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"Wir warenVisionäre,keine Spieler"

Angeklagter Ex-Porsche-Chef Wiedeking verteidigt sich - und zieht über Ferdinand Piëch her

Er war die Lichtgestalt unter den deutschen Managern, der aus dem Sanierungsfall Porsche den profitabelsten Autobauer der Welt machte. Jetzt steht er vor Gericht - und greift an, statt einzustecken.

23.10.2015
  • THOMAS VEITINGER

Wendelin Wiedekings Stimme ist nichts anzumerken. Kernig-laut begrüßt er seine Anwälte mit "Morgen" und "Na, wie geht's?". Die Haare etwas kürzer und spärlicher, die Finger verschränkt, vermeidet der ehemalige Porsche-Chef aber den Blick zu den Besuchern im Sitzungssaal des Stuttgarter Landgerichts. Sein Handy schaltet er aus, lange bevor es der Vorsitzende Richter von allen Anwesenden verlangt. Kein Lächeln huscht über sein Gesicht. Alles wirkt angestrengt.

Es geht um viel. Nach Verlesung der Anklage folgt seine fast eineinhalbstündige Einlassung. Auf die kommt es an. Danach will er nichts mehr sagen. Weil im Gerichtssaal Anwälte von Hedgefonds sitzen könnten, die jedes Wort mitschreiben und womöglich neue Prozesse anstrengen, sagt er. Börsen-Manipulation wird ihm zur Last gelegt, was mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden kann. Davon ist laut Prozessbeobachtern nicht auszugehen. Aber Wiedeking geht es um mehr: Er will gewinnen. Nichts soll zurückbleiben. Er will sauber herauskommen. Deshalb greift er an.

Die zwei Staatsanwälte, die der Phalanx von zwölf Rechtsanwälten Wiedekings, des mitangeklagten Ex-Finanzchefs Holger Härter und Porsches gegenüberstehen, bekommen es ab. Dass Hedgefonds, die die Wirtschafts- und Finanzkrise mit verursacht haben, zu Opfern stilisiert werden, kann Wiedeking nicht nachvollziehen. Der Vorwurf, er habe den Kurs der VW-Aktie mit einer Pressemitteilung beeinflussen wollen, sei ein "verzweifelter Versuch, einen strafrechtlichen Tatbestand" zu finden. Von "widersinniger Erklärung" ist die Rede, "intellektueller Zumutung" und von dem Bestreben, ihn "irgendetwas Strafbares anzudichten".

Punkt für Punkt ackert sich der 63-Jährige durch die Anklage. Immer wieder sagt er "Ich wiederhole. . ." und führt Wichtiges nochmals aus. Im Mittelpunkt steht die Frage: Haben er und Härter schon früh den Plan gefasst, Volkswagen zu übernehmen? Haben sie das heimlich vorangetrieben und dabei die Märkte manipuliert? Pressemitteilungen, getroffene Aussagen und offizielle Verlautbarungen ließen diesen Schluss zu, argumentiert die Staatsanwaltschaft. So sei der Kurs der VW-Aktie auf 1005 Euro in die Höhe geschnellt, nachdem Porsche verlauten ließ, beinahe alle frei verfügbaren Aktien - oder zumindest Optionen darauf - zu besitzen. VW schluckte schließlich Porsche, Wiedeking und Härter mussten gehen.

Alles falsch, halten die ehemaligen Porsche-Vorstände dagegen. Jede Aufstockung der Anteile an VW hätte eine "eigene inhaltliche Sinnhaftigkeit", sagt Härter. Mit Volkswagen zusammenzuarbeiten, sei geradezu überlebensnotwendig gewesen, argumentierte Wiedeking. Porsche als Nischenanbieter habe den Hybridantrieb und die harten CO2-Ziele nicht alleine meistern können. Eine gemeinsame Plattform zum Bau von Autos musste mit den Wolfsburgern gefunden werden. Doch das Land Niedersachsen mit 20 Prozent Anteilen an VW habe die enge Zusammenarbeit "torpediert". Volkswagen-Manager seien unzureichend, zu langsam und organisatorisch unzulänglich gewesen und hätten zusammen mit Audi "völlig unzureichend kooperiert". Deshalb habe Porsche zunächst 25 Prozent, dann 30, dann 50 und schließlich noch mehr VW-Anteile übernommen. Kein "Geheimplan" liege dem zugrunde, alles sei rechtlich einwandfrei abgelaufen und die Sorgfaltspflichten beachtet worden. Wiedeking: "Ich habe mir nichts vorzuwerfen."

Ein weiterer Grund, warum die Vorwürfe haltlos seien, sei in der Person Ferdinand Piëchs begründet. In der Logik habe er mit ihm gemeinsame Sache machen müssen, obwohl er ihn als "nicht als verlässlich" und "intransparent" einschätze. Das Verhältnis wäre im Laufe der Jahre immer schlechter geworden. In Interviews habe Piëch angekündigt, das Ende Wiedekings sei bald gekommen, er lasse sich nicht sein Lebenswerk von einem "angestellten Manager" ruinieren. Das sei schon bemerkenswert, wenn man bedenke, dass in seiner Amtszeit aus den Familien Porsche und Piëch Milliardäre wurden, unkte Wiedeking. Zwischen dem damaligen VW-Aufsichtsratschef und dem Rest der Familie Piëch/Porsche habe es tiefe Gräben gegeben. "Dass mir die Nähe zu Piëch vorgeworfen wird, schmerzt mich richtig." Im Jahr 2007 musste ein Vorstandssitzung abgebrochen werden, weil das Treffen zu eskalieren drohte. Härter berichtet von "quälenden Vorstandsitzungen" und einem Zerwürfnis mit den Familien, die sich gegenseitig misstrauten. Piëch habe in einem Interview gesagt, Porsche dürfe VW ruhig beherrschen - um dies wenig später zu konterkarieren. "Piëch war dafür bekannt, über Medien sein Misstrauen gegenüber Managern zu erklären", wetterte Wiedeking.

Die Unterstellung, es wurde bereits 2005 die Absicht gefasst, "aufs Ganze zu gehen" stehe im Widerspruch zu allem, was damals gedacht und diskutiert worden sei. Eine 2008 auf einer Aufsichtsratsitzung vorgestellte entsprechende Möglichkeit sei eine "Vision" gewesen oder eher eine "Information". Einen Beschluss habe es dazu nicht gegeben. Wiedeking: "Wir waren Visionäre, aber keine Spieler." Mitzuteilen, dass Porsche theoretisch die Möglichkeit habe, VW zu beherrschen, sei ein Signal an Aktienhändler gewesen, mehr nicht.

Ob dies das Gericht glaubt, dürfte den Ausgang des Prozesses bestimmen.

Angeklagter Ex-Porsche-Chef Wiedeking verteidigt sich - und zieht über Ferdinand Piëch her
Umringt von Anwälten - der ehemalige Porsche-Chef Wendelin Wiedeking im Landgericht Stuttgart Foto: dpa

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23.10.2015, 12:00 Uhr
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