Du bekommst, was Du gibst

Am Wochenende feiert Wirt Jan Mistygatz Abschied vom Tübinger Schloß-Café / „Guck mal, da sitzt Yvon

Zwölf Jahre lang leitete Jan Mistygatz die Geschicke des Schloß-Cafés. Am Wochenende verabschiedet er sich von der Burgsteige, um den Ratskeller zu übernehmen. Hier ein Por-trät des gebürtigen Tübingers.

22.07.2016

Von Michael Sturm

Schlüssel drehen und fertig: Am Wochenende schließt Wirt Jan Mistygatz endgültig die Tür des Schloß-Cafés ab. Bild: Sturm

Tübingen. Mistygatz sitzt am Tisch im hinteren Bereich der Schloß-Café-Terrasse beim Essen. Immer wieder erwidert er Blicke von Gästen und grüßt freundlich zurück. „Du bekommst, was Du gibst. Das ist meine Lebenseinstellung“, sagt er. Zwölf Jahre lang hatte er Gäste, die sich in der Kneipe an der Burgsteige wohlfühlten. Ab September bewirtet er den Ratskeller. Es soll eine Mischung aus Restaurant, Bar und Kneipe werden – für alle Tübinger.

Die Befindlichkeiten in der Stadt, in der sich seine Eltern als zugezogene Studenten kennenlernten, kennt Mistygatz: „Tübingen hat eine Bevölkerung, die zusammenhält.“ Er schätzt die Herzlichkeit der Schwaben, wenn sie sich mal geöffnet haben, wie deren direkte Art, Kritik zu üben. Seine Verbindung zur hiesigen Szene entstand früh: „Ich bin ein Kinderladen-Kind“, sagt er. Und: „Ich wollte nie aus Tübingen weg.“

Er habe seine Stadt schätzen gelernt, auch weil er viel von der Welt gesehen hat. Kulturell, sagt Mistygatz, könne das kleine Tübingen mit vielen Großstädten mithalten. „An jedem Tag konkurrieren mehrere Veranstaltungen miteinander, vor allem im Konzertbereich. Das gibt es in Reutlingen nicht.“

In der Kulturszene arbeitete der bisherige Schloß-Café-Wirt, seit er die Schule schmiss – kurz vor dem Abi: „Wenn ich die Muße hätte, würde ich es nachmachen.“ Er arbeitete für das Sudhaus und das Zentrum Zoo, in der Takco-Bar und für das Festival Afrobrasil. Ihn interessierte vor allem, Veranstaltungen auf die Beine zu stellen. Zwischendurch betreute er Marktstände und verkaufte Kunsthandwerk.

Und er wurde Teil des Netzwerks der Tübinger Fußballer. Bis zur A-Jugend kickte er für den SV 03. Nach ein paar Jahren Pause stieg er als Hobbykicker wieder ein. Er fand heraus, wie viele Kontakte man in dieser Szene bekommen konnte. Er kickte für das Irish Pub, dessen Nachfolge er als Wirt in der Burgsteige antreten sollte. Und er lernte seinen späteren Kompagnon Dominik Graf von Einsiedel, kurz Nicki, kennen. Mit diesem zusammen gründete er den Verein FußballKultur e.V., vor allem um Futsal zu spielen. Beide teilten sich vor zwölf Jahren auch die Verantwortung für das Schloß-Café – bis Einsiedel vor knapp sechs Jahren an einem Hirntumor starb.

„Danach ging es hier bergab“, gesteht Mistygatz, dem der Tod des Freundes lange nachhing. Er fühlte sich ausgebrannt. Ein Umbau in jener Phase dauerte länger als geplant. „Das Last Resort und das Collegium machten auf. Die Leute saßen sich den Sommer über dort fest.“ Doch die Stammgäste kamen wieder, und es fanden immer wieder Neu-Tübinger den Weg in die Burgsteige. Zum Essen, zum Fußball schauen („bis Sky zu teuer wurde“, so Mistygatz) und zu den Kulturveranstaltungen im Keller. Hat er selbst eigentlich mal Musik gemacht? „Nein, nie!“

Seine liebste Anekdote: Eine Bedienung machte ihn auf einen weiblichen Gast aufmerksam – „guck mal, da sitzt Yvonne Catterfeld!“ Mistygatz kannte sie nicht. Er musste erst mal hoch in seine Wohnung und googeln. Es stimmte. Die Sängerin war mit Freundinnen von einem Dreh in Stuttgart vorbeigekommen. Er setzte sich kurz dazu, ließ sie ansonsten in Ruhe. Am nächsten Vormittag kam sie wieder, zum Brunch.

Dieses Wochenende ist Schluss. Heute Abend spielen die Neros, neben den Pantasonics, die sich vor kurzem verabschiedeten, so etwas wie die Hausband des Schloß-Cafés. Danach legt Rich Random auf. Am Samstag findet die Abschlussparty statt. Fehlt noch der Sonntag: Ab 14 Uhr lädt Mistygatz zum munteren Fässer-Leertrinken.

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Erstellt:
22. Juli 2016, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
22. Juli 2016, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. Juli 2016, 01:00 Uhr

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