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Prozess in Freiburg wegen getöteter Studentin

Angeklagter sagt aus: jeden Tag „besoffen oder bekifft“

Hussein K. soll die Freiburger Studentin Maria L. vergewaltigt und getötet haben. Zum Prozessauftakt sagt er überraschend aus. Bei heiklen Punkten muss die Öffentlichkeit jedoch draußen bleiben.

06.09.2017
  • PETRA WALHEIM

Freiburg. Der junge Mann, der gestern Morgen streng bewacht im Landgericht Freiburg den Saal betritt, wirkt jugendlich, fast noch ein wenig kindlich. Er verbirgt sein Gesicht nicht, wie es oft bei Angeklagten zu sehen ist. Er setzt sich still neben seinen Verteidiger an den Tisch, hält den Kopf gesenkt, der Blick geht zum Boden. Unzählige Kameras sind auf ihn gerichtet. Die schwarzen Haare, die er zur Tatzeit noch lang und blondiert getragen hatte, sind abgeschnitten. Eines dieser langen, blondierten Haare, das am Tatort gefunden wurde, hatte die Polizei auf die Spur des afghanischen Flüchtlings gebracht.

Das Interesse von Medien und Zuschauern an diesem ersten Verhandlungstag ist riesig. Schon mehr als eine Stunde vor Prozessbeginn ist die Schlange vor dem Landgericht zig Meter lang. Mehr als 100 Menschen wollen Hussein K. sehen, der im Verdacht steht, in der Nacht zum 16. Oktober 2016 die 19-jährige Medizinstudentin Maria L. auf einem Radweg entlang der Dreisam abgepasst, vom Fahrrad gerissen, gewürgt und vergewaltigt zu haben. Danach soll er sie in der Dreisam abgelegt haben. Weil sie bewusstlos war, ist sie ertrunken.

In seiner Anklageschrift beschreibt Oberstaatsanwalt Eckart Berger, dass Maria L. auf dem Heimweg von einer Party war. Hussein K. soll den Lenker des Fahrrads gepackt und sie vom Rad gezogen haben. Die Studentin soll so überrascht gewesen sein, dass sie sich nicht wehren konnte. Hussein K. soll ihr sofort den Mund zugehalten und sie gewürgt haben. Er soll ihr die Kleidung ausgezogen, sie mehrfach in den Hals und in die Brust gebissen haben. Er soll sie weiter gewürgt und dann vergewaltigt haben.

Neun Monate lang, seit seiner Verhaftung im Dezember 2016, hat Hussein K. geschwiegen. Gestern Morgen ließ er über seinen Verteidiger Sebastian Glathe überraschend verkünden, dass er bereit sei, auszusagen. Das Gericht entschied, dass diese Angaben teilweise unter Ausschluss der Öffentlichkeit gemacht werden – zum Beispiel, wenn es um Hussein Ks. Sexualbiographie, um seine Intimsphäre, um seine Ausreise und um seinen Aufenthalt in einer Koranschule geht. Andeutungen des Anwalts lassen vermuten, dass es dort Missbrauch gegeben haben soll. Auch zu den Plädoyers soll die Öffentlichkeit ausgeschlossen werden.

Für Verwirrung sorgten gestern die Altersangaben, die Hussein K. mit Hilfe seines Dolmetschers machte. Als Geburtsdatum gab er den 12. November 1376 an – nach afghanischem Kalender entspricht 2017 dem Jahr 1396. Demnach würde Hussein K. in diesem Jahr 20 Jahre alt. Darauf beharrte er auch während seiner Ausführungen. Doch die widersprachen sich immer wieder, schwankten zwischen 20 und 21 Jahren. Gutachten kamen zu dem Ergebnis, dass er mindestens 22 Jahre alt ist. Das Alter des Angeklagten kann eine entscheidende Rolle für das Strafmaß spielen.

Hussein K. gab gestern an, in einem Dorf in Afghanistan geboren worden zu sein. Er habe einen älteren und einen jüngeren Bruder sowie eine jüngere Schwester. Sein Vater sei 2010 „als Märtyrer im Krieg gegen die Taliban gestorben“. 12, 13 oder auch 14 Jahre lang habe er dort gelebt, dann sei er zu seinem älteren Bruder in den Iran gezogen, habe dort „schwarz“ in einer Metallgießerei gearbeitet. Mit Hilfe von Schleppern sei er in die Türkei und nach Griechenland geflohen. „Das Leben in Griechenland war die Hölle“, sagte er. Er habe kein Geld gehabt, keine Arbeit, nichts zu essen. Er landete im Gefängnis – die Gründe werden nichtöffentlich behandelt. Nach seiner Entlassung floh er über Serbien und Österreich nach Köln.

„Ich wollte doch gar nicht in Deutschland bleiben. Mein Ziel war Schweden“, sagte er. Doch ein Freund aus Freiburg habe ihn „gezwungen“ nach Freiburg zu fahren. Dort habe er in verschiedenen Camps gelebt, bis er in Freiburg von einer Pflegefamilie aufgenommen wurde. Tagsüber habe er die Schule besucht, danach bis in den späten Abend Alkohol getrunken und Haschisch geraucht. Gekifft habe er auch schon vor der Schule. Auf die Frage des Gerichts, wie es um seine Deutschkenntnisse stehe, antwortet er: „Ich war entweder besoffen oder bekifft. Da hatte ich kein Interesse an Deutsch.“ Die Sprache habe er im Gefängnis gelernt.

Zum Mord an Maria L., der ihm vorgeworfen wird, sagt Hussein K. nichts. Zumindest vorerst.

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06.09.2017, 06:00 Uhr
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