CDU

Angela Merkel trifft die Basis: Dankbarkeit und harte Kritik

In Heidelberg erlebt die Bundeskanzlerin, wie sehr ihre Flüchtlingspolitik die Partei spaltet. Für rührende Szenen sorgt ein Kind.

30.11.2016

Von HANS GEORG FRANK

Freundlicher Empfang: Angela Merkel beim Basis-Besuch in der Heidelberger Stadthalle. Foto: dpa

Es gibt doch eine Alternative zu Angela Merkel. Frank Matteier („wie matt und Eier“) schlug sich bei einer Regionalkonferenz der CDU in Heidelberg selbst als Kanzlerkandidat vor. Er sei „der deutsche Donald Trump“, behauptete der Rentner aus Pforzheim. Als Zeichen der Entschlossenheit postierte er sich auf der Bühne vor dem Rednerpult und trank das Wasser, das für Merkel bestimmt war. Die Bundesvorsitzende (62) war am Montagabend nach Heidelberg gekommen, um die Stimmung an der Basis zu sondieren. Der Auftritt Matteiers gehörte zum eher amüsanten Teil. Ansonsten reichten die laut geäußerten Ansichten der rund 800 Gäste von harscher Kritik bis unverhohlener Verehrung.

„Das wird kein Kuschelwahlkampf,“ prophezeite Landesvorsitzender Thomas Strobl. Dass der baden-württembergische Innenminister dabei auf sein Vokabular achten müsse, empfahl Wahlhelfer Samuel Gebert aus Müllheim in Südbaden, der „einen Pool an guten Wortschöpfungen“ für die Prospekteverteiler vermisste. Strobls Parole von „Herz und Härte“ bei der Abschiebung von Flüchtlingen sei suboptimal, viel besser passe Merkels Absicht vom „Fördern und Fordern“.

Ulrich Sauer aus Karlsruhe, CDU-Gefolgsmann seit 1960, konnte wegen der „Laissez-faire-Politik“ mit den Flüchtlingen und der damit verbundenen Belastungen nicht in das Loblied auf die Bundeskanzlerin einstimmen: „Treten Sie zurück, bevor der Schaden noch größer wird.“

Für eine rührende Szene sorgte Edris Akbari, ein zehnjähriger Flüchtling aus Afghanistan, der mit seinem Vater Zakaria (42) eigens aus Illingen (Enzkreis) gekommen, weil er Merkel persönlich danken und die Hand drücken wollte: „Ich danke Ihnen, Frau Merkel“, sagte der Junge. „Ich fühle mich sehr wohl hier.“ Dass ihm die Ausweisung und damit das Ende seiner Karriere als Nachwuchskicker beim SV Illingen droht, weiß er offenbar nicht. Angela Merkel, noch sichtlich gerührt, fasste beide Begegnungen prägnant zusammen: „Wir haben die gesamte Bandbreite dessen gesehen, was in deutschen Familien derzeit über die Flüchtlingsfrage diskutiert wird.“

Die Parteichefin warb nicht für ihre eigene Qualifikation als Regierungschefin. Allenfalls ein Satz konnte als Eigenlob ihrer zwölfjährigen Amtszeit verstanden werden: „Unendlich viele Probleme kommen jeden Tag auf den Tisch, dennoch geht es uns gut – dafür sollte man ein Stück weit dankbar sein.“ Das „Grundgerüst“ der CDU stellte Merkel in den Vordergrund: „Freiheit, Solidarität, Gerechtigkeit.“ Statt „ich“ bestimmte „wir“ ihr zwölfminütiges Statement, ebenso die Antworten auf 18 Wortmeldungen in der zweistündigen Aussprache. Sie distanzierte sich vom US-Wahlkampfstil: „Wir können hart streiten, aber es muss eine Kultur der Akzeptanz geben.“

Am meisten Applaus bekam sie für ihre Feststellung: „Wer das Volk ist, das definieren nicht ein paar. Wir alle sind das Volk.“ Größter Zustimmung erfreute sich das hessische Parteimitglied Rainer Pfeifer („ich bin der kleine Mann“), der an die Vorsitzende appellierte: „Bemühen Sie sich, mehr auf die Bürger zuzugehen, dann können wir mehr tun gegen den zunehmenden Populismus.“

Auffallend viele junge Leute waren in die Stadthalle gekommen. Abgesandte aus der CDU-Zentrale in Berlin verorteten sie bei der Jungen Union, „der größten politischen Nachwuchsorganisation der freien Welt“. Irrtum! Eine 20-jährige Studentin im ersten Semester Politik, die im Land Winfried Kretschmann und damit Grüne gewählt hatte, wollte einfach nur wissen, „was die CDU jetzt aus sich macht“. Patrick Schygulla (24) ist Mitglied der grünen Hochschulgruppe. Für ihn ist Merkels Stärke, „wie sie Haltung bewahrt in der ,geflüchteten Debatte?“, sagte der angehende Physiker. Und ihre Schwäche? „Sie ist in der falschen Partei.“

„Sie war positiver als ich erwartet habe“, sagte Rainer Müller (58), Verwaltungsangestellter aus Heidelberg, in der CDU seit 40 Jahren. Zu Merkel gebe es keine Alternative: „Sie sitzt so fest auf dem Thron, dass es keiner wagt, daran zu rütteln.“

„Danke“: Der Flüchtlingsbub Edris Akbari mit Merkel. Foto: dpa

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Erstellt:
30. November 2016, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
30. November 2016, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 30. November 2016, 06:00 Uhr

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