Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Prozess um getötete Studentin

Angeklagter: „Ich bete täglich für sie“

Der Angeklagte Hussein K. gibt im Mordprozess in Freiburg zu, die 19-jährige Studentin Maria L. gewürgt, vergewaltigt und getötet zu haben. Die Familie bittet er um Verzeihung.

12.09.2017
  • PETRA WALHEIM

Freiburg. Er habe den ganzen Abend und die halbe Nacht viel Alkohol getrunken und einen Joint nach dem anderen geraucht. Ziellos, „sehr besoffen und sehr bekifft“, sei er durch die Stadt geirrt, auf der Suche nach Alkohol und nach Zuspruch von einer Frau. Als er schon auf dem Weg nach Hause gewesen sei, sei ihm eine Person auf dem Rad begegnet, von der er erst nicht gewusst habe, ob es ein Mann oder eine Frau sei. Auch das Schreckliche, was er danach der Radfahrerin antat, schilderte gestern der Angeklagte Hussein K. am zweiten Verhandlungstag vor dem Landgericht Freiburg. Zuvor hatte er aber von seinem Dolmetscher eine von ihm formulierte Erklärung verlesen lassen, in der er die Familie der 19-jährigen Studentin Maria L. um Verzeihung bat und ihr anbot, sich umzubringen, wenn sie das glücklich machen würde.

Mit Spannung war gestern erwartet worden, ob Hussein K. zum Tatgeschehen in der Nacht zum 16. Oktober 2016 aussagen würde. Deshalb war auch an diesem zweiten Verhandlungstag das Medien- und Zuhörer-Interesse groß. Doch bevor Hussein K. sich zum Mord an Maria L. äußerte, bat er deren Familie um Entschuldigung. „Über das, was ich getan habe, bin ich aus tiefstem Herzen traurig“, sagte er. Wenn er Maria L. wieder „auferstehen“ lassen könnte, würde er es tun. Aber er habe nicht die Macht dazu. „Ich bete täglich für sie. Das ist das Einzige, was ich tun kann.“ Er leide Qualen, träume jede Nacht von dem „Vorfall“. Er lebe in der Hölle. „Ich bitte aus tiefsten Herzen um Entschuldigung.“

Diese Erklärung hatte er mit den Worten eingeleitet: „Ich heiße Hussein K. Ich bin 19 Jahre alt. Ich bin Afghane.“ So hatte er sich auch schon am ersten Verhandlungstag vorgestellt. Sein Verteidiger Sebastian Glathe betonte, Hussein K. habe die Erklärung selbst und aus eigenem Wunsch heraus formuliert. So wie auch die Entscheidung, auszusagen, von ihm getroffen worden sei.

Nach der Erklärung wollte der wegen Mordes und schwerer Vergewaltigung Angeklagte zunächst aus eigenem Antrieb nichts mehr sagen. Erst die Fragen der Vorsitzenden Richterin Kathrin Schenk konnten Hussein K. dazu bewegen zu schildern, was an diesem 15. und 16. Oktober 2016 geschehen ist. Der 15. war ein Samstag, er hatte keine Schule. Ein Freund habe vorgeschlagen, sich abends zum Trinken zu treffen. Obwohl das Muslimen im Oktober 2016 aus religiösen Gründen untersagt war. Er, Hussein, habe keinen Alkohol trinken wollen. „Aber dann war es, als wäre ein Dämon in mich eingedrungen.“ Also hätten sie zwei Flaschen Wodka und zwei Gramm Haschisch gekauft und sich mit Trinken und Kiffen in verschiedenen Parks in Freiburg die Zeit vertrieben.

Später seien sie in die Innenstadt und dort in eine Bar gegangen. „Ich war schon sehr besoffen und sehr high“, sagte Hussein. Sein Freund habe sich nach Hause verabschiedet, er selbst sei aufgefordert worden, die Bar zu verlassen. Auf der Suche nach mehr Alkohol sei er vor einer Disko am Bahnhof gelandet und habe sich mit dem Türsteher gestritten.

Endlich habe er sich entschieden, nach Hause zu gehen und auf die Straßenbahn gewartet. Mit ihr sei er bis zur Endhaltestelle im Freiburger Osten gefahren. Von dort aus habe er sich zu Fuß auf den Weg zu seiner Wohnung bei einer Pflegefamilie gemacht. Unterwegs habe er an einer Tankstelle ein Fahrrad mitgehen lassen und versucht zu fahren. Weil er aber so betrunken und bekifft war, sei er gestürzt. Deshalb habe er das Fahrrad geschoben. „Mir ging es sehr schlecht, ich wollte mich übergeben.“ Als er auf dem asphaltierten Weg stand, habe sich ein Radfahrer genähert. Er wusste nach seiner Aussage nicht, ob es ein Mann oder eine Frau ist. „Die Person“ habe schnell an ihm vorbeiradeln wollen, da habe er dem Rad einen Fußtritt verpasst.

„Die Person“ sei gestürzt, erst da habe er gesehen, dass es „ein Mädchen“ ist. Es habe geschrieen. Deshalb habe er ihr den Mund zugehalten und sie mit der anderen Hand am Hals gepackt. „Sie konnte mit der Hand vor dem Mund nicht schreien, aber sie hat sich sehr bewegt.“ Als er die Hand von ihrem Mund genommen habe, habe sie wieder angefangen zu schreien. Aus Angst, es könne jemand hören, habe er ihr seinen Schal um den Hals gewickelt und zugezogen bis sie sich nicht mehr bewegte. „Ich habe gedacht, dass sie gestorben ist.“

Als er sah, dass sie hübsch ist, wollte er Sex mit ihr haben. Deshalb habe er sie ausgezogen, so erzählte Hussein weiter. Er vergewaltigte sie. Danach bemerkte er, dass sein Blut an ihrem Körper war. Er hatte sich an einem Dornengebüsch die Haut aufgerissen. Um das Blut abzuwaschen, habe er sie in die Dreisam gezogen. Dort ist Maria L. ertrunken.

Seine Schilderungen waren von erheblichen Erinnerungslücken und vielen „Vielleichts“ durchsetzt. So gab er an, nicht zu wissen, dass er in der Bar und in der Straßenbahn mehrere Frauen angemacht hatte. Die hatten das als Zeugen ausgesagt.

Der Leiter der Ermittlungen berichtete gestern zudem, Hussein K. habe versucht, sich in einer Schwulenbar zu prostituieren. Außerdem bestehe der Verdacht, dass er als 14-Jähriger in Afghanistan eine Zwölfjährige vergewaltigt habe. Das habe er in der Untersuchungshaft einem Mithäftling erzählt. Die Tat sei rechtlich nicht geahndet worden.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

12.09.2017, 06:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular