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Wegbereiter des Wandels

Altpräsident Walter Scheel ist tot

Walter Scheel war einer der Väter des Machtwechsels und der sozial-liberalen Koalition, ein knallharter Politiker – und ein fröhlicher Bonvivant.

25.08.2016
  • DIETER KELLER

Berlin. „Hoch auf dem gelben Wagen“ – fröhlich schmetterte Walter Scheel im Dezember 1973 dieses populäre Volkslied in der ZDF-Show „Drei mal neun“ zusammen mit dem Düsseldorfer Männerchor. Es ist wohl dieser Auftritt vor einem Millionenpublikum, mit dem viele heute noch spontan seinen Namen verbinden, und weniger die lange Politikerkarriere, die ihn kurz darauf ins höchste Staatsamt führte. Der amtierende Außenminister in den Hitparaden, das hatte es bis dahin nicht gegeben, und das gab es auch seither nicht mehr – sein Honorar ging an die „Aktion Sorgenkind“, die heutige „Aktion Mensch“.

„Heiterkeit und Härte“ – mit dieser Kurzformel charakterisierte sein Weggefährte Hans-Dietrich Genscher den acht Jahre älteren Scheel in einer Festschrift zu seinem 65. Geburtstag. Der Zeithistoriker Arnulf Baring schrieb 20 Jahre später mit Blick auf die prägenden Weichenstellungen seines politischen Lebens, man könne ihn „geradezu als Mr. Bundesrepublik“ bezeichnen. Bis ins hohe Alter strahlte er viel Lebensfreude aus, galt als guter Redner und Unterhalter – aber auch als gewiefter, knallharter FDP-Politiker.

Scheel arbeitete sich aus kleinen Verhältnissen nach oben. Er wurde am 8. Juli 1919 in Höhscheid, heute ein Ortsteil von Solingen, als Sohn eines Handwerkers geboren. Den gesamten Zweiten Weltkrieg machte er als Luftwaffenoffizier mit. 1946 trat er in die FDP ein und stieg rasch in der Partei auf. 1956 gehörte er dann zu den liberalen „Jungtürken“, die gegen die CDU-Herrschaft im Bund und in Nordrhein-Westfalen rebellierten.

Drei Jahre zuvor war der gelernte Bankkaufmann und Wirtschaftsberater in den Bundestag eingezogen. 1961 wurde er unter Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) erster Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, was er auch unter dessen Nachfolger Ludwig Erhard (CDU) blieb. Wegen eines Streits über den Bundeshaushalt ließ er im Oktober 1966 gemeinsam mit den anderen FDP-Ministern die schwarz-gelbe Koalition platzen. Danach wurde er 1967 Vizepräsident des Bundestags.

Im Jahr darauf übernahm Scheel den FDP-Vorsitz. Doch auf Anhieb konnte er wenig überzeugen. „Seine Starts waren jedes Mal langsam“, urteilte später Baring. Trotzdem gelang es ihm, die Liberalen nach langen Jahren an der Seite der Union auf einen neuen Kurs zu bringen. Unübersehbar wurde dies im März 1969, als er die FDP-Wahlleute vor der Wahl des Bundespräsidenten auf den SPD-Politiker Gustav Heinemann einschwor – der Beginn des Macht- und Seitenwechsels, den er ein halbes Jahr später abschloss, als er die Liberalen nach der Bundestagswahl in die Koalition mit der SPD führte. Dabei hatte die FDP mit 5,8 Prozent nur ein mageres Ergebnis erzielt, auch eine Quittung für die Unterstützung Heinemanns.Zitterpartien begleiten die Liberalen schon lange; damals ging es noch gut, und bei den vorgezogenen Neuwahlen 1972 wurde Scheels Mut mit 8,5 Prozent belohnt. Im Jahr zuvor hatte er seine Partei mit den „Freiburger Thesen“ weg vom Wirtschaftsliberalismus auf den neuen Kurs eines gesellschaftspolitischen Reformliberalismus eingeschworen.

Als Außenminister und Vizekanzler setzte Scheel an der Seite von Bundeskanzler Willy Brandt die Entspannung und Aussöhnung mit den ehemaligen Kriegsgegnern im Osten durch: Die Beziehungen zur Sowjetunion und Polen wurden 1970 mit den ersten „Ostverträgen“ normalisiert. Zwei Jahre später folgte der deutsch-deutsche Grundlagenvertrag. 1971 besuchte er als erster deutscher Außenminister Israel, im Jahr darauf besiegelte er nach einem Besuch in Peking die diplomatischen Beziehungen mit der Volksrepublik China.

Zielstrebig griff Scheel 1974 nach dem Amt des Bundespräsidenten, als Heinemann nicht erneut kandidierte. Mit 530 zu 498 Stimmen setzte er sich gegen den Unionskandidaten Richard von Weizsäcker durch und wurde so nach Theodor Heuss der zweite liberale Amtsinhaber.

Nach dem puritanisch-strengen und sehr politischen Heinemann sorgte er wieder für mehr repräsentativen Glanz des ersten Mannes im Staat, der mit staatsmännischer Würde und Weltläufigkeit die klassischen Repräsentationsaufgaben wahrnahm – ein ausgleichender Pol in einer Zeit, die durch den „Deutschen Herbst“ und wirtschaftliche Probleme verdüstert wurde. Es war Scheels Selbstverständnis, die überparteiliche Neutralität des höchsten Staatsamtes wiederherzustellen. Einzig 1976 verweigerte er aus formalen Gründen die Unterzeichnung des Gesetzes zur Abschaffung der Gewissensprüfung bei Wehrdienstverweigerern. Als Scheel 1979 seinen 60. Geburtstag feierte, war er gerade aus dem Amt geschieden – auf eine erneute Kandidatur hatte er verzichtet, weil die Union in der Bundesversammlung die Mehrheit hatte und er es sich mit ihr durch die Unterstützung Heinemanns zehn Jahre zuvor verscherzt hatte. Gegen den Unionskandidaten Karl Carstens hätte er höchstens mit Abweichlern aus der CDU eine Chance gehabt.

Danach machte ihn die FDP zum Ehrenvorsitzenden, der lange Jahre ein gefragter Ratgeber war. 1982 unterstütze er den Koalitionswechsel der Liberalen zur Union; später äußerte er sich jedoch kritisch über die schwarz-gelbe Koalition. Scheel übernahm zahlreiche Ehrenämter, unter anderem als Kuratoriumsvorsitzender der parteinahen Friedrich-Naumann-Stiftung. Fast 20 Jahre lang war er Aufsichtsratsmitglied der Thyssen AG. Selbst als Talkmaster versuchte er sich im ZDF, doch wegen schlechter Kritiken blieb es bei einem einmaligen Auftritt.

Mit seiner dritten Ehefrau Barbara, die er im Jahr 1988 heiratete, war Walter Scheel eine feste Größe im Gesellschaftsleben von Berlin, wohin er nach dem Mauerfall gezogen war. Erst kurz vor seinem 90. Geburtstag entfloh er dem Trubel der Hauptstadt ins südbadische Bad Krozingen. Seine letzten Lebensjahre wurden von seiner Demenz überschattet; zuletzt lebte er im Pflegeheim.

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25.08.2016, 06:00 Uhr
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