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Parteien

„Als Vorbild für Emanzipation taugt die DDR nicht“

Auffällig viele Frauen aus Ostdeutschland besetzen Spitzenposten in der Politik. Eine Expertin sieht keinen Zusammenhang mit der Herkunft.

08.09.2017
  • HENNING KRAUDZUN

Berlin. Drei Frauen, die für die CDU, die Linkspartei und die Grünen an vorderster Front in den Wahlkampf ziehen, stammen aus dem Osten. Mit Frauke Petry ist eine vierte Ostdeutsche an der Spitze ihrer Partei. Ob die Herkunft tatsächlich die Karriere beflügelt hat, wollte Henning Kraudzun von der Chefin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Anna Kaminsky, wissen.

Drei Spitzenkandidatinnen, zwei Parteivorsitzende. Ist das eine Folge eines starken beruflichen Selbstvertrauens von Frauen aus dem Osten.

Anna Kaminsky: In gewisser Weise mag dies stimmen. Viele Frauen aus der DDR haben durch ihren hohen Grad an Berufstätigkeit unter teilweise sehr schweren Bedingungen die Erfahrung gemacht, dass sie genauso viel und gut leisten können wie Männer – und das hat natürlich berufliches Selbstvertrauen geformt. Das sieht man auch daran, wie gut diese Frauen nach 1990 die wirklich widrigen und schweren Bedingungen in der Marktwirtschaft gemeistert haben und sich beruflich neu aufgestellt haben.

Passen die drei genannten Spitzenkandidatinnen in die genannte Schablone?

Alle drei Politikerinnen waren 1989 noch so jung, dass sie kaum mit den Schwierigkeiten einer Vereinbarkeit von Familie und Beruf selbst konfrontiert waren – das haben sie, wenn überhaupt, über ihre Mütter erfahren. Man könnte gegebenenfalls eine Gemeinsamkeit darin sehen, dass alle drei auch in der DDR nicht zum Durchschnitt gehörten. Angela Merkel und Katrin Göring-Eckardt haben einen christlichen Hintergrund, mussten also frühzeitig mit besonderen Anforderungen an sich selbst umgehen. Der SED-Staat hat ja insbesondere Kinder aus christlichen Elternhäusern benachteiligt.

Kann man Ihnen die ostdeutsche Prägung fast 27 Jahre nach der Wiedervereinigung überhaupt noch anmerken?

Ich finde das nicht – und ich sehe wenig Unterschiede zu anderen Frauen in der Bundes- oder Landespolitik. Alle Menschen in Spitzenpositionen müssen hohes Durchhaltevermögen und hohe Belastbarkeit – physisch und psychisch – mitbringen, auch wenn wie gesagt nur wenige Frauen in Spitzenpositionen kommen können.

Sie sprechen von einer von der DDR-Staatsführung auferlegten Emanzipation. Welche Rolle hatten die Frauen damals?

Was ich mit dieser Aussage meine, ist, dass in der DDR von der Staatsführung vorgegeben wurde, wie Gleichberechtigung aussehen sollte. Dabei ging es darum, dass Frauen genauso wie Männer arbeiten sollten. Eine wirkliche Emanzipation – auch im Sinne, dass eigene Positionen artikuliert und vertreten werden konnten, gab es nicht – und sollte es auch nicht geben. Allerdings haben viele Frauen eben aus der Erfahrung, dass sie genauso viel wie Männer im Beruf leisten und zusätzlich noch den Haushalt und die Kinder größtenteils versorgen mussten, eben großes Selbstvertrauen gezogen.

Führt eine hohe Erwerbsquote von Frauen irgendwann zu einer Gleichstellung?

Ich denke, dass finanzielle und materielle Unabhängigkeit eine Voraussetzung für die Gleichstellung von Frauen und Männern im zwischenmenschlichen Bereich darstellt. Aber zu wirklicher Gleichstellung gehört weit mehr. Allerdings können sich selbstbewusste Frauen viel besser um die Wahrnehmung ihrer Interessen und die Durchsetzung ihrer Rechte kümmern, als Frauen, die sich abhängig fühlen und den Eindruck haben, sie müssten abwarten, was ihnen der Mann oder der Staat zugesteht.

Bekannte junge Feministinnen wie Anne Wizorek sagen, sie orientierten sich an der Unabhängigkeit der Frauen in der DDR und weniger an der Vorkämpferin Alice Schwarzer. Also: mehr Pragmatismus und flexible Rollenmuster und weniger Idealismus?

Ich finde, dass die DDR als Vorbild für Emanzipation, Feminismus oder Unabhängigkeit nicht wirklich taugt. Wer war denn in der DDR unabhängig? Wenn damit gemeint ist, dass Frauen relativ unabhängig von Männern in den 1980er-Jahren im privaten Bereich ihre Entscheidungen getroffen haben, dann stimmt das sicher. Immer wieder hört man, dass Frauen sagen, dass sie in der DDR auch ohne einen Mann ihr Leben leben konnten – und dass sie Männer in ihre Entscheidungen nicht mehr einbezogen haben, etwa bei der Familienplanung.

Also würde es zu weit führen, von einem Feminisimus in der DDR zu sprechen?

DDR-Frauen konnten mit dem Begriff Feminismus – und dem, was man darüber aus dem Westen hörte – wenig anfangen. Sie haben sich auch nicht grundsätzlich als Gegnerinnen von Männern verstanden. Männer wurden vor allem als Partner gesehen – auch dabei, gegen die Zugriffsgewalt des Staates Rückzugsräume zu schaffen.

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08.09.2017, 06:00 Uhr
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