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Der Kampf gegen die Keime

Am Tübinger Uni-Klinikum fehlen Hygiene-Fachkräfte

Seit Jahresbeginn gilt in Baden-Württemberg die Krankenhaus-Hygieneverordnung. Sie war überfällig, sagt Peter Heeg vom Tübinger Uni-Klinikum (UKT). Das Problem der personellen Unterbesetzung bei den Hygiene-Fachkräften am UKT ist damit freilich noch nicht behoben.

24.01.2011

Von Vincent Meissner

Schon während des Studiums lernen die Medizinstudierenden im Hörsaal den richtigen Umgang mit Hygiene: Hier beobachtet Klaus Schröppel (links hinten), der künftige Leiter der Hygiene-Abteilung des Tübinger Uni-Klinikums, die sterile Behandlung durch den Ärzte-Nachwuchs.Bild: Metz

Tübingen. Die Hände von Patienten, Pflegepersonal und Ärzten in deutschen Kliniken sind voller Bakterien. Kein Wunder, dass sich in Deutschland jedes Jahr 600 000 Patienten mit Krankenhaus-Keimen infizieren. Hochrechnungen zeigen: Ungefähr 40 000 davon sterben.

Peter Heeg, noch bis Ende des Monats Leiter der Abteilung Umwelt- und Krankenhaushygiene am UKT, sagt, dass etwa ein Drittel der Krankenhaus-Infektionen abgewendet werden könnten. „Aber um dieses Drittel zu vermeiden, wird zu wenig getan.“ Indikator für die Hygiene-Verhältnisse in Krankenhäusern sind die Fälle von Patienten mit dem Wundkeim Staphylococcus aureus. Dessen Methicillin-resistente Stämme (MRSA) sind dabei besonders kritisch, da sie nur schwer mit Antibiotika behandelt werden können.

Um den Problemen beizukommen, hat das Land nun eine Hygieneverordnung beschlossen. Reichlich spät, wie Heeg findet: „Man hat sich bis jetzt ein bisschen zurückgelehnt. So nach dem Motto: Es ist doch eigentlich alles gut“, sagt Heeg, der den Experten vom Sozialministerium beim Verfassen der Verordnung einige Male beratend zur Seite stand. Grob gesagt muss es in jedem Krankenhaus seit 1. Januar einen Hygieneplan und eine Hygienekommission geben und je nach Größe auch entsprechende Stellen für Hygieniker und Hygiene-Fachkräfte.

Im Großen und Ganzen ist Heeg mit der jetzt gültigen Verordnung zufrieden. Allerdings kritisiert er die „weiche Formulierung“ in der Verordnung, was die Anzahl der Hygiene-Fachkräfte in den Kliniken betrifft. Heeg nimmt die baden-württembergische Gesundheitsministerin Monika Stolz in die Pflicht: „Ich vermisse da ein klares Signal von ihr.“

Das UKT hat die meisten Anforderungen der Verordnung bereits erfüllt. Am Uni-Klinikum arbeiten ab Februar neben Heegs bisherigem Mitarbeiter und designiertem Nachfolger Klaus Schröppel wie bisher drei Hygiene-Fachkräfte. Sie prüfen die Einhaltung der Hygieneregeln auf den Stationen, schulen die Mitarbeiter des Klinikums, beraten Patienten und kontrollieren Trinkwasserhähne auf den Stationen auf Keime. Laut Personalschlüssel des Robert-Koch-Instituts, der in die Verordnung eingearbeitet wurde, wären sieben Fachkräfte angemessen. „Das heißt, dass wir personell eine Unterdeckung haben“, sagt Heeg und fordert: „Da müssen Verbesserungen her.“

Peter Heeg

Auf dem Arbeitsmarkt herrscht momentan jedoch ein Mangel an Hygiene-Fachkräften. Zwar seien die Zusatzausbildungs-Kurse für Pflegekräfte gut besucht, doch anschließend ist die Belastung in dieser Funktion für viele wohl zu groß: „Es ist eine Tätigkeit, in der Konflikte programmiert sind“, sagt Heeg. „Man muss aufpassen, dass man nicht in den Geruch kommt, eine Art Polizist zu sein.“ Für Schröppels jetzige Stelle als stellvertretender Leiter der Hygiene-Abteilung gibt es noch keinen Nachfolger. „Ich könnte mir vorstellen, dass man über eine Neubesetzung nachdenken muss“, sagt Schröppel, „momentan steht aber noch niemand in den Startlöchern.“

Bakterien kennen keinen Standesunterschied

Das Bewusstsein der Pflegekräfte in Sachen Hygiene sei in den vergangenen Jahren jedenfalls besser geworden, sagt Heeg. „Und die leisten ja erfreulicherweise auch Nachhilfe-Unterricht bei den Ärzten.“ Denn diese sind, etwa bei Patienten-Visiten, potenzielle Überträger von Keimen – und das stationsübergreifend. Heeg: „Bakterien kennen keinen Bildungs- und Standesunterschied.“ Immer wieder in der Diskussion sind auch Arztkittel als Bakterien-Überträger.

Akute Gefahr sieht Schröppel da jedoch nicht: „Sie müssen einfach den Körperkontakt zum Patienten vermeiden.“ Und wenn Ärzte einen Verbandswechsel machen, „dann legen sie den Kittel ab und tragen eine spezielle Schutzkleidung“, beteuert Schröppel. Das wichtigste ist jedoch ohnehin die Hände-Desinfektion. „So simpel das klingt“, sagt Heeg, „aber das sind nun mal die Dinge, die man in der beruflichen Routine vernachlässigt.“

Die vom UKT herausgegebenen Zahlen zeigen, dass der schon seit Jahren existierende Hygieneplan funktioniert: Der Wert der Fälle von Patienten mit dem Wundkeim MRSA – gemessen pro tausend Patiententage im Klinikum – liegt am UKT mit etwa 0,4 deutlich unter dem deutschen Durchschnitts-Wert von 1,2. Im vergangenen Jahr stellten die Mikrobiologen des UKT etwas mehr als 100 MRSA-Fälle fest.

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Erstellt:
24. Januar 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
24. Januar 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. Januar 2011, 12:00 Uhr

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