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Normannia-Mitglied Wakai

„Andere lösen ihre Streitigkeiten mit Bier, wir nicht“

Sie wohnen in den schönsten Häusern Tübingens, laufen mit Mützen und Bändern durch die Straßen und trinken beim Bürgerschoppen vormittags Bier – manche Verbindungsstudenten zumindest. FLUGPLATZ wollte wissen, was hinter der Fassade ihrer Häuser wirklich abgeht. Doch das war gar nicht so einfach, viele Verbindungen wollten nicht mit der Zeitung reden. Im Gespräch mit Paul Masanobu Wakai von der Normannia wurde schnell klar, dass es auch unter den Verbindungen große Unterschiede gibt – und nicht immer Einigkeit.

27.07.2010

Von Beat Seemann (18), Rike Braitmayer (20)

Paul Masanobu Wakai ist für die Studenten der Normannia mittlerweile der „Alte Wakai“: In den 90er-Jahren war der gebürtige Japaner nach Tübingen gekommen, um Fächer wie Philosophie und Klassische Philologie zu studieren. Schon während er auf dem Normannenhaus für ein Semester probewohnte, trat er der Verbindung bei. Obwohl er die bei der Normannia oft formulierte Devise vom Einklang der Traditionen und der Moderne für ein „hohles Geschwafel“ hält. Dagegen gefiel ihm die Überbrückung der Gegensätze in der Verbindung: „Hier finden feine Intellektuelle und rabaukige Lebemänner zusammen.“ Die Normannia ist parteipolitisch ungebunden, ihr Hausverein ist als gemeinnütziger Verein eingetragen. Auf der Homepage heißt es: „Von anderen Verbindungen unterscheiden wir uns durch unsere Offenheit und Internationalität.“

Die Normannia ist eine von 31 Tübinger Studentenverbindungen. Wobei man eine Studentenverbindung von einer Burschenschaft differenziert betrachten sollte. „Burschenschaft ist sozusagen ein Teilbereich der Studentenverbindungen. Da spielt die deutsche National idee eine wichtige Rolle, genauso wie die Vaterlandsliebe Deutschland gegenüber“, erklärt Wakai.

Leute, die das Studium beendet haben, gehen in den Altenverein, dem momentan etwa 300 Männer angehören, und bezahlen rund 30 Euro monatlich. Die Verbindung sei eine Gemeinschaft von Jung und Alt, bestehend aus der Aktivitas (so heißt der Verbund der studierenden Mitglieder) und dem Altenverein.

Wakai sieht die Normannia als basisdemokratisch und hierarchiefrei: „Hierarchie wollen wir nicht.“ Das Schlagen lehnt die Normannia grundsätzlich ab, das Fecht-Duell hält Wakai für ein überholtes Ritual der Kraft und Stärke. Trotzdem stellen die Mitglieder gerne und häufig ihre Farben Rot-Gold-Weiß zur Schau. Allerdings bestehe – im Unterschied zu den meisten „farbentragenden“ Verbindungen – keine Pflicht, die ganze Zeit das Band oder die Mütze zu tragen, wenn man sich auf dem Verbindungshaus aufhält.

Die Normannia bezeichnet sich selbst als sehr liberal. Zu den Mitgliedern gehören laut Wakai auch Wähler linker Parteien. Nur Demokratiefeinde sind in der Normannia nicht gerne gesehen, deswegen hätten auch die Normannen 2007 gegen die in Tübingen aufmarschierenden Neonazis demonstriert. Gibt es rechtsradikale Burschenschaften, können diese sogar Hausverbot bei der Normannia bekommen. Zu einer bestimmten Burschenschaft haben die Normannia-Mitglieder seit Jahren kein Kontakt mehr, momentan gilt das Hausverbot noch für zwei andere Verbindungen – allerdings aus anderen Gründen. So findet Wakai es auch empörend und inakzeptabel, wenn Personen wie Günther Oettinger die erste Strophe des sogenannten „Deutschlandliedes“ singen oder die Oder-Neiße-Linie als eine „Schandgrenze“ bezeichnet wird: „Solchen Menschen wird schließlich das Besuchsrecht entzogen. Genauso wie solchen, die fordern, dass ?Südtirol an Deutschland fällt, sonst fallen Bomben?.“

Wakai meint, dass vor allem in Österreich Studentenverbindungen mit sehr rechtem Gedankengut vorzufinden seien. In Deutschland gebe es nur sehr selten ethnische Ausgrenzung. Bei der Normannia darf jeder eintreten, für den fünf aktive Mitglieder unterschrieben haben – allerdings muss er Student und männlich sein. Denn Frauen werden in der Normannia der „Tradition“ wegen nicht aufgenommen. Die Normannia-Mitglieder hätten nichts gegen Frauen, sie wollen aber oftmals unter sich bleiben. Freundinnen dürfen jedoch zu Besuch kommen und auch übernachten – im Gegensatz zu früher, als man sich auf das sogenannte „Sittlichkeitsprinzip“ berief. Doch es gibt auch Verbindungen wie die Stuttgardia, bei denen Frauen wie Männer aufgenommen werden. Die Partyflyer im Flur, auf deren Vorderseite eine relativ spärlich bekleidete Frau abgebildet ist, sind laut Wakai nur ein Zeichen dafür, dass sich jeder mal hübsch machen solle.

Bälle finden ungefähr zwei Mal im Jahr statt. Zu den Partys kamen früher bis zu 1000 Leute an einem Abend, aber auch den Verbindungen hat das „Top 10“ Konkurrenz gemacht. Im altehrwürdigen „Kneipsaal“ gibt es zudem drei bis vier Mal pro Semester einen sogenannten „Kneipabend“ unter dem Motto „Reden, Trinken, Singen“. Zudem richtet die Normannia am Kneipabend einen „Dicht-Comment“ aus, bei dem man nur in Dichtform reden darf. Bei anderen Verbindungen gebe es dagegen den Trink- oder auch Kneip-Comment, wo Trinkzwang bestehen kann. „Andere lösen ihre Streitigkeiten mit Bier, wir nicht“, so Wakai. Auch der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler war einst Mitglied bei der Normannia, die Ursachen für seinen Austritt lägen im Dunkeln.

Der Sinn einer Studentenverbindung sei, mit vielen verschiedenen Leuten etwas zu unternehmen. Außerdem begebe man sich in einer Studentenverbindung in einen Lernprozess zum generationsübergreifenden Gemeinschaftsgefühl von Jung und Alt. Und: „Die Studentenzeit ist ja eine Phase der Jugend, die nun mal nicht wiederkehrt.“

Einige der 30 bis 40 Aktiven wohnen im Haus und zahlen eine vergleichsweise niedrige Miete, etwa 160 bis 270 Euro. Das Gebäude wird vom Hausmeisterehepaar Klett gehegt und gepflegt, genauso wie die riesige Hauswiese und der hauseigene Gemüsegarten. Auch gibt es vier Mal in der Woche ein preisgünstiges Mittagessen, das durchaus mit dem in der Mensa konkurrieren kann.

Die Studierenden besitzen immer einen „Senior“, der ranghöchste der Aktiven, der von den anderen gewählt wird. Er hat das meiste Sagen in der Studentenverbindung. Ehrenrichter, Kassenwart und Senior haben umso mehr Pflichten, Befugnisse und Verantwortung, je höher sie stehen. Obwohl die Normannia versuche, alle Aktiven gleich zu behandeln, gebe es auch diese Titel.

Neulinge besuchen in der einjährigen Probezeit regelmäßig die „Ehrenrichterstunden“, die der „Ehrenrichter“ abhält, damit die jungen Bundesbrüder in die Geschichte und das Grundverständnis der Verbindung eingeführt werden. Das vielerorts übliche „Fux-Bursch-Verhältnis“ gibt es jedoch in der Normannia nicht mehr – Wakai sieht dieses kritisch, denn hier herrsche im Regelfall eine klare Hierarchie und der Fux hat viel weniger Rechte, sondern muss den Anweisungen der Älteren Folge leisten. Auch das Maisingen und der als „Ersatz“ eingeführte Bürgerfrühschoppen sei in der Normannia umstritten – es bestehe aber auch keine Pflicht, da mitzumachen.

Das Normannenhaus auf dem Österberg – das ovale Fenster (links im Text) schmückt den Kneipsaal.Bilder: Braitmayer, Seemann

Regal mit Trinkgefäßen

Paul Masanobu Wakai

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Erstellt:
27. Juli 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
27. Juli 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. Juli 2010, 12:00 Uhr

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