Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Mit Jungstar August Diehl

Als Komparse beim Drehtag an der Uni (mit Video)

Walter Jens mustert das Publikum. „Warum sind Schriftsteller wie Musil, Heinrich Mann oder Broch den meisten unbekannt?“ fragt er.

19.04.2010

Von Fabian Ziehe

Beim Dreh vom Film "Wer wenn nicht wir"
Videoplayer konnte nicht geladen werden.

Beim Dreh vom Film "Wer wenn nicht wir" --

03:10 min

Ich schaue interessiert, das Kinn aufgestützt. Dabei warte ich nur auf die Schritte, den Blick des Professors, seinen ironischen Satz zu Bernward Vesper, der da zu spät gekommen ist. Topffrisur, grünes Sakko, Milchgesicht: Er kommt zum x-ten Mal zu spät, und ich schaue zum x-ten Mal indigniert. Ein endloses Déjà-vu.

„Danke“, sagt Regisseur Andres Veiel. Gemurmel im Hörsaal 9 der Neuen Aula: Wer gerade Student oder Intellektueller war, klagt nun über Hunger, reckt den Hals, um die Crew zu beobachten, spitzt die Ohren. Denn Veiel spricht mit dem Zuspätkommer. Der ist freilich nicht Vesper, sondern Schauspieler August Diehl. Er ist der Star des Kinofilms „Wer wenn nicht wir“, der die Geschichte der Terroristin Gudrun Ensslin und des Autors Bernward Vesper erzählt. Für den Streifen klappern die Filmleute derzeit Drehorte in Tübingen ab. Am Samstag drehen sie an der Uni.

Mitte März wurde ich wie 150 andere gecastet, nun bin ich Komparse. Cord-Sakko, Anzughose, Hemd, Krawatte: Ich sehe scheußlich aus, tödlich bieder. Die Frisur toppt alles, ein Seitenscheitel. „Ein bisschen Tolle muss sein“, so die Maskenbildnerin. Es fühlt sich an wie Stahlbeton. Die anderen Jungs ähneln mir. „Ich sehe aus wie ein Nazi“, schnaubt einer.

Nach der Klappe ist vor der nächsten Klappe: Der Hörsaal 9 der Tübinger Neuen Aula wurde am Samstag zum Set für den Kinofilm „Wer wenn nicht wir“. Bild: Faden

Schon beim Casting hörte ich, dass Komparsen Geduld brauchen. „80 Prozent der Zeit besteht aus Warten“, sagt ein Mitkomparse, als wir herausgeputzt aus dem Clubhaus (dem Komparsen-Hauptquartier) liefen, um auf den Einsatz zu warten. Die Passanten beäugen uns wie Aliens: Die Männer bieder in Grau und Braun, die Frauen in Röcken mit Falten oder Karomuster, Blusen und Stöckelschuhen. Die frühen 60er müssen eine gruselige Modezeit gewesen sein.

„Ich freue mich auf unsere Zeitreise“, meint Veiel vor der ersten Klappe. Ein sympathischer Typ, die Haare zerzaust, der T-Shirt-Kragen ausgeleiert. Wer hinter der Kamera steht, ist sicher vor den Maskenbildnerinnen, die durch die Reihen ziehen und zurechtzupfen. Auch die Crew sorgt für Bewegung: Erst sitze ich in der Zweiten, dann fast in der letzten Reihe, zuletzt in der Mitte. Je nach dem, wo die Kamera steht, müssen die Bankreihen voll sein.

Die Szene bleibt dieselbe bis zum Nachmittag. Irgendwann gebe ich auf, die Klappen zu zählen. Ich beobachte das Treiben: Auf der Hebebühne vor dem Fenster etwa sitzt eine Helferin, nur um die Scheinwerfer neu zu justieren. Andere schleppen Stative, Platten, Kabel und Boxen. Überall wuselt es.

Auch Diehl und Benjamin Sadler, der Walter Jens spielt, müssen viel warten. Diehl ist stoisch, ohne Star-Allüren. Sadler blödelt gar mit den Komparsen. Trotz aller Details, die es zu beachten gibt: Keiner wirkt übermäßig genervt.

Am Nachmittag dann eine Szene am Hinterausgang der Neuen Aula. Diehl kommt aus dem Gebäude und rempelt Lena Lauzemis an, die Gudrun Ensslin spielt. Derweil schlendern wir Komparsen durch den Hof. Ich habe mich als Raucher geoutet, ein Fehler: Gut 20 Mal wird die Szene gedreht. Also anzünden, zwei Mal ziehen, ausmachen – sonst hätte ich es auf 20 statt nur auf fünf Zigaretten gebracht.

Langsam ist es gut – das gilt für die Komparsen wie die Crew. Warten und immer wieder dasselbe tun, dazu die Stadtbusse die gleich nebenan halten und den Tonmann fast in die Verzweiflung treiben: Kurz nach 18 Uhr ist jeder froh, als die letzte Klappe geschafft ist. „Vielen Dank, das war ein toller Drehtag“, sagt Regisseur Veiel noch in die Komparsenrunde.

Zum Artikel

Erstellt:
19. April 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
19. April 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. April 2010, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Aus diesem Ressort

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+