Handel

Amazon baut im Südwesten aus

Wegen der immer weiter steigenden Anzahl an Bestellungen plant der Onlinehändler mehrere neue Standorte. Über die Folgen der Ausbreitung sind sich Fachleute uneins.

08.01.2021

Von ALEXANDER OGGER

Die Geschäfte im Onlineversandhandel boomen. Deshalb baut Amazon neue Verteilzentren in Baden-Württemberg und prüft neue Standorte. In den USA forscht der Händler mit Drohnen und kleinen Zeppelinen für die Zustellung. Foto: Norman Rembarz

Baden-Württemberg. Autobahn A7, Ausfahrt 116 Heidenheim, dreimal abbiegen und schon steht man vor einer großen Baustelle. Hier wurden zu Beginn des vergangenen Februars auf einem Gebiet von rund 14 Hektar Bäume gefällt. Nach und nach wurde die riesige Fläche eingeebnet. Der Grund: Ein Investor baut hier eine Halle mit 50 000 Quadratmetern Lagerfläche und einer lichten Höhe von zehn Metern. Zusätzlich zur Lagerfläche sind 10 000 Quadratmeter in einem Zwischengeschoss verfügbar. Hinzu kommen Tausende Quadratmeter an Büro- und Sozialräumen. Den Angaben des Investors zufolge soll es dort mehr als 52 Lkw-Stellplätze und mehr als 285 Pkw-Parkplätze geben. Versehen ist die riesige Halle mit insgesamt 110 Lkw-Laderampen. Alles in allem wird das gigantische Logistikzentrum 300 Meter lang und 150 Meter breit sein. Der Name des Mieters ist weder vom Investor noch von der Stadtverwaltung Heidenheim, auf deren Gemeindefläche gebaut wird, zu erfahren. Doch aus für gewöhnlich gut informierten und sehr renommierten Quellen heißt es, dass hier der Onlinegigant Amazon einziehen wird.

Vier neue Standorte geplant

Auf Anfrage dieser Zeitung sagt der Onlinehändler: „Zum genannten Gebäude in Heidenheim haben wir keine Angaben gemacht. Grundsätzlich schauen wir uns deutschlandweit eine Vielzahl von Standorten an“, so Nadyia Lubnina, Public Relations Managerin bei Amazon. Dass dann möglicherweise ein Mitbewerber die Halle beziehen könnte, wird nicht kommentiert. Nach eigener Aussage betreibt Amazon derzeit neun Verteilzentren in Süddeutschland, davon sechs in Bayern und drei in Baden-Württemberg. Weitere Standorte würden derzeit in Neu-Ulm, Neuenburg, Pommersfelden und Memmingen geprüft.

Der letzte Standort wird von manchen Memmingern kritisiert. Man fürchte, dass der dortige Flughafen für nächtliche Frachtflüge genutzt werden könnte, sagten einzelne Mitglieder des dortigen Kreisrates. Auch hier kontert Amazon. Das Projekt in Memmingen hätte nichts mit Luftfracht zu tun, da es auch hier um den Bau eines Verteilzentrums gehe, sagt Amazon-Sprecherin Lubnina.

In einem Verteilzentrum werden die Pakete aus den Logistikzentren für die Auslieferung an den Kunden sortiert. Die so genannte „letzte Meile“ wird dann mit Lieferfahrzeugen zurückgelegt. Die Anlieferung der Pakete aus den Logistikzentren erfolgt vor allem nachts. Mit der Sortierung werden auch die Routen für die Auslieferung berechnet. Die Pakete und die Routenplanung übergibt Amazon an die jeweiligen lokalen Lieferpartner, die sie zum Kunden bringen. „Verteilzentren benötigen wir dort, wo die bestehenden Kapazitäten der Partner nicht ausreichend sind. Wichtig sind eine gute Infrastruktur und Verkehrsanbindung sowie der Arbeitsmarkt“, sagt Lubnina.

„Konzern will Lücken füllen“

„Mit dem Aufbau einer eigenen Logistik spielt Amazon seinen Vorteil voll aus“, sagt Horst Manner-Romberg, Chef der Branchenberatungsgesellschaft MRU. Der Spezialist für Kurier-, Express-, und Paketdienste (KEP) erklärt, dass Amazon durch den Warenverkauf bereits heute weiß, was spätestens morgen versendet wird. „Dieses Vorteilswissen wird zur Planung für eine schnelle und effiziente Lieferung herangezogen“, sagt Manner-Romberg. Dass der Online-Gigant eine eigene, flächendeckende Paketzustellung in Deutschland anstrebt und damit zur direkten Konkurrenz für DHL, Hermes und DPD werden könnte, hält der KEP-Experte für einen Irrtum.

Horst Manner Romberg. Foto: RMU Hamburg

Vielmehr geht es Amazon seiner Meinung nach darum, dort tätig zu werden, wo die großen Lieferdienste „weiße Löcher“ auf ihrer Landkarte haben. „Der Onlinehändler baut in denjenigen Regionen selbst Sortieranlagen und Zustellung auf, in denen es aus Sicht des Unternehmens keine ausreichend schnelle Zustellung für die Sendungen gibt“, sagt Manner-Romberg. Entscheidend seien dabei die Maßstäbe, die Amazon an Qualität und Leistung anlege. Dazu zählen vor allem die Anzahl der Zustelltage, bei Prime-Kunden ist es einer, bei den übrigen Kunden zwei.

„Für Fahrer wird es schwieriger“

Dass Amazon sehr wohl ein weiterer Mitbewerber in der KEP-Branche werden wird, ist sich Thomas Kempcke vom EHI Retail Institute sicher. Der Leiter des Forschungsbereichs Logistik des Forschungs- und Bildungsinstituts für den Handel rechnet damit, dass sich die Logistiksparte durch den Onlineversandanbieter weiter verändert: „Als erstes wird man es bei den Mitarbeitern in der Zustellbranche feststellen. Der Arbeitsmarkt für Fahrer, der sich ohnehin im Niedriglohnsektor abspielt, wird sich weiter verknappen“, so Kempcke.

Deshalb ist es nach Aussage des Forschungsbereichsleiters Amazon-typisch, dass man deshalb innerhalb des Unternehmens nach Alternativen zur straßengebundenen Zustellung sucht. So würde man in den USA schon seit längerem mit Drohnen und kleinen Zeppelinen für die Paketzustellung experimentieren. Auch an der Lagerung in Unterwasseranalagen würde derzeit geforscht. „Die Innovation dieser Branche findet deshalb in den USA statt, weil die Gegend dort ländlicher und die Entfernungen oftmals größer sind. Das erfordert dann auch besondere Arten der Zustellung“, sagt Kempcke.

Zwischen den Jahren 2006 und 2019 stieg das Marktvolumen des E-Commerce laut Branchenverband BEVH von 10 auf 72,6 Milliarden Euro. Wie viel der Bereich durch das Coronavirus verdient hat, ist bisher nicht bekannt. Für das dritte Quartal rechnet der BEVH mit einem Zuwachs von 13,3 Prozent.

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Erstellt:
8. Januar 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
8. Januar 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 8. Januar 2021, 06:00 Uhr

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