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An der Grenze des Erträglichen
Nach dem Träneneinsatz mazedonischer Grenzschützer: Flüchtlinge versuchen den Gasschwaden zu entkommen. Foto: afp
Mazedonien verwehrt vielen Flüchtlingen weiter die Durchreise - Lage in Griechenland kritisch

An der Grenze des Erträglichen

Flüchtlinge stürmen Zäune, Polizisten feuern Tränengas in die Menge - und treffen auch Kinder. Die Lage an der griechisch-mazedonischen Grenze eskaliert. Derweil steigt die Zahl Schutzsuchender weiter an.

01.03.2016
  • GERD HÖHLER

Es sind Bilder, die verstören: Frauen, die ohnmächtig zu Boden sinken; Kinder, die weinend durch dichte Gaswolken über die Gleise einer Eisenbahnstrecke irren. So sah es am Montagmittag bei Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze aus, nachdem mazedonische Grenzsoldaten Tränengasgranaten auf die Flüchtlinge auf der griechischen Seite der Grenze abgefeuert hatten.

Idomeni, der Name dieser kleinen Grenzstadt, ist allen Flüchtlingen geläufig. Idomeni ist für sie so etwas wie das Tor zum Paradies Mitteleuropa. Aber seit mehreren Tagen ist dieses Tor zu, gesichert mit Zäunen und messerscharfem Stacheldraht. Über 7000 Flüchtlinge und Migranten warten an der Grenze, darunter viele allein reisende Männer und Jugendliche, aber auch viele Familien mit kleinen Kindern und Alten.

Doch nur für wenige öffnet sich das Stahlgittertor stundenweise: Jeweils rund 300 Menschen ließ Mazedonien am Samstag und Sonntag ein. In der Nacht zum gestrigen Montag durften erneut etwa 200 Flüchtlinge passieren. Die Kontrollen sind eingehend und langwierig. Durchgelassen werden nur syrische und irakische Kriegsflüchtlinge, die gültige Pässe vorweisen können. Alle anderen werden von vornherein abgewiesen. Um vier Uhr früh am Montagmorgen wurde die Grenze wieder geschlossen.

Einige Stunden später, am Vormittag, brachen sich dann Wut und Verzweiflung Bahn. Mit Stangen und ausgerissenen Zaunpfählen, die sie als Rammböcke einsetzten, gelang es einer Gruppe junger Männer, das Grenztor aufzubrechen. Auslöser für den Ansturm war offenbar ein unter den Flüchtlingen zirkulierendes Gerücht, wonach die Grenze wieder geöffnet sei.

Mazedonische Sicherheitskräfte, die in großer Zahl auf der anderen Seite des Zauns aufmarschiert waren, feuerten daraufhin mehrere Tränengasgranaten mitten unter die Flüchtlinge auf der griechischen Seite, unter denen sich auch viele Familien befanden. Die griechische Polizei hielt sich zurück, um eine weitere Eskalation zu vermeiden. Im Laufschritt flohen die Menschen vor den Tränengasschwaden, viele stürzten, ließen ihre Habseligkeiten zurück. Eltern versuchten, mit Wasserflaschen ihren vor Schmerz schreienden Kindern die Augen auszuwaschen. 15 Menschen, unter ihnen neun Kinder, mussten mit akuten Atembeschwerden ärztlich behandelt werden.

"Viele Menschen sind traumatisiert", sagte Constance Theisen von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen, die mit 100 freiwilligen Helfern in Idomeni im Einsatz ist, gestern dieser Zeitung. "Vor allem für die Kinder sind diese Szenen von Gewalt sehr, sehr schlimm." Viele der Schutzsuchenden seien nach oft wochenlanger Flucht inzwischen auch unterernährt und dehydriert, erklärte Theisen.

Nicht nur die Lage an der griechisch-mazedonischen Grenze verschlimmert sich zusehends. Während die Grenze praktisch dicht ist und damit den Flüchtlingen die Möglichkeit zur Weiterreise nach Norden genommen ist, strömen immer weitere Schutzsuchende ins Land. Am Sonntag kamen nach inoffiziellen Angaben etwa 3000 Menschen aus der Türkei. Von dort trafen am gestrigen Montagmorgen rund 2000 an Bord der Fährschiffe in Piräus ein. Weitere Hunderte wurden am Abend erwartet.

Griechenland ist mit der ständig wachsenden Zahl von Neuankömmlingen völlig überfordert. Die vorhandenen Notunterkünfte sind überfüllt. Die Behörden bemühen sich, weitere Unterbringungsmöglichkeiten zu schaffen, so in einem Park in Athen, wo gestern mit Baumaschinen der Armee eine Fläche planiert wurde, um Zelte aufstellen zu können. Auch eine Basketballhalle im Vorort Ellinikon, die seit den Olympischen Spielen von 2004 leer steht, soll jetzt als Notunterkunft hergerichtet werden.

Hunderte Flüchtlinge, darunter ganze Großfamilien vom Greis bis zum Säugling, campierten gestern in Athen auf der Platia Victoria, dem Viktoriaplatz im Stadtzentrum und auf dem Marsfeld, einem großen Park unweit des Nationalmuseums. Anwohner versuchen, die obdachlosen Menschen mit Decken, Essen und Getränken zu versorgen. Ärzte und Sanitäter von Hilfsorganisationen kümmern sich um Kranke und Verletzte.

Die Behörden stellten Busse bereit, um die Menschen in Notunterkünfte zu bringen. Aber die meisten zögern. Sie fürchten, ihre Reise nicht fortsetzen zu können, und machen sich deshalb auf eigene Faust auf den Weg nach Norden, manche zu Fuß. Aktuell sitzen etwa 25 000 Flüchtlinge und Migranten in Griechenland fest. Die griechische Regierung rechnet damit, dass diese Zahl im Laufe des Monats März auf 70 000 ansteigen wird.

Während sich auf den Ägäis-Inseln und auch auf dem Festland viele Bürgerinitiativen und einzelne Anwohner um die Versorgung der Flüchtlinge bemühen, wurde aus Nordgriechenland der erste vermutlich fremdenfeindlich motivierte Anschlag gemeldet: In der Stadt Giannitsa gingen zwei leerstehende Hallen in Flammen auf, die als Notunterkünfte für Flüchtlinge genutzt werden sollten.

Unterstützung der Staaten auf der Balkanroute

Notfallpläne Die EU-Kommission bereitet Notfallpläne für Griechenland und andere Länder auf der Balkanroute vor. Zu den geplanten Schritten gehörten die Verstärkung von Aufnahmekapazitäten oder die Kontrolle von Grenzen, sagte eine Sprecherin.

Kontrollen Mazedonien kontrolliert inzwischen rigoros an der Grenze zu Griechenland. Da der Zustrom der Menschen aus der Türkei nach Griechenland anhält, sitzen dort nach Medienberichten inzwischen schätzungsweise 25 000 Menschen fest.

Hilfen Griechenland habe mitgeteilt, welche Unterstützung gewünscht werde, sagte die Sprecherin. Die Gespräche dazu liefen seit Mitte Februar. Beim Sondergipfel der EU-Chefs mit der Türkei am 7. März wird es auch um die Lage in Griechenland gehen. dpa

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01.03.2016, 08:30 Uhr
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