Wirecard

Am Abgrund

Ein schnelles Ende mit Schrecken: Luftbuchungen in Milliardenhöhe haben den Zahlungsdienstleister in die Pleite getrieben. An der Börse kommt es zu Panikverkäufen.

26.06.2020

Von DPA

Berlin. Der in einen Milliardenskandal verstrickte Zahlungsdienstleister Wirecard ist pleite. Das Unternehmen will wegen Überschuldung und drohender Zahlungsunfähigkeit Insolvenz anmelden, wie der Vorstand am Donnerstag in einer kurzen Ad-Hoc-Mitteilung ankündigte. Möglicherweise werden große Teile des Konzerns in den Abgrund stürzen: Der Wirecard-Vorstand prüft, ob auch die Tochtergesellschaften des Konzerns Insolvenz anmelden müssen. Ausgenommen bleiben soll die Wirecard Bank, diese wird laut Wirecard mit Einverständnis der Finanzaufsicht Bafin finanziell und organisatorisch von der Muttergesellschaft abgekoppelt. Weltweit beschäftigt Wirecard etwa 5800 Menschen.

An der Frankfurter Börse kam es zu Panikverkäufen: Die Wirecard-Aktien hatten innerhalb der vergangenen sieben Tage bereits 90 Prozent ihres Wertes verloren, nach der Insolvenzmitteilung rauschten die Papiere auf knapp 4 EUR in die Tiefe. Unter den Leidtragenden, die nun auf quasi wertlosen Papieren sitzen, sind sehr viele Kleinaktionäre ebenso wie der frühere Vorstandschef Braun, der im Februar noch Großaktionär und Milliardär war.

Ein sofortiger Abstieg aus dem Dax droht aus heutiger Sicht nicht: „Bei einem regulären Insolvenzverfahren bleibt die Aktie bis zum nächsten regulären Anpassungstermin im Dax“, erläuterte ein Sprecher der Deutschen Börse die Regeln für alle Dax-Mitgliedsunternehmen. Der nächste reguläre Anpassungstermin ist der 3. September. Dann allerdings hat Wirecard keine Chance mehr, unter den Top 30 der deutschen Börsenschwergewichte zu bleiben: Das Unternehmen war am Donnerstag weniger als eine halbe Milliarde wert.

Bei Wirecard wird nun zunächst ein Gutachter beauftragt, der die Lage des Unternehmens beurteilt. Im nächsten größeren Schritt nach dem Eingang des Insolvenzantrags beim Münchner Amtsgericht wird ein vorläufiger Insolvenzverwalter bestellt. Eine entscheidende Frage bei Wirecard wird sein, ob das Unternehmen seinen Geschäftsbetrieb fortsetzen kann oder nicht.

Laut Wirecard laufen Mitte nächster Woche 1,3 Mrd. EUR an Krediten aus, für die kein Ersatz in Sicht ist: „Ohne eine Einigung mit den Kreditgebern bestand die Wahrscheinlichkeit der Kündigung und des Auslaufens von Krediten.“ Die Fortführbarkeit des Unternehmens sei „nicht sichergestellt“.

Damit ist ein vor einer Woche noch als solvent und zukunftsträchtig geltender Dax-Konzern in atemberaubender Geschwindigkeit in den Abgrund gerutscht. Die Anlegervereinigung DSW forderte rückhaltlose Aufklärung. „Das ist eine Katastrophe“, sagte Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler. „Bei Wirecard hat das System versagt“ – das bezieht sich auf Vorstand und Aufsichtsrat ebenso wie auf die Bilanzprüfer EY, die die Jahresabschlüsse testierte, und die behördliche Aufsicht durch die Bafin.

Wirecard ist zum Politikum geworden: Die Finanzaufsicht Bafin hätte frühzeitig eingreifen können, kritisierte Grünen-Fraktionschef Toni Hofreiter. „Olaf Scholz und Peter Altmaier als die zuständigen Minister stehen hier in einer besonderen Verantwortung. Sie müssen das Fehlverhalten ihrer Behörden erklären.“ „Dieser Fall muss komplett aufgeklärt werden, damit wir daraus lernen können“, sagte Tüngler. „Das darf nicht wieder so laufen wie bei Volkswagen, dass sich das jahrelang hinzieht und dann mit einer Geldbuße endet.“

Im Mittelpunkt stehen mutmaßliche Luftbuchungen in Höhe von 1,9 Mrd. EUR. Unmittelbarer Auslöser der Krise war das Eingeständnis finanzieller Unregelmäßigkeiten am Donnerstag vergangener Woche. Am Freitag war Vorstandschef Markus Braun zurückgetreten, am Montag wurde er verhaftet und nach einer Nacht auf Kaution freigelassen.

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Erstellt:
26. Juni 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
26. Juni 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. Juni 2020, 06:00 Uhr

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