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Leitartikel · Daimler

An der Spitze

„Siege, aber triumphiere nicht", schrieb die Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach. Daimler-Chef Dieter Zetsche nimmt es sich zu Herzen. Fast 2,9 Millionen Fahrzeuge im vergangenen Jahr verkauft. Profitabel gewachsen. Audi überrundet, dicht am Erzrivalen BMW dran.

05.02.2016
  • Von Thomas Veitinger, SWP

Rekordzahlen. Zetsche könnte triumphieren. Er hat das Boot Daimler wieder flott gemacht, gewendet und so die eigene Position im Konzern zementiert. Aber Triumph liegt ihm fern. Die Krönungsmesse fällt bei der Präsentation der Jahresbilanz aus. Null Überheblichkeit. Nur ein einziges Symbol des Sieges leistet sich der Vorstandschef: Er trägt im Gegensatz zu den anderen Vorständen keine Krawatte. Das ist unüblich für eine solch wichtige Veranstaltung - und hat nicht nur mit Weiberfasnacht zu tun.

Möglicherweise ist aber selbst dieses Zeichen dem Unternehmen geschuldet. Denn Daimler soll sich ändern. Zetsche ruft eine neue Führungskultur aus. Mitarbeiter werden sich in Gruppen zusammenfinden und ohne Kontrolle des Vorstands die Hierarchie-Struktur, Meeting-Kultur und Leistungsbewertung im Konzern überprüfen. Vorgabe: Es gibt keine Vorgabe. Damit will Daimler US-Firmen kopieren, die bei der Digitalisierung vorne liegen. Managementfehler durch hierarchische Strukturen sollen vermieden werden. Volkswagen versucht noch heute vergeblich, Patriarchat und lineare Organisationsstrukturen abzuschütteln. Daimler lernt.

Dies ist auch ein Erfolgsgarant der vergangenen Jahre. Potenziale ausmachen, sie heben und dabei möglichst flexibel, fokussiert und nach vorne gerichtet vorgehen. Das hat in den vergangenen Jahren funktioniert. Die Modellpalette wuchs, das Chinageschäft wurde bereinigt und Altlasten wie der Schmiergeldskandal aufgearbeitet. Käufer sind jünger geworden.

Und jetzt? Reicht es, einfach mitzuschwimmen, immer neue Modelle auf die Märkte der Welt zu bringen, auf weibliche Kunden zu setzen und abzuwarten? Einfach weiter so ist keine Vision.

Für das laufende Jahr ist Zetsche nicht mehr so optimistisch. Auch, weil er weiß: Es ist schwer, an die Spitze zu gelangen, aber genauso schwer, an der Spitze zu bleiben. In China schrumpfen Margen, möglicherweise lassen sich Verkaufsrekorde etwa bei Lastwagen nicht mehr erzielen. Die Fahrbahn der Möglichkeiten für Daimler wird enger, Innovationszyklen kürzer. Neue Modelle und Technologien binden Potenzial. Die Stuttgarter haben sich breit aufgestellt: geografisch, aber auch technisch. Sie halten an der Brennstoffzelle fest und forschen an Batteriezellenfertigung, von der sich andere längst verabschiedet haben. Das alles birgt Möglichkeiten, kostet aber viel Geld.

Dann ist da noch der Abgas-Skandal, der europäische Autobauer erschüttert. Es ist nur zu hoffen, dass Daimlers schnell gemachte Aussage, keine Leiche im Keller zu haben, zutrifft. Ansonsten wären viele Ziele des Konzerns unerreichbar. Die neuen verschärften EU-Abgasregeln belasten finanziell, könnten im anderen Falle aber einen weiteren Schub verleihen: Technisch waren die Süddeutschen schon immer groß - aber dachte man das nicht auch von VW?

Zetsche hat sehr vieles richtig gemacht. Wenn nun die Weltwirtschaft einbricht, es Fahrverbote für Diesel gibt oder China nachhaltig schwächelt, hinterlässt das Spuren, trifft jedoch auch Konkurrenten. Nach dem Erntedankfest, das derzeit bei Daimler stattfindet, kommt jahreszeitlich der Winter, aber auch irgendwann wieder der Frühling. Die Saat ist bereits aufgegangen.

Hoffentlich

keine Leiche

im Keller

leitartikel@swp.de

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05.02.2016, 08:30 Uhr
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