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Elite im Dienst der Barbarei

An der Uni Tübingen fiel NS-Gedankengut auf fruchtbaren Boden

Die Tübinger Universität hat ihre NS-Vergangenheit in einem Buch aufgearbeitet. Es zeigt, wie bereitwillig Forscher das Nazi-Denken annahmen. Juden hatten an der Uni schon vor 1933 kaum eine Chance.

16.07.2010

Von MANFRED HANTKE UND DPA

Tübingen Der Tübinger Universität kann niemand nachsagen, sie würde sich um das schlimmste Kapitel ihrer Geschichte nicht kümmern. Als eine der ersten Unis in der Republik begann sie bereits 1964/65 mit einer Vorlesungsreihe zur NS-Zeit. Bücher, Aufsätze, Magister- und Doktorarbeiten folgten.

Jetzt hat die Tübinger Uni einen Sammelband vorgelegt, der mit seinen 1136 Seiten nicht nur einen stattlichen Umfang aufweist. Die über 30 Autoren legen in ihren Aufsätzen viele neue Details und Perspektiven offen, wie Rektor Bernd Engler und Professor Urban Wiesing gestern bei der Präsentation hervorhoben. Neben den theologischen Fakultäten, den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften und der Medizinischen Fakultät haben die Autoren auch Institute und Seminare untersucht. Zu Portraits einzelner NS-Professoren haben sie auch die Aufarbeitung in der Nachkriegszeit in den Blick genommen.

Der Befund ist eindeutig: Das Gedankengut der Nazis fiel in Tübingen auf fruchtbaren Boden. Viele Fächer hätten bereitwillig rassekundliche Themen aufgegriffen und sie in politisch konformer Weise verarbeitet, so Wiesing, der in Tübingen den Lehrstuhl für Ethik in der Medizin innehat und das Projekt leitete.

Ein besonderer Schwerpunkt sei die universitäre "Judenforschung" gewesen. Sie habe an eine lange Tradition christlich motivierter Judenfeindschaft angeknüpft. So behauptete der katholische Dogmatiker Karl Adam, die Ziele des Christentums und des politischen Antisemitismus der Nazis stimmten weitgehend überein. Sein evangelischer Kollege dachte darüber nach, die Juden umzubringen, wenn es keine befriedigende Segregationslösung gäbe. Und der Professor für Praktische Theologie, Karl Fezer, betonte: "Wer nicht erkennt, dass der Führer uns von Gott gegeben ist, ist entweder töricht oder bösen Willens".

Für die Tübinger Universität gab es keine Stunde Null. Auch das wird in den Aufsätzen deutlich. Der Geist von 1933 wehte schon lange vor der Machtergreifung in der Alma Mater. Folge: Keine andere Universität habe nach dem 30. Januar 1933 weniger Juden entlassen, so Wiesing. Nur sehr wenige Juden seien an der Uni beschäftigt gewesen, ihre Anstellung sei verhindert worden.

In diesem Klima des Antisemitismus gediehen auch mehrere Aktivisten des nationalsozialistischen Studentenbundes. Sie seien in der NS-Diktatur zu Einsatzkommandoführern emporgestiegen und hätten sich an der Ermordung des europäischen Judentums beteiligt. Exponierte Vertreter des Widerstands habe die Uni nicht hervorgebracht.

"Die geistige Elite hat die Barbarei wissenschaftlich unterstützt, war zum Teil daran beteiligt", sagte Wiesing. Forschung und Wissenschaft schützten offenbar nicht vor ungeheuerlichen Abweichungen von der Zivilisation. Das nun vorliegende Werk wird in Tübingen nicht der Schlusspunkt der Aufarbeitung sein, betonte Engler. Das Buch solle weitere Forschungen provozieren. Etwa in den Naturwissenschaftlern. Sie sind im Buch kaum vertreten.

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Erstellt:
16. Juli 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
16. Juli 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. Juli 2010, 12:00 Uhr

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