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In der Künstlerbund-Jahresausstellung heißt es noch einmal: „Kunst und Literatur“

Alte Paare, neue Paare, Bild und Wort

Soll man es am Ende nochmal Revue passieren lassen, das Künstlerbund-Jahr, das sich der Begegnung von Kunst und Literatur widmete? Nein, da war so viel. Lieber ein Preview-Streifzug durch die heute um 19 Uhr eröffnende Jahresausstellung.

12.12.2014

Von Peter Ertle

Tübingen. Das Motto, auch hier, nochmal: Kunst und Literatur. Neben jedem Bild hängt nun ein zugehöriger Text. Und das ging so: Jeder Künstler suchte sich einen Schriftsteller, einen lebenden oder toten, Lokalbezug war dezidiert erwünscht. Die Art der Begegnung und Anregung blieb dem Künstler respective dem jeweiligen Gespann überlassen. Besuch im Atelier? War öfters der Fall. Bei Hölderlin und Uhland traten hier Komplikationen auf.

Der Text als Illustration? Text und Bild als Parallelwelt mit fragwürdigen Rätselbezügen oder erst auf den zweiten Blick erkennbaren, überraschenden Zusammenhängen? Provozierende Verblüffungsstrategien – etwa wenn ein üppig organisches Durcheinander wie bei Karl-Heinz Deutschle sich ausgerechnet Kant sucht? Aber ist Kant nicht auch ein Gestrüpp, der Syntax nach? Und sehr naturverbunden in seiner Ethik, die ihn bekanntlich dem ehernen Gestirn über ihm als auch dem moralischen Gesetz in ihm verpflichtet? So könnte man ja mal fragen.

Manchmal wurden einfach die bereits gut eingeführten Paare weiter gepflegt, fand der Künstlertopf seinen bekannten Autorendeckel: Frido Hohberger sucht und findet Eva Christina Zeller, Klosinski fand seinen Kuschel. Jürgen Klugmann ging den kürzesten will sagen kleinen Dienstweg über die Künstlergruppe Holzmarkt und stieß auf Jörg Hirsch.

Eine noch nicht so eingeführte Verbindung: Axel von Criegern nahm sich eines vor Jahren mal geplanten, aber nie zustande gekommenen Buches von Kay Borowsky an und illustriert auf dessen Original-Schreibmaschinenseiten. Oder: Birgit Dehn trifft die seit einiger Zeit in Tübingen lebende Journalistin, Romanautorin und lyrische Kurzprosaistin Dorothea Dieckmann.

Taschenmesser ja, Fische nein

Und vielleicht sollten wir hier mal beginnen, nicht über alles nur so drüberzuhuschen und Pärchen zu benennen, sondern an Beispielen den Binnenkosmos solcher Paarungen zu studieren, also: Dieckmanns Text beschäftigt sich mit dem (Engel des) Vergessen(s), Dehn stellt eine Form des Bewahrens daneben, die Schönheit (schock)gefrorener Blumen. Wie kleine Glassärge, nature morte, in solcher Beschreibung steckt jetzt schon zweimal der Tod. Wer lieber die Assoziation zum (entstehenden) Leben akzentuieren möchte, kann ans social freezing denken, beim Stichwort Einfrieren sind solche Gedanken derzeit ja nicht weit. Erweiterte Lebensmöglichkeit. Bezahlt mit der Kälte horribler Perfektion, größerer Verfügbarkeit, größeren Optimierungsdrucks? Kurz: In Schönheit erstorben? Nicht das Bild/Text-Duo stellt solche Fragen. Aber sie können einem dabei einfallen.

Dieter Luz hat den längsten Text beigestellt. Es sind Buchseiten von Harald Floss, in denen er über Faustkeile und andere, Jahrtausend- und Jahrmillionen alte Werkzeuge schreibt, die in den Vitrinen von Luz so unscheinbar sind. Im Kasten darunter hat der Künstler Messer, Gabel, Löffel, Taschenmesser, also die neuzeitlichen Erben der steinzeitlichen Werkzeuge ausgestellt. Im Lichtschatten sind Heute und Gestern dann auf einer Ebene vereint: Metaphysik.

Das muss so sein in Tübingen: Hölderlin hatte im Vorfeld zu dieser Ausstellung so viel zu tun wie der Nikolaus am Abend des 5. Dezember. Gerhard Walter Feuchter hat ihn zu seinen Turmbildern gesellt. Morgenschwimmer Dieter Löchle paarte das größte Format der Jahresausstellung, seine „Arethusa“ mit Hölderlins „Vom Delphin“. (Wie wird er William Blake diesen Seitensprung erklären?)

Auch Gerhard Kilger berief sich auf ihn. Und Susanne Höfler mit ihren Kreidezeichnungen zu Hölderlins „Die Eichbäume“. Dialog vor ihren Bildern: „Wo ist denn da diesmal der Fisch?“ „Es gibt keinen Fisch.“ „Da muss doch irgendwo ein Fisch sein. Sieht der Baum nicht wenigstens ein bisschen aus wie ein Tintenfisch?“ „Also gut, ein bisschen.“

Ach: Eine Künstler-Schriftstellerpaarung gab es schon vor dieser Ausstellung, auf dem Buchcover von Kurt Oesterles Roman „Der Wunschbruder“. Nun ist es als Bild groß zu sehen, von Tilman Rösch. Oesterles Buch steht daneben.

Alles nur gemalt!

Und dann steht man wieder völlig erschlagen vor dem unfassbaren Hyperrealismus von Marek Zawadzki. Dass einer das Glas einer Blumenvase so täuschend echt malen kann – kein Foto vermöchte dies! Dazu wünscht Hesse, dass die Blume „nicht allzu sehr am Dasein klebe“. Größtmöglicher Kontrast und doch enger Parallelschwung: Dieser Realismus ist eben Kunst par excellence, die surrealen Farbtupfer auf dem Messer zeigen en detail: Alles nur gemalt! Vor Nadine Pasianottos Kunstbuch wiederum kniet man gerührt, sie hat Kristin Schnetters „schiefe Zeilen“ synästhetisch zur eigenen Technik gestellt. Wunderbar!

Ralf Ehmann, mit Skulptur und gleichermaßen skulputuralem Gemälde vertreten, hat über das geforderte Motto Mörikes Novelle „Lucie Glemroth“ kennengelernt. Und ohne das Motto der Ausstellung wäre Reinhard Brunner nie auf die Gedichte Mike Herrmanns aufmerksam geworden. Jetzt ist er ganz begeistert davon. Auch solche Entdeckungen sind ein Aspekt dieser Ausstellung. Übrigens: In der Kulturhalle fällt wieder einmal auf, wie gesegnet Tübingen mit diesem Ausstellungsort ist. Schlecht ist hier nur die Akustik. Und der Umstand, dass in der kalten Jahreszeit, wenn das Tor zu ist, nur wenige Leute auf das Geschehen in der Halle aufmerksam werden. Aber da kann man sich ja was einfallen lassen. Toll aber die weißen Wände und die Raumführung, die ganz ohne Stellwände Struktur aufweist, etwa die kleine Separee-Einbuchtung – in der hier eine ganze Gruppe mit Wasserthematik gruppiert wird. Also falls das Kulturamt eines Tages mal umziehen sollte: Verschwände damit auch der Raum, es wäre jammerschade.

Info: „Kunst und Literatur“, Jahresausstellung des Künstlerbunds, bis 24. Januar in Kulturhalle, Nonnengasse 19 und Künstlerbundgalerie, Metzgergasse 3, Mi-Fr 15-18 Uhr, Sa 11-14 Uhr, diesen Sa und So 11-17 Uhr.

Im Hintergrund links ein Triptychon Reinhard Brunners, rechts Fotografien Roland Werschings, daneben Gerhard Kilgers Bild „phose“, ganz vorn und direkt dahinter eine Skulptur und ein skulpturales Bild von Ralf Ehmann – in der Kulturhalle.Bild: Metz

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Erstellt:
12. Dezember 2014, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
12. Dezember 2014, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. Dezember 2014, 12:00 Uhr

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