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Der Geistliche Horst Kasner starb mit 85 Jahren

Angela Merkel trauert um ihren Vater

Bei der Vereidigung seiner Tochter als Bundeskanzlerin war er dabei, ansonsten hielt er sich aus der Öffentlichkeit zurück: Jetzt ist Horst Kasner, der Vater von Angela Merkel, im Alter 85 Jahren gestorben.

05.09.2011
  • PETER GÄRTNER

Templin In ein paar Tagen hätte eigentlich sein neuer Volkshochschulkurs in Templin beginnen sollen: "Geschichte begreifen" lautet das Thema, als Kursleiter ist Horst Kasner angegeben. Nun ist der evangelische Theologe und Vater der Bundeskanzlerin Angela Merkel im Alter von 85 Jahren überraschend gestorben. Kasner lebte mit seiner Frau Herlind am Rand der brandenburgischen Kleinstadt Templin.

In Berlin geboren, studierte er nach den Schrecken der NS-Zeit und des Krieges in Heidelberg und Hamburg Theologie. In der Hansestadt heiratete er die Lehrerin Herlind Jentzsch, dort wurde auch 1954 die erste Tochter Angela geboren. Kurz darauf, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, zog die Familie in die DDR.

Damals kehrten Jahr für Jahr Hunderttausende dem SED-Staat den Rücken. Doch Kasner, der eine Pfarrstelle in einem märkischen Dorf bei Perleberg antrat, wollte dahin gehen, wo er wirklich gebraucht wurde. 1957 wechselte der Pfarrer ins uckermärkische Templin und baute dort im Waldhof eine kirchliche Weiterbildungsstätte auf.

Kasner gehörte dem Weißenseer Arbeitskreis an, einer kleinen, aber exponierten Gruppe von Theologen, die als SED-nah galten. Als langjähriger Leiter des Pastoralkollegs kam ihm eine Schlüsselstellung innerhalb der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburgs zu: denn alle Vikare mussten zur Ausbildung nach Templin.

Zwar wurde er der "rote Kasner" genannt, doch im Gegensatz zu seinen wichtigsten Mitstreitern - Wolfgang Schnur (später Vorsitzender der Partei Demokratischer Aufbruch, der auch Angela Merkel angehörte) und Clemens de Maizière (Vater des späteren DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maizière) wurde der Theologe nicht als IM der Stasi geführt.

Bei den Gesprächen in Sachen SED-Kirchenpolitik war in der Regel Klaus Gysi, der damalige Staatssekretär für Kirchenfragen und Vater des Linken-Politikers Gregor Gysi, sein Verhandlungspartner. Trotz seiner Staatsnähe blieb Kasner selbst für Oppositionelle in der DDR vertrauenswürdig. Er öffnete das Kolleg für westliche Referenten und Literatur.

Nach der friedlichen Revolution - als seine älteste Tochter von der Physik in die Politik zur CDU wechselte, seine jüngste Tochter und der Sohn mit den Grünen sympathisierten und seine Frau in die SPD eintrat - engagierte sich der als dominant geltende Familienvater für durch den gesellschaftlichen Umbruch aus der Bahn geworfene Jugendliche, um deren Abgleiten in den sich im Osten ausbreitenden Rechtsextremismus zu verhindern. Er war Mitbegründer eines Jugendhauses, viele Jahre Fördervereinschef einer Jugendbegegnungsstätte und organisierte das erste Graffiti-Projekt in Templin.

Nach Ansicht des Angela-Merkel-Biographen Gerd Langguth hat die väterliche Autorität die älteste Tochter "entscheidend geprägt". Über ihn verfügte die spätere Politikerin über beste Beziehungen zu den führenden Kirchenmännern der DDR.

Neben seiner ehrenamtlichen Arbeit für Jugendliche lag ihm die ehemalige Gutskirche von Alt Placht besonders am Herzen. Das "Kirchlein im Grünen" verfiel zu DDR-Zeiten beinahe zur Ruine; heute strahlt das kleine Gotteshaus wieder frisch restauriert dank des Fördervereins, dem Kasner vorstand.

In den letzten Jahren erinnerte er manche wegen seiner schlohweißen Haare an Richard von Weizsäcker. Es ist nicht bekannt, was er über die Politik der Kanzlerin und CDU-Chefin dachte. Der Wiedervereinigung stand Kasner jedenfalls sehr skeptisch gegenüber.

Seit dem politischen Aufstieg Angela Merkels kommt den Eltern kein Wort mehr über ihre älteste Tochter über die Lippen. Kürzlich bekannte Herlind Kasner (83), dass sie sich häufig über Zeitschriften-Artikel ärgere: "Die kennen meine Tochter doch gar nicht".

Merkel sagte wegen des Todes ihres Vaters alle Termine ab. Sie hätte am Samstag zum Abschluss des Wahlkampfs in Mecklenburg-Vorpommern auf einer CDU-Veranstaltung in Waren an der Müritz sprechen sollen.

Angela Merkel trauert um ihren Vater
Merkels Vater, der Pfarrer Horst Kasner, ist tot.

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05.09.2011, 12:00 Uhr
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