweltaktivisten? Bei Manfred Niess gab es mehrere Schlüsselerlebnisse. Da waren die dicken Staubschichten auf dem Dachboden seines Gymnasiums, das an die B 14 grenzt. Für ihn war klar, dass der Dreck von Autos stammte. Außerdem die Begegnung mit dem verstorbenen SPD-Bundestagsabgeordneten Hermann Scheer, der ihn ermunterte, gemeinsam mit Mitstreitern das Klima- und Umweltbündnis Stuttgart zu gründen, das in diesem Jahr zehnten Geburtstag feiert. Schon 2008 habe man vorgeschlagen, Busse und Taxen mit umweltfreundlichen Antrieben zu versehen. „Hätte man damals auf uns gehört, wären wir heute schon wesentlich weiter.“

Von Politik enttäuscht

Überhaupt sei in den vergangenen Jahren bei der Mobilitätswende viel zu wenig passiert. OB Fritz Kuhn hält er für nicht entschieden genug, beim ebenfalls grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann wisse er nicht, ob der nicht eigentlich schwarz sei. Der Automobilindustrie hält Niess vor, technische Trends verschlafen zu haben. Vor Jahren hätten hiesige Automanager noch über den US-Elektromobil-Hersteller Tesla gelacht. Am Samstag habe er sich im neuen Tesla-Laden im Dorotheen-Quartier umgeschaut. „Der war voll.“

Das Rebellische war Niess schon früh gegeben. Als junger Lehrer engagierte er sich in der Anti-Atom- und Friedensbewegung, nahm an den Sitzblockaden gegen den Nachrüstungsbeschluss der Regierung von Helmut Schmidt teil. Später war es dann das Bahnprojekt Stuttgart 21, das Niess auf die Barrikaden trieb. Den schwarzen Donnerstag im Schlossgarten hat er live miterlebt. „Das war ein Schock.“

Nie Parteimitglied

Obwohl er grüne Themen besetzt, war der 66-Jährige nie Mitglied einer Partei. „Ich wäre innerhalb kürzester Zeit überall rausgeflogen“, sagt er und grinst. „Weil ich meinen eigenen Kopf habe.“ Sich zu engagieren, war ihm dabei immer wichtig. „Wenn ich etwas nicht richtig finde, muss ich was unternehmen.“ Er schreibt Briefe an Autobosse, verschickt Fachliteratur an den Ministerpräsidenten oder diskutiert in Talkshows mit. Seine Unabhängigkeit sei ihm dabei wichtig. „Die anderen sind erpressbar. Ich kann sagen, was andere nur denken.“

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05.09.2017, 06:00 Uhr
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