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In Stein gemeißelte Geschichte

Andreas Haas und Daniel Froböse führten durchs Rathaus

Es ist ihre spannendste und bedeutendste Tübinger Baustelle: Die Sanierung des 500 Jahre alten Rathauses fordert Andreas Haas und Daniel Froböse heraus. Mit ihrer Begeisterung für die jetzt sichtbare alte Handwerkskunst, die Geschichte des Gebäudes und die große Aufgabe der komplexen Sanierung steckten die beiden städtischen Architekten die Teilnehmer der Baustellenführung an.

17.08.2013

Von SABINE LOHR

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Baustelle Tübinger Rathaus: Hier der ehemalige Hofgerichtssaal.

Baustelle Tübinger Rathaus: Im Gewölbekeller.

Baustelle Tübinger Rathaus: Die ehemalige Einfahrt ins Gebäudeinnere.

Baustelle Tübinger Rathaus: Der Eichenständer im Eingangsbereich aus der Entstehungszeit des Rathauses ist jetzt vollständig freigelegt. Oben ist eine aufwändige Blattung sichtbar. Der moderne Stahlträger rechts hat zu Rissen im Fundament geführt.

Baustelle Tübinger Rathaus: Projektleiter Daniel Froboese (links) und Hochbauamtsleiter Andreas Haas erläutern fühere Umbauten anhand einer historischen Photographie.

Baustelle Tübinger Rathaus: Sensoren messen Veränderungen an der Fassade während der Bauzeit.

Baustelle Tübinger Rathaus: Blick in das ehemalige Magazin des Stadtarchivs unter dem Dach.

Baustelle Tübinger Rathaus: Die Decke vor dem Sitzungssaal.

Baustelle Tübinger Rathaus: Zimmerflucht im 1. Obergeschioss.

Baustelle Tübinger Rathaus: Erker im 1. Obergeschoss zur Haaggasse.

Baustelle Tübinger Rathaus: Im Gewölbekeller.

Stahlträger raus: Bei der Sanierung des Tübinger Rathauses werden einige Fehler früherer Umbauten wieder korrigiert.

Bei der Sommerreihe "Wochengast unterwegs" besuchten 23 Tagblatt-Leser die Baustelle der Tübinger Rathaussanierung.

Hochbauamtsleiter Andreas Haas und Projektleiter Daniel Froboese führten die Tagblatt-Leser durch die Baustelle.

Hochbauamtsleiter Andreas Haas und Projektleiter Daniel Froboese

Dem letzten verbliebenen Eichen-Pfosten aus der Bauzeit des Tübinger Rathauses wurde in den 1960er Jahren überflüssigerweise ein Stahlträger zur Seite gestellt.

Um das Rathaus wieder auf den Original-Eichenpfosten aus dem Mittelalter zu stellen, muss eine Hilfskonstruktion aus vier Baumstämmen wochenlang das Gebäude tragen.

Die grauen Stahlträger gehören zur Hilfskonstruktion, die nötig ist, um die orange-farbenen Stahlträger, die in den 1960er Jahren eingesetzt wurden, wieder auszubauen.

Alte Balken wurden bei der Sanierung in den Sechziger Jahren mit Staf´hlträgern verstärkt.

Hochbauamtsleiter Andreas Haas zeigt, wie das Tübinger Rathaus in den 1960er Jahren ausgesehen hat.

An einem mittelalterlichen Eichenbalken hat sich der Zimmermann verewigt.

Im Keller des Tübinger Rathauses wird an der neuen Heizungsanlage gearbeitet.

Vorsicht mit dem Kopf!

Im ganzen Rathaus stehen Stützen, ...

... die verhindern sollen, dass bei den Sanierungsarbeiten der Stuck von der Decke fällt.

Der große Sitzungssaal soll nach der Sanierung auch eine neue Sitzordnung erhalten, die besser mit den vielen Pfosten klarkommt.

Ordentlich geht es zu bei der Tübinger Rathaussanierung.

Tagblatt-Leser haben Spuren auf der Baustelle hinterlassen.

Im Hofgerichtsaal biegt sich die heute Decke durch. Damit die nachträglich zur Sicherung eingesetzte Stahlstütze wieder ausgebaut werden kann, soll die alte Balkenkonstruktion von oben im Dachgeschoss gestürtzt werden.

Graf Eberhard ließ vor 500 Jahren das Rathaus aufstocken, um dort droben eine Stube fürs Hofgericht einzurichten - mit einer damals völlig neuartigen Deckenbalkenkonstruktion.

An vielen Stellen kommt altes Interessantes hinter jungem Gips zum Vorschein.

Während der Sanierung werden die Bewegungen des ganzen Rathauses genau registriert, um Schäden zu vermeiden wurde die Fassade bereits vor den Bauarbeiten mit Injektionen stabilisiert.

Abgehängte Decken werden weitgehend wieder entfernt, um die natürliche Atmosphäre der Räume wieder herzustellen.

Abgehängte Decken werden weitgehend wieder entfernt, um die natürliche Atmosphäre der Räume wieder herzustellen.

Alte Dämmmatten kommen zum Vorschein.

Die alten Eichenbalken halten ganz schön was aus.

Im Dachgeschoss war bisher viel Archivmaterial untergebracht - viel zu schwer für die alte Konstruktion. Deshalb sollen die Dachgeschosse des Rathauses nach der Sanierung ganz ungenutzt bleiben.

So leer soll es im Dachgeschoss des Rathauses auch nach der Sanierung bleiben.

Im Dachgeschoss.

Einige Dachziegel liegen noch für eventuelle Reparaturen bereit.

Weiter hoch darf keiner.

Wer hat diesen Schlüssel beim Auszug vergessen?

Tübingen macht blau.

Nichts zu holen.

Das bisherige Stadtarchiv wurde offensichtlich vor der Sanierung nicht zu hundert Prozent geräumt.

Blick durchs Fenster Richtung Stiftskirche.

Ausblick auf die Tübinger Dachlandschaft.

An den Balken genagelt.

Durchbruch.

Interessante Blicke durch eine Fensterbau-Sünde in der Nordfassade.

Ein Versuch, die unschöne Fensterfront an der Nordfassade umzugestalten.

Hagelschaden.

Hagelschaden

Ein eigenes Treppenhaus hatte das historische Rathaus nie - dieses liegt im Anbau.

Grenzlinie zwischen dem mittelalterlichen Gebäude und dem erst etwa 100 Jahre alten Anbau.

Der letzte erhaltene Eichen-Pfosten aus dem 15. Jahrhundert ist noch immer stark genug, um das ganze Tübinger Rathaus zu tragen.

Zusammenhalten.

Tübingen. Die stilisierte Brezel, die jemand vor vermutlich 500 Jahren in einen Dachbalken im Erdgeschoss geritzt hatte, war ein begehrtes Fotomotiv bei der Führung durch die Rathausbaustelle am Donnerstag. „Da war mal der Bäcker“, klärte Andreas Haas die Gäste auf. Der mittelalterliche Brezelmacher hatte seinen Stand mit Brotlaiben und Gebäck mitten in der Eingangshalle des Rathauses. Links neben ihm war die „Metzig“, rechts das Salzlager. Und dahinter: Nichts. Eine Gasse, eine Holztreppe in die oberen Etagen.

Inzwischen ist zu erahnen, wie das Erdgeschoss damals aussah. Alle Zwischenwände sind herausgebrochen worden, auch die Betonwand hinter den Arkaden ist weg. „Nicht mal wir, die wir dort dauernd waren, erinnern uns noch, wie es vorher war“, behauptete Haas. Der Leiter des städtischen Fachbereichs Hochbau erinnerte sich dann aber doch ganz gut: „Da war der dunkle Gang, der irgendwie ins Nichts führte, da waren Technikräume, die Decke hing tiefer, hier war ein kleines Zimmer mit Guckloch.“

Der Hofgerichtssaal wird später für Sitzungen und Veranstaltungen genutzt. Vor der Sanierung waren hier Büros untergebracht – getrennt durch Zwischenwände, deren Spuren auf dem Boden noch sichtbar sind. Andreas Haas (im lila T-Shirt) erklärte die handwerklichen Besonderheiten: Die Decke besteht aus gekreuzten Balken, das Holz wurde aus Herzog Eberhards Schwarzwaldanteilen mit Flößen hergebracht. Bilder: Sommer

Wo einst das Salz lagerte, stützen zur Zeit einfache Baumstämme und Stahlträger das Rathaus. Und eine uralte, mächtige Eichenstütze. Es ist die einzige, die vom Originalbau übrig geblieben ist. Sie muss, zeitweise wenigstens, entfernt werden. Denn bei der Sanierung vor 50 Jahren traute man dem alten Holz nicht mehr und stellte der Stütze einen Stahlträger zur Seite. Der aber drückte an der falschen Stelle aufs Fundament, so dass die Steinbrocken unter dem Träger Risse bekommen haben. Sie müssen erneuert werden. Das geht aber nur, wenn der Balken, der darauf ruht, weg ist. Ein Riesenaufwand, wie Haas sagte: Allein die Reparatur dieses Fehlers kostet 150 000 Euro.

Dennoch haben Haas und sein Mitarbeiter Daniel Froböse Verständnis für die gute Absicht der Sanierer in den 60er-Jahren. „Man konnte vor 50 Jahren die Tragkraft alter Holzstützen noch nicht berechnen. Heute kann man das“, sagte Haas. Heute kann man auch 500 Jahre alte Dachbalken, die vom Schwamm befallen oder von Würmern angefressen wurden, wieder so richten, dass sie ihre alte Tragkraft zurück bekommen. Auch das ist nötig, wie beim Blick ins Deckengebälk sofort sichtbar wird.

Der Eichenständer im Erdgeschoss aus der Entstehungszeit des Rathauses ist jetzt vollständig freigelegt. Oben ist eine aufwändige Verblattung sichtbar. Der vor 50 Jahren eingebrachte Stahlträger rechts hat zu Rissen im Fundament geführt.

Fast schwärmerisch führte Haas den Teilnehmern die Zukunft vor Augen: Die Eingangshalle bleibt so groß wie sie jetzt ist, keine Zwischenwände stören mehr die Weite. Hinter die Arkaden, die der Optik wegen breitere Verschalungen bekommen, wird eine Glaswand eingezogen, dahinter sind das Bürgerbüro und der Bürger- und Verkehrsverein. „Das Rathaus öffnet sich wieder nach außen, man sieht, dass man rein kann.“

Das wird später auch von der Haaggasse aus möglich sein: Die Tür, die es dort gibt, wird vergrößert, der ganze Eingang verschönert. „Man kann direkt von hier in den Sitzungssaal.“

Für den interessierte sich einer der Teilnehmer besonders: Klaus Schiffler. Er war von 2004 an eine Wahlperiode lang Stadtrat der FL und wollte bei der Besichtigung mal einen Blick in den Sitzungssaal werfen. „Ungefähr da bin ich gesessen“, zeigte er auf einen der Balken im Boden. Allerdings nur von außen: Zwischen den Balken ist nichts als Luft, tief darunter der Erdgeschossboden.

Daniel Froböse (links) und Andreas Haas zeigten, wie das Rathaus vor der Sanierung in den 60er-Jahren aussah: Die Arkaden waren wesentlich breiter als die heutigen Betonstützpfeiler. Breit sollen sie auch jetzt wieder werden.

Je höher es ging, desto mehr stieg auch die Begeisterung der Gäste. Im Hofgerichtssaal erzählte Daniel Froböse von Herzog Eberhard. „Vermutlich war es eine seiner ersten Amtshandlungen als Herzog, dass er diesen Saal bauen ließ.“ Das Hausdach wurde zu diesem Zweck damals kurzerhand abgebaut, ein Stockwerk eingebaut und dann das Dach wieder draufgesetzt.

Mit dem hellen Saal haben sich die Handwerker damals besondere Mühe gemacht. Da ist etwa die Decke mit den gekreuzten Balken. „Das war eine Pionierarbeit damals, das gibt es sonst vielleicht noch zwei- oder dreimal im süddeutschen Raum“, sagte Haas. Leider aber habe die Sache nicht funktioniert: Im Laufe der Jahrhunderte hat sich die Decke dann doch gebogen. Eine Stahlsäule stützt sie. Und stört, weil sie mitten im Raum steht und nicht dazu passt. Sie kommt weg. Damit die Decke nicht einbricht., wird sie von oben abgehängt. Im Dach wird dazu eine Holzkonstruktion aufgebaut, die das Gewicht trägt.

Solche Lösungen zu finden, sind für Haas und Froböse eine Herausforderung, die den beiden enormen Spaß macht. Und die sie sehr zu schätzen wissen. „So eine Sanierung darf man vielleicht einmal im Leben machen“, sagte Froböse. Schließlich sei das Rathaus „ein in Stein gemeißeltes Geschichtsbuch“. Und Haas ergänzte: „Es war eins der wichtigen Rathäuser in Württemberg.“ Beide sind sich einig, dass es eine Ehre sei, es sanieren zu dürfen.

Info: Am Tag des Offenen Denkmals, Sonntag, 8. September, bietet die Stadtverwaltung drei weitere Führungen durch die Rathausbaustelle an.

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Erstellt:
17. August 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
17. August 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. August 2013, 12:00 Uhr

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